13.06.2017
Kolumne Studie Automatisiertes Fahren

Nicht so schnell nach Utopia

Noch ist der Mensch am Steuer unersetzlich – und gerade deshalb gleichzeitig das größte Risiko im Straßenverkehr. Wird das autonome Fahren schon in 20 Jahren Realität? Brauchen wir dann gar eine Sondererlaubnis, um selbst ein Auto fahren zu dürfen? Gegenrede! Auch in zwei Dekaden werden weder Parkrempler noch schwere Unfälle der Vergangenheit angehören – spätestens auf den Straßen wird die automobile Revolution zur Evolution. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Folgt man den Visionen von Autobauern und Technologiekonzernen, gleichen unsere Straßen schon bald Utopia: Mit Strom oder Wasserstoff betriebene Autos bewegen sich emissionsfrei und autonom auf Autobahnen und im Stadtverkehr. Sie lassen sich von jedermann an jeder Ecke für wenig Geld ausleihen und sind für die Passagiere je nach Wunsch persönlicher Assistent, rollender Wellness-Bereich oder digitaler Vergnügungspark. Staus gehören in Utopia ebenso wie Unfälle und andere Schäden der Vergangenheit an, denn der Mensch sitzt nicht mehr selbst am Steuer, sondern überlässt das Lenken, Gas geben und Bremsen unfehlbaren Algorithmen in vernetzten Fahrzeugen.

Die segensreichen Wirkungen des Fortschritts schrumpfen schnell zusammen

Ich teile diesen Optimismus nicht. In den kommenden zwei Jahrzehnten wird Utopia nicht zur Realität. Das haben Experten des GDV in einer Studie festgestellt. Mit nüchternem Blick haben sie im Detail analysiert, welche Effekte Spurhaltesysteme, Einparkhilfen und Autobahnpiloten bis 2035 tatsächlich haben werden. Die Ergebnisse sind eindeutig. Der technologische Fortschritt kann Schäden vermeiden, ja – aber schon ganz pragmatisch betrachtet, kann er längst nicht alle Schäden verhindern – durch unvorsichtig geöffnete Türen, durch Marderbisse, durch Hagelschäden, durch Autodiebe. Bei genauerem Hinsehen schrumpfen die segensreichen Wirkungen des technologischen Fortschritts schnell weiter zusammen. Die neue Technik setzt sich nur langsam durch, stößt an Systemgrenzen und macht Reparaturen teurer. Unter dem Strich prognostizieren unsere Experten, dass der Schadenaufwand der Kfz-Versicherer bis 2035 um gerade mal 7 bis 15 Prozent sinkt. Dabei sind neue Risiken wie Hacker-Angriffe auf vernetzte Autos oder Software-Fehler in dieser Prognose noch gar nicht berücksichtigt.

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Worauf sich heute und in Zukunft jeder im Autoverkehr verlassen kann

Die Wunschträume vom unfallfreien Fahren bleiben auf absehbare Zeit das, was sie sind: Träume. Auch ein Ende der Kfz-Versicherung, das manche Strategieberater schon ebenso vollmundig wie alarmistisch verkünden, ist nicht absehbar. Im Gegenteil: Damit der Paradigmenwechsel in der Fahrzeugsteuerung vom menschlichen Fahrer zum automatisiert fahrenden Roboterauto gesellschaftlich akzeptiert wird, ist der Schutz von Verkehrsopfern durch eine Versicherung ebenso unabdingbar wie Rechtssicherheit für die Käufer und Fahrer moderner Autos. An beidem haben die jüngsten Änderungen des Straßenverkehrsgesetzes richtigerweise nichts geändert. Auch künftig stellt der Gesetzgeber sicher, dass dem Verkehrsopfer mit dem Kfz-Haftpflichtversicherer ein kompetenter und erfahrener Ansprechpartner zur Verfügung steht, der den Schaden reguliert. Darauf kann sich heute und in Zukunft jeder verlassen, der in Deutschland in einen Unfall verwickelt ist – ganz egal, ob ein menschlicher Fahrer oder ein Computer am Steuer saß.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth