16.08.2017
Kolumne Transparenz

Eine kurze Versicherungsbegriffsgeschichte

Nicht erst seit gestern treten wir Versicherer für mehr Transparenz ein. Tatsächlich ist das alles andere als ein Lippenbekenntnis. Eine Umbenennung legt davon beredt Zeugnis ab. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Mit dem Wort „Begriff“ hat die deutsche Sprache ein bemerkenswertes Wort im Köcher: Begriff kommt von begreifen. Je besser man Begriffe fasst, desto besser lässt sich Wirklichkeit anfassen, erfassen. Man begreift, worum es eigentlich geht. Neudeutsch heißt das Transparenz. Ja, ja, werden Sie jetzt denken, das sagt ausgerechnet einer aus von denen, die einige der seltsamsten Begriffsungetüme erfunden haben, die das Deutsche so zu bieten hat: Man denke an das Langlebigkeitsrisiko, den Mitrückversicherungspool oder gar die Kollisionsexzedenten-Zusatzversicherung.

Dass sich die Versicherer mit der Verständlichkeit ihrer Begriffen so schwer tun, hat natürlich damit zu tun, dass es um rechtlich und fachlich mitunter komplizierte Sachverhalte geht. Deswegen haben Mathematiker und Juristen bis heute prägenden Einfluss auf die Branche und auf deren Sprache. Womit wir mitten im Thema sind.

Aus der Elementarschadenversicherung wird die Naturgefahrenversicherung

Aus der Elementarschadenversicherung wird ab sofort die Naturgefahrenversicherung. Das mag nach Belanglosigkeit klingen, ist es aber nicht. Denn wir haben es hier mit einer Versicherungsangebot zu tun, das für alle diejenigen existenziell wird, die die Launen der Klimaveränderungen am eigenen Leib oder, vor allem, dem eigenen Heim zu spüren bekommen. Und das werden immer mehr. Die Crux daran ist, dass die gewöhnliche Wohngebäudeversicherung zwar gegen die Folgen etwa von Hagel und Sturm absichert, nicht aber das Risiko von Überschwemmungen durch Hochwasser oder Starkregen abdeckt. Dafür brauchte es bisher die „erweiterte Elementarschadenversicherung“. Deren Schöpfer hatten die vier Elemente „Feuer“, „Wasser“, „Luft“ und „Erde“ im Sinn, als sie den Begriff vor vielen Jahrzehnten erschufen.

GDV-NEWSLETTER

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Der GDV-Newsletter bietet einen aktuellen Überblick über die wichtigsten Themen der Versicherungswirtschaft – immer donnerstags in Ihrem E-Mail-Postfach.
Hier abonnieren

Nun hat eine breit angelegte Verbraucherumfrage im Auftrag des GDV im vorigen Jahr unter anderen zu Tage gefördert, dass viele Verbraucher erhebliche Schwierigkeiten mit dem Wort „Elementarschaden“ haben. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, denn Sprache entwickelt sich nun einmal kontinuierlich fort. Wer weiß heute spontan noch, was sich hinter „Galanteriewaren“ verbirgt? Oder dem „Stiefelknecht“?

Dennoch war für uns klar: es besteht Handlungsbedarf – sprich, wir müssen etwas tun. Denn als Versicherungswirtschaft setzen wir ja darauf, mit Informationskampagnen bundesweit dafür zu sorgen, dass sich immer mehr Hausbesitzer gegen weitere Elementarschäden, sprich Naturgefahren, absichern. Da ist es fatal, wenn der zentrale Begriff nicht richtig verstanden wird.
Und deswegen haben wir aus der Versicherung von Elementarschäden die Versicherung von Naturgefahren gemacht. Eine Journalistin reagierte kürzlich beim ersten Praxistest spontan begeistert: Jetzt wisse man endlich, worum es dabei gehe, sagte sie bei einer Recherche am Telefon. Das hat mich gefreut, wie Sie vielleicht wissen, setze ich mich lange schon für mehr Transparenz ein.

Entzerren, reduzieren, veranschaulichen

Seit 2010 überarbeiten wir sukzessive unsere Musterbedingungen, das ist der Rahmen für Versicherungsverträge, an denen sich die Branche orientiert. Wir haben das in Zusammenarbeit mit dem Sprachwissenschaftler Professor Günther Zimmermann getan. Entzerren, reduzieren, veranschaulichen, das war dabei unsere Devise. Dieser Vorstoß hat viel Resonanz erzeugt und ist auch von Verbraucherschützern gelobt worden.

Wenn wir nun die Elementarschadenversicherung auf den Haufen der Versicherungsbegriffsgeschichte werfen, dann ist das nur ein kleiner Schritt für mehr Verständlichkeit. Aber nur so geht es, Stück für Stück, Wort für Wort. Es gibt ja, Stichwort Langlebigkeitsrisiko, noch so viel zu tun.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth

P.S. Sollten Sie ein Lieblingswortungetüm haben, schicken sie es einfach an mich. Wir kümmern uns darum.