15.08.2017
Bundesliga-Start

„Der Absicherungsbedarf wächst“

Sportinvalidität kann für Profifußballer und ihre Klubs hohe Einnahmeausfälle bedeuten. Spezielle Versicherungen decken das Risiko ab. Im Interview mit GDV.DE erklärt Michael Walther, Senior Medical Underwriter bei Ergo Specialty, wie die Produkte funktionieren – und welche Folgen die explodierenden Ablösesummen und Gehälter für den Markt haben.

Herr Walther, der Transfermarkt spielt gerade verrückt. Die Ablösesummen schießen durch die Decke. Wie wirkt sich das auf ihr Geschäft mit Fußballversicherungen aus?
Michael Walther: Wir sehen, dass der Absicherungsbedarf wächst und tendenziell höhere Versicherungssummen nachgefragt werden. Das gilt nicht nur für Marktwertversicherungen, sondern auch für Sportinvaliditätsversicherungen. Denn mit den Ablösesummen steigen ja auch die Gehälter.

Wofür braucht es solche Versicherungen eigentlich?
Walther: Den Klubs geht es um die Absicherung ihres Vermögens. Wenn sie beispielsweise 20 Mio. Euro für einen Transfer ausgeben, wollen sie sich vor dem Risiko schützen, dass eine Sportinvalidität des Spielers ihre Investition zunichtemacht. Deshalb schließen sie eine Marktwertversicherung ab. Die Spieler wiederum sichern Verdienstausfälle ab, die mit einem vorzeitigen Karriereende verbunden sind. Diese Sportinvaliditätsversicherung – wir nennen sie auch Spielereigendeckung – ist gewissermaßen eine Sonderform der Berufsunfähigkeitsversicherung.

Wie funktionieren die Produkte genau?
Walther: Marktwertversicherungen und Spielereigendeckungen sind im Grunde sehr ähnlich. Es geht um die Absicherung ein und desselben Risikos, nämlich dass ein Spieler seinen Beruf als Fußballprofi nicht mehr ausüben kann. Beide Produkte haben nur eine Laufzeit von einem Jahr und werden regelmäßig erneuert. Und bei beiden wird im Schadenfall keine Rente gezahlt, sondern eine Kapitalentschädigung. Der einzige Unterschied ist die Versicherungssumme.

Inwiefern?
Walther: Die Klubs schreiben die Ablösesumme eines Spielers über dessen Vertragslaufzeit in ihrer Bilanz ab. Deshalb hängt die Versicherungssumme einer Marktwertversicherung vom aktuellen Buchwert des Spielers ab. Bei Spielereigendeckungen orientiert sich die Versicherungssumme hingegen am Lohn. Im Schnitt umfasst sie drei Jahresnettogrundgehälter, aber das schwankt individuell. Spieler, die einen bescheidenen Lebensstil pflegen und hohe Ersparnisse haben, kommen mit einer geringeren Absicherung aus. Diejenigen, die viel Geld ausgeben oder einige Immobilienkredite zu tilgen haben, liegen dagegen über dem Schnitt. Und tendenziell sinkt natürlich der Absicherungsbedarf, je näher das Karriereende rückt.

Michael Walther kennt das Geschäft mit der 1. und 2. Bundesliga. Die allermeisten Spieler haben eine Sportinvaliditätsversicherung. Kein Wunder, denn zum Karriereende führen meist Verletzungen am Knie- und Sprunggelenk oder chronische Belastungsschmerzen.

Wie verbreitet sind solche Versicherungen?
Walther: Wir konzentrieren uns ja nur auf die 1. und 2. Fußball-Bundesliga. Und für beide Ligen kann man sagen: Die allermeisten Spieler haben heutzutage eine Sportinvaliditätsversicherung. Was Marktwertversicherungen angeht, so handhaben das die Vereine ganz unterschiedlich. Es gibt Klubs, die sichern nur einen Teil ihres Kaders ab. Und einige – selbst aus der 1. Bundesliga – verzichten gar völlig darauf, weil sie sich am Transfermarkt eher zurückhalten und stärker auf den eigenen Nachwuchs oder junge Talente setzen, die nicht viel kosten.

Aber wenn ein Talent durchstartet und sein Marktwert in die Höhe schießt: Rufen die Vereine nicht spätestens dann beim Versicherer an?
Walther: Solche Fälle spielen praktisch keine Rolle. Es kommt mal vor, dass ein Verein einen Spieler, dessen Vertrag noch einige Monate läuft, bereits verkauft hat und der dann eine Versicherung abschließt, weil er mit den Transfereinnahmen bereits kalkuliert. Das ist aber selten. Im Kern geht es bei der Marktwertpolice um die Absicherung des investierten Kapitals und nicht etwaiger Verkaufserlöse.

Das heißt: Auch wenn ein Top-Spieler ablösefrei wechselt, verzichtet der neue Verein auf eine Marktwertversicherung?
Walther: Tendenziell ja.

Was kostet eigentlich der Versicherungsschutz? Und wonach bemisst sich der Preis?
Walther: Wir kalkulieren die Prämien für jeden Spieler individuell. Im Schnitt liegen sie bei rund einem Prozent der Versicherungssumme, wobei die Spanne von 0,6 bis 2,0 Prozent reichen kann. Das hängt vor allem vom Alter des Spielers ab. Der überwiegende Teil der Fußballer hört ja nicht deshalb auf zu spielen, weil sie das wollen, sondern weil sie eine schwere Verletzung dazu zwingt. Und da im Alter die Verletzungsanfälligkeit nun mal steigt und der Rucksack mit bereits erlittenen Verletzungen immer schwerer wird, wird dann auch der Versicherungsschutz teurer.

Der Fußball ist in den vergangenen Jahren körperlicher und schneller geworden: Hat sich damit für die Spieler auch das Invaliditätsrisiko erhöht?
Walther: Das Spiel ist zweifellos schneller geworden, deshalb gibt es sicherlich auch etwas mehr Muskelverletzungen. Die bedeuten aber meist nicht das Karriereende. Dass die Fußballspieler heute anfälliger für Sportinvalidität sind, kann ich nicht bestätigen. Auch die Ursachen für Sportinvalidität sind nahezu unverändert. Meist sind es instabile Knie- oder Sprunggelenke oder chronische Belastungsschmerzen, die zum vorzeitigen Karriereende führen.

Interview: Karsten Röbisch