19.06.2017
Kolumne Europäische Union

Worauf wir beim Poker um den Brexit achten müssen

Die Scheidungsverhandlungen zwischen Großbritannien und der EU sind angelaufen. Die ökonomischen Folgen des Brexit für deutsche Versicherer dürften vergleichsweise überschaubar ausfallen – eine Hängepartie können wir uns trotzdem nicht leisten. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Am 29. März 2017 hat die britische Regierung die Austrittserklärung ihres Landes bei der Europäischen Union eingereicht. Seither läuft der Countdown. Klar ist: Am 30. März 2019 wird Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU sein. Was danach kommt, weiß derzeit niemand so genau.

Die komplexesten Gespräche in der Geschichte der Diplomatie?

Es ist höchste Zeit, für Klarheit zu sorgen. Eine ganze Reihe deutscher Versicherer ist in Großbritannien tätig. Die insgesamt erzielten Beiträge von 1,3 Mrd. Euro im Jahr 2015 machen allerdings kaum mehr als 0,5 Prozent der gesamten Einnahmen unserer Branche aus. Die ökonomischen Folgen des Brexit für deutsche Versicherer halte ich daher für überschaubar. Ein Cliff-Edge-Szenario – der vollkommen ungeplante und daher unkontrollierte Ausstieg Großbritanniens aus dem europäischen Projekt – können wir uns, kann sich die gesamte europäische Wirtschaft dennoch nicht leisten. Wir brauchen Verlässlichkeit und Klarheit – für die europäischen Bürgerinnen und Bürger, aber auch für Europas Ökonomie.

Das wird kein Kinderspiel: Die Briten haben mit ihrer Entscheidung, die ich persönlich sehr bedauere, große Unsicherheit ausgelöst. Die nach den Parlamentswahlen geschwächte Regierung macht die schwierige Lage nicht leichter, selbst wenn ein kompromissloser, harter Brexit-Kurs etwas unwahrscheinlicher geworden ist. Gerade deshalb stehen Briten und die Europäische Union nun in der Pflicht, zügig klare und planbare Rahmenbedingungen herzustellen – einen Fahrplan zu entwickeln, wie es weitergeht.

Zügig? Spiegel Online schreibt von den „komplexesten Gesprächen in der Geschichte der Diplomatie“, die Anfang der Woche in Brüssel begonnen haben. Auch in der neuen Ausgabe unseres Verbandsmagazins „Positionen“ befassen wir uns mit dem Thema. Hier finden Sie auch eine große Infografik, die die Versicherungsmärkte Deutschland und Großbritannien gegenüberstellt.

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Wirtschaftliche Friktionen eines Brexit begrenzen

Was ist zu tun? Wir Versicherer begrüßen die bislang erkennbare, durchaus harte Linie der EU gegenüber den Briten. Eine britische Extrawurst darf es im Interesse des Zusammenhalts der EU27 nicht geben.

Wichtig für die jetzt gestarteten Verhandlungen sind vor allem, dass der freie Handel und die Freizügigkeit nicht völlig abgeschnürt werden. Wir müssen die wirtschaftlichen Friktionen begrenzen, die der Brexit unweigerlich mit sich bringen wird.

Zweitens gilt es ein Level-Playing-Field, also gleiche Wettbewerbsbedingungen, sicherzustellen – das heißt in einer stark regulierten Branche wie der unseren im Interesse unserer Kunden vor allem auf gleiche Anforderungen der Finanzaufsicht in Europa und Großbritannien zu achten.

Wir brauchen drittens klare Übergangsregeln – für fällige Anpassungen unseres Geschäftsbetriebs an die neue Situation, etwa für eine geordnete Abwicklung langlaufender Verträge in der Altersvorsorge, deren Laufzeit weit in die Post-Brexit-Zeit hineinreichen kann.

Es muss viertens gewährleistet sein, dass institutionelle Investoren aus Kontinentaleuropa Zugriff auf Finanzdienstleistungen aus Großbritannien behalten. Gleichzeitig muss aber der Finanzsektor auf dem Kontinent gestärkt werden, die Vollendung der Kapitalmarktunion ist hier zentral.

Zu guter Letzt: Der durch den Brexit notwendig gewordene Umzug der europäischen Bankenaufsicht EBA allein kann kein Grund dafür sein, die Struktur der europäischen Aufsicht vollkommen auf den Kopf zu stellen. Die unterschiedlichen Belange der Banken-, Versicherungs- und Wertpapiermärkte müssen auch nach einem Brexit angemessen berücksichtigt werden. Eine weitere Aufspaltung in eine Unternehmens- sowie eine Marktaufsicht lehnen wir dagegen strikt ab. Eine solche Doppelaufsicht würde zwangsläufig zu einer unzumutbaren Abstimmungsbürokratie führen.

Großbritannien ist ein sehr traditionsreicher Versicherungsmarkt, mit einem Beitragsvolumen von mehr als 320 Milliarden Dollar immerhin der größte Europas und die Nummer vier weltweit hinter den USA, Japan und China. Ich wünsche auch den Kolleginnen und Kollegen auf der britischen Insel eine glückliche Hand für die bevorstehenden Aufgaben.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth