28.07.2017
Kolumne Transparenz

Von offenen Büchern und vergleichbaren Abschlüssen

Lebensversicherer können ihre Verpflichtungen erfüllen. Wer etwas anderes behauptet, hat das Regelwerk Solvency II nicht verstanden. Unterdessen steht die Branche vor einem weiteren Meilenstein für die Vergleichbarkeit von Versicherern: Der neue Rechnungslegungsstandard IFRS 17 wird ähnlich bedeutend werden wie Solvency II. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Natürlich freut es mich, wenn ich lese, dass sich die deutschen Lebensversicherer derzeit trotz aller Herausforderungen auch im internationalen Vergleich „recht beachtlich“ schlagen. Kein Geringerer als die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) bilanziert so die aktuelle Lage. Auch die heute veröffentlichte vertiefte Analyse der ersten Jahreszahlen zeigt nach Ansicht der Aufseher: „Versicherer erfüllen Anforderungen nach Solvency II.“ Dafür arbeitet unsere Branche hart – auch an der Kommunikation dieser Tatsache, die – Hand aufs Herz – gar nicht so einfach ist. Das liegt übrigens auch daran, dass vor allem derjenige, der daran zweifelt, mediale Aufmerksamkeit erfährt.

Digitalisierung, Globalisierung, Regulierung und nicht zuletzt die Niedrigzinsphase fordern Versicherer heraus – keine Frage. Da ist es mehr als verständlich, dass sich nicht nur die Aufsichtsbehörden, sondern auch unsere Kundinnen und Kunden sowie Investoren ein Bild von den wirtschaftlichen Verhältnissen und bestehenden Risiken eines Versicherers machen wollen.

Warnungen vor Fehlinterpretationen

Darum begrüßen wir auch Solvency II. Neben einer Vielzahl von Informationen zu Kapitalausstattung, Kapitalanlagen und Risikokalkulation veröffentlichen Versicherer hier auch ihre jeweilige Bedeckungsquote. Die gibt das Verhältnis der verfügbaren zu den aufsichtsrechtlich geforderten Eigenmitteln an. Und natürlich kann die Bedeckungsquote zum Vergleich der Stabilität von Versicherungsunternehmen herangezogen werden – als eine Zahl unter vielen und als ein erster Anhaltspunkt. Es ist allerdings ein Irrglaube zu meinen, die Kapitalstärke eines Unternehmens auf eine einzige Kennzahl reduzieren zu können. Dazu bedarf es differenzierterer Analysen – heute und erst recht in der Zukunft. Übrigens warnt auch die Bafin vor einer solchen Fehlinterpretation. Die Quoten taugten nicht zur Aufstellung einer Rangliste, denn für sich genommen, isoliert seien sie nur bedingt aussagekräftig, steht in der Pressemitteilung der Aufseher zu ihrer Jahrespressekonferenz.

Gerade vor diesem Hintergrund ist es sehr betrüblich, dass es doch immer wieder zu Fehlinterpretationen kommt. Erst heute Morgen war das wieder mein Eindruck – ausgerechnet bei der Lektüre der Titelseite der größten deutschen Tageszeitung. Richtig ist: Lebensversicherer können ihre Verpflichtungen erfüllen. Wer etwas anderes behauptet, hat das in der Tat komplexe Regelwerk Solvency II nicht verstanden – oder will es nicht verstehen. Unternehmen mit einer Bedeckungsquote von 100 Prozent verfügen über ausreichend Kapital, um Risiken zu stemmen, die statistisch maximal alle 200 Jahre eintreten. Ich möchte daran erinnern, dass durchschnittliche Wert der deutschen Lebensversicherer bei etwa 340 Prozent liegt.

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Drei Hinweise zur Transparenz

Ist das alles transparent und vergleichbar genug? Lassen Sie mich drei Dinge dazu sagen:

Erstens: Alle Unternehmen machen die geforderten Angaben. Die wahrgenommene Unübersichtlichkeit der Berichte ist auch darauf zurückzuführen, dass durch die statische Abfrage viele inhaltliche Wiederholungen auftreten.

Zweitens: Wer Übergangsmaßnahmen oder das Volatility Adjustment anwendet, nutzt keine Rechentricks. Die Übergangsmaßnahmen sind integraler Bestandteil des Aufsichtsrechts und werden von Unternehmen aller europäischen Märkte in unterschiedlicher Ausprägung genutzt. Sofern Unternehmen das so genannte Rückstellungstransitional verwenden, müssen sie die Bewertungsdifferenz kontinuierlich zurückführen. Dieser Prozess wird auch von der Bafin überwacht.

Und drittens: Für die Zukunft zeichnet sich ein neues Regularium ab, das für unsere Branche ähnlich bedeutend werden kann wie Solvency II. Nach zwei Jahrzehnten kontroverser Beratungen hat das International Accounting Standards Board den Rechnungslegungsstandard IFRS 17 veröffentlicht. Ab dem Jahr 2021 wird damit die IFRS-Bilanzierung der Versicherungsverträge erstmals auf eine global einheitliche Grundlage gestellt: Die Vergleichbarkeit der Abschlüsse steigt damit noch einmal deutlich. Zwar sind nur kapitalmarktorientierte Unternehmen dazu verpflichtet, den neuen Standard einzusetzen, es ist aber wohl davon auszugehen, dass auch nicht börsenorientierte Versicherer diesem Beispiel folgen werden. Die Hintergründe haben wir hier bereits genauer dokumentiert.

Der Lohn der Mühe kann erheblich sein, ermöglicht uns der neue Rechnungslegungsstandard doch einmal mehr unter Beweis zu stellen, dass das Vertrauen der Kundinnen und Kunden sowie der Anleger in unsere Branche berechtigt ist.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth