30.08.2017
Kolumne Kfz-Herbst

Weichenstellung im Autoherbst

Die Hochsaison der Autoversicherer, das, was wir „Kfz-Herbst“ nennen, steht vor der Tür. Für Millionen von Kunden beginnt mit dem Jahreswechsel ein neues Versicherungsjahr. Zur Kalkulation dieser Tarife nutzen wir Versicherer Daten. Aber wer hat die Souveränität über Daten? Diese Frage wird 2018 immer drängender gestellt werden. Meine Meinung ist klar: Die Daten vernetzter Autos gehören nicht den Automobilherstellern, sondern in die Hände der Autofahrer. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Der GDV veröffentlicht in diesen Tagen die neuen Regional- und Typklassen für das Jahr 2018. Traditionell veröffentlichen wir zuerst die Regionalklassen, diese bilden, wenn man so will, die Schadenbilanz einer Region ab. Damit können sie, wie auch die Typklassen, die Versicherungsbeiträge von Millionen Versicherten beeinflussen – und stoßen deshalb auf großes Medien- und Kundeninteresse.

Aber Regional- wie Typklassen sind natürlich nur Ausschnitte eines Gesamtbildes, mit dessen Hilfe Versicherer das Risiko jedes Autofahrers ermitteln. Wie erfahren und wie alt sind die Fahrer? Wie viele Kilometer legen sie im Jahr zurück? Steht das Auto in der Garage oder auf der Straße? All diese und weitere Angaben der Versicherten machen es möglich, das jeweilige Risiko jedes Kunden sehr genau einzuschätzen.

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Je umfangreicher und präziser die Daten, desto besser werden Risikokalkulation und Service

Seit langem praktizieren die deutschen Versicherer in der KfZ-Versicherung eine maßgeschneiderte Risikokalkulation. Die funktioniert natürlich umso besser, je mehr aussagekräftige Daten die Versicherer heranziehen können. Und das gilt nicht nur in der Kfz-Versicherung. Zuletzt zeigten beispielsweise neue Daten unseres Geo-Informationssystems ZÜRS (Zonierungssystem Überschwemmung, Rückstau und Starkregen), dass weniger Häuser in die höchste Gefahrenklasse 4 einzuordnen sind. Dadurch lassen sich nun rund 58.000 Hausbesitzer einfacher als bislang gegen Überschwemmungen versichern.

Ähnlich wie diese Hausbesitzer könnten in Zukunft auch Autofahrer von neuen Daten profitieren: nämlich von den Daten, die ihre vernetzten und mit immer mehr Elektronik und Sensoren ausgestatteten Autos erfassen. Bereits heute nutzt eine wachsende Zahl von Versicherern konkrete Fahrdaten für Telematik-Tarife, die besonders vorsichtiges Fahren prämieren. Autofahrer können im Zuge der Digitalisierung zudem von neuen Dienstleistungen der Versicherer profitieren, wie die Branche mit dem Unfallmeldedienst zeigt. Das automatische Notrufsystem kann dank eines kleinen Steckers und einer Smartphone-App nach einem Unfall sofort Hilfe holen und die Rettungskräfte direkt an den Unfallort lotsen – auch und gerade wenn der Fahrer selbst dazu nicht mehr in der Lage ist.

Sowohl für den Unfallmeldedienst als auch für die Telematik-Tarife brauchen die Kfz-Versicherer aber mehr Daten, als sie bislang hatten. Sie erheben diese Daten heute mit Hilfe von Smartphone-Apps, Telematik-Boxen im Motorraum oder mit Steckern im Zigarettenanzünder. Noch ist das ein großer Vorteil, denn solche Systeme lassen sich in fast allen Autos nachrüsten.

Doch für neue Automodelle ist das bald schon Schnee von gestern. Denn neue Automodelle fahren ab April 2018 ohnehin standardmäßig vernetzt – dank des europäischen Notrufsystems eCall. Diese Vernetzung eröffnet den Autofahrern die Chance, die relevanten Fahrzeugdaten zukünftig direkt und ohne den Einbau zusätzlicher Hardware an die Versicherer zu übermitteln.

Kein Datenmonopol der Autohersteller, sondern Wahlfreiheit der Verbraucher

Die Voraussetzung dafür ist aber, dass nicht die Hersteller, sondern die Autofahrer die Kontrolle über diese Daten erhalten. Sie müssen frei entscheiden können, an wen sie ihre Fahrzeugdaten übermitteln – an Autohersteller, Versicherer, Kfz-Betriebe, Mobilitätsdienstleister oder Automobilclubs. Denn: Hätten die Hersteller den alleinigen Zugriff auf die Daten, könnten sie den Wettbewerb um das beste Serviceangebot einschränken und einzelne Märkte dauerhaft abschotten. Zu ihrem Vorteil, aber zum Nachteil der Autofahrer – die nicht nur Kunden der Autohersteller, sondern ebenso Kunden ihrer Versicherer sind und von diesen zu Recht die bestmögliche Risikokalkulation und den bestmöglichen Service erwarten.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth

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