06.09.2017
Kolumne Hurrikan Harvey

Houston – und wir – haben ein Problem

Der US-Bundesstaat Texas kämpft seit Tagen mit den schweren Folgen des Hurrikans Harvey. Und der nächste Hurrikan zieht schon herauf: Bei Irma warnen Experten bereits vor „potenziell katastrophalen“ Folgen. Wie stark Naturkatastrophen Menschen treffen können, sieht man auf den ersten Blick. Wie stark Menschen dieses Schicksal aber auch in Kauf nehmen, wenn nicht gar provozieren, sieht man dagegen oft erst auf den zweiten. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hat am Wochenende beim Kongress Hilfsmittel von fast 8 Mrd. Dollar für die Katastrophen-Region Houston, Texas, beantragt. Die tatsächlichen Schäden dürften deutlich über dieser Summe liegen. Kein Wunder: Binnen weniger Tage fielen in dem Staat bis zu 1250 Liter Regen pro Quadratmeter – ein Rekord für das Festland der Vereinigten Staaten. Zum Vergleich: die Unwetter „Paul“ und „Rasmund“, die Ende Juni/Anfang Juli in Deutschland gewütet hatten, verursachten versicherte Schäden von über einer halben Milliarde Euro.

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Houston ist für sehr liberale Baugesetzgebung bekannt, wenn nicht gar berüchtigt

Wie stark Naturkatastrophen die Menschen treffen können, sieht man bei den Bildern aus den USA auf den ersten Blick. Wie stark die Menschen dieses Schicksal aber auch in Kauf nehmen, wenn nicht gar provozieren, sieht man dagegen manchmal erst auf den zweiten. Die gewaltigen Kosten, die Harvey verursachen dürfte, entstehen vor allem, weil die Verantwortlichen in der prosperierenden Region rund um Houston mit rund 6,5 Millionen Einwohnern im großen Stil Bebauungen in Niederungen zugelassen haben. Diese werden und wurden bekanntermaßen regelmäßig von Überflutungen heimgesucht.

Houston ist für eine sehr liberale Baugesetzgebung bekannt, fast schon bin ich geneigt zu sagen: berüchtigt. „Das menschengemachte Desaster“ kommentiert daher die FAZ die derzeitige Lage in den USA. Da ist von „laxen Bauregeln“ und „kurzsichtigen Lokalpolitikern“ die Rede. Da ist von privaten Versicherern zu lesen, die die Naturgefahrenrisiken rund um Houston nicht mehr schultern wollten, und vor allem von den Grenzen und Fehlanreizen einer bundesstaatlichen Flutversicherung, die die aktuelle Entwicklung begünstigt haben: „Houston, wir haben ein Problem.“

In Deutschland sieht die Situation zum Glück noch etwas anders aus, wenngleich die Probleme im Grunde dieselben sind: Nahezu alle Besitzer von Gebäuden können sich hier gegen Elementargefahren versichern. Eine Pflichtversicherung lehnt unsere Branche daher aus guten Gründen ab. Damit die Folgen von Naturgefahren auch in Zukunft versicherbar bleiben, wollen wir Versicherer unseren Beitrag leisten: Wir werten Daten aus. Wir schaffen die Voraussetzungen, um Schäden durch extreme Wetterlagen schnell zu regulieren. Wir informieren unsere Kunden über Gefahren durch Wetterphänomene wie Überschwemmung, Starkregen oder Stürme – und setzen uns dafür ein, Schäden vorzubeugen.

Die richtigen politischen Rahmenbedingungen

Gerade im Bereich der Prävention sind wir dabei auf die richtigen politischen Rahmenbedingungen angewiesen. Die Lage rund um Houston, ebenso wie die jüngste Serie von Starkregenereignissen in Deutschland, ist alarmierend und derart bezeichnend, dass ich, gerade auch im laufenden Bundestags-Wahlkampf, sensibilisieren möchte.

So ist es mir vollkommen unverständlich, dass (hoch)wassersicheres Bauen 15 Jahre nach den verheerenden Elbe-Fluten noch immer kein Bestandteil der Bauvorschriften ist. Und nein: Das Argument „Bauen und Wohnen darf nicht teurer werden“, das wir immer wieder von Teilen der Bundes- und Landespolitik hören, überzeugt hier nicht. Es ist vielmehr volkswirtschaftlicher Unsinn. Denn die Schäden an ungeschützten Häusern kosten die Bauherrn später ein Vielfaches dessen, was ex ante für eine (hoch)wassersichere Errichtung oder Sanierung des Gebäudes notwendig gewesen wäre.

Der Schutz am Gebäude selbst hat dabei selbstverständlich Grenzen. Daher dürfen neue Baugebiete in Überschwemmungsflächen schlicht nicht mehr zulässig sein. Hier bestehen auch in Deutschland immer noch zu viele Ausnahmeregelungen. Jeder politisch Verantwortliche sollte sich am Beispiel von Houston daher noch einmal vor Augen führen, was passiert, wenn in Überschwemmungsgebieten wider besseres Wissen gebaut wird: Das Wasser findet weiter seinen Weg, dann aber mit zerstörerischer, oft existenzvernichtender Kraft.

Auch außerhalb klassischer Überschwemmungsgebiete müssen wir uns auf Überflutungen einstellen. Hier in Berlin konnte man sich vor kurzem noch einmal selbst von den Folgen extremer Niederschläge überzeugen. Ganze Flutwellen wälzten sich durch die Stadt. In einigen Ortslagen nördlich von Berlin kämpfen die Bewohner immer noch mit den Folgen, da das Wasser sich in tieferen Lagen gesammelt hat und von dort nicht mehr abfließen kann. Konsequenterweise müssen daher auch die gesetzlichen Vorgaben für die Siedlungsentwicklung im Baugesetzbuch und Wasserhaushaltsgesetz auf den Prüfstand gestellt werden. Sie sollten künftig so ausgestaltet sein, dass ein Schadenrisiko durch Hochwasser, Starkregen, Rückstau der Kanalisation oder urbane Sturzfluten vermindert wird.

Bebauungspläne regelmäßig überprüfen

Zugleich müssen Städte und Gemeinden die Erkenntnisse und Erfahrungen aus Hochwasser- und Starkregenereignissen in die Bauleitplanung einbeziehen. Architekten, Ingenieure, Projektentwickler und Versicherer sollten im Interesse einer wirklich nachhaltigen Prävention systematisch an diesem Prozess beteiligt werden. Hierzu gehört es auch, dass Städte und Gemeinden bestehende Bebauungspläne in gefährdeten Bereichen sowie die korrespondierenden Raum- und Flächennutzungsplanungen regelmäßig überprüfen. Schließlich wurde der weitaus überwiegende Teil der Bebauungspläne zu einer Zeit beschlossen, als viele der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Extremwetterlagen und Klimawandel noch nicht vorlagen.

Zu guter Letzt: Die Bilder dieses Sommers sind ein weiterer Ansporn für eine bundesweite Informationskampagne und ein bundesweites Naturgefahrenportal – diese von der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossenen Ziele sollten zügig angegangen werden – der nächste Regen kommt bestimmt.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth