22.06.2017
Grünbuch Alternde Gesellschaft

„Die Politik kann die steigende Lebenserwartung nicht ignorieren“

In einer neuen Studie untersuchen international renommierte Bevölkerungsforscher, wie die steigende Lebenserwartung unser Land verändert. Und was zu tun wäre, damit das lange Leben für die Deutschen auch ein gutes wird. Unterstützt wurde dieses Projekt durch den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. GDV-Präsident Alexander Erdland über mehr Zeit für die Familie in der Lebensmitte, mehr Durchblick bei der Einschätzung der persönlichen Lebenserwartung und mehr Tempo für einen neuen Generationenvertrag.

Herr Erdland, seit Jahren diskutieren wir in Deutschland über den demografischen Wandel. Warum gerade jetzt dieser Vorstoß zur „alternden Gesellschaft“?
Alexander Erdland: Weil Wissen und Handeln in Deutschland auseinanderfallen. Eigentlich wissen wir alle, dass sich durch die steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenzahlen vieles ändert. Allen ist klar, dass wir für eine alternde Gesellschaft vorsorgen müssen. Und das keineswegs nur bei der Rente. So gut wie alle Bereiche sind betroffen – von der Familie über die Zivilgesellschaft bis zur Wirtschaft. Trotzdem wird das Thema im Alltag oft vernachlässigt. Sowohl von den Bürgern wie von der Politik.

Zur Person

Alexander Erdland ist Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft

Woran liegt das?
Erdland: Aktuell verändert sich die Welt so schnell und radikal, dass die schleichende Alterung unserer Gesellschaft und ihre Folgen einfach unbemerkt bleiben. Außerdem wird die Tragweite der Entwicklung oft falsch eingeschätzt. Die meisten Deutschen unterschätzen ja sogar ihre eigene Lebenserwartung. Durchschnittlich um sieben Jahre. Vielen ist schon deshalb gar nicht bewusst, was sie persönlich und uns alle eigentlich erwartet. Darum wäre es sinnvoll, dass die durchschnittliche Lebenserwartung zumindest in der Renteninformation abgedruckt wird. Die Menschen müssen wissen, wie alt sie werden, um sich besser auf ihren Ruhestand vorbereiten zu können.

Und warum interessiert sich die Versicherungswirtschaft dafür?
Erdland: Seit langem beobachten wir als Lebensversicherer, wie sich die Lebenserwartung der Deutschen entwickelt. Und wir sehen, wie groß der Handlungsdruck hier ist. Darauf wollen wir aufmerksam machen – und, wo wir können, wollen wir natürlich helfen, diesen Wandel zu gestalten.

Was muss jetzt aus Ihrer Sicht getan werden?
Erdland: Bei der Altersvorsorge gibt es natürlich noch einiges zu tun. Das ist allen bewusst. Aber um die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft zu meistern, braucht es weit mehr. Die Politik kann die steigende Lebenserwartung nicht ignorieren. Wir müssen auch über eine Verlängerung des Arbeitslebens sprechen. Das zeigt auch das Grünbuch. Steigende Lebenserwartung und starre Altersgrenzen passen nicht zusammen. Dafür müssen wir allerding politisch und unternehmerisch neue Wege gehen. Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit muss begleitet werden von einer bildungspolitischen Offensive. Bedenkenswert finde ich aber auch den Befund der Autoren, dass eine längere Lebensarbeitszeit neue Möglichkeiten eröffnet. So empfehlen die Forscher zum Beispiel, die Lebensphasen stärker zu entzerren – das heißt, den Menschen in der Lebensmitte mehr Zeit für die Familie zu geben und dafür später länger zu arbeiten.

Grünbuch Alternde Gesellschaft
Wie das „neue Altern” unser Leben verändern wird

Der demografische Wandel lässt sich meistern – durch lebenslanges Lernen, flexiblere Erwerbsbiografien sowie einem neuen Blick auf das Altern. Das Grünbuch „Alternde Gesellschaft“ wurde vom Netzwerk „Population Europe“ gemeinsam mit der Initiative „7 Jahre länger“ veröffentlicht. Es versammelt eine breite Palette an Themen und bringt führende Experten aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen zusammen, um in kurzen Beiträgen einige grundlegende Fragen evidenzbasiert zur Diskussion zu stellen.

Download (PDF)

Durch Bildung soll jetzt der demografische Wandel bewältigt werden?
Erdland: Gute und vor allem lebenslange Bildung ist eine entscheidende Voraussetzung, damit längeres Arbeiten gelingen kann. Zum einen, um mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten. Aber auch, um sich passend zum körperlichen Alter auch beruflich weiter entwickeln zu können. Und gleichzeitig zeigt die Forschung auch, dass ein gutes und gesundes Altern mit guter Bildung zusammenhängt. Wenn wir ein Land des langen und guten Lebens werden wollen, müssen wir zuerst ein Land der lebenslangen und guten Bildung werden.

Und was empfehlen Sie der nächsten Bundesregierung?
Erdland: Den Ansatz, in einer Kommission dazu ein schlüssiges Gesamtkonzept zu entwickeln, finde ich erfolgversprechend. Denn für die notwendigen Veränderungen brauchen wir einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Man kann das auch einen „neuen Generationenvertrag“ nennen. Der muss jetzt aber schnell kommen. Denn wir haben nur noch wenige Jahre, um uns vorzubereiten. Die Versäumnisse von heute holen uns dann doppelt und dreifach wieder ein. Die kommende Bundesregierung ist die vielleicht die letzte, die den demografischen Wandel noch planbar und verlässlich gestalten kann. Da braucht es jetzt eine auf lange Frist angelegte Strategie. Politik zu machen heißt, die Zukunft zu gestalten. Und die Zukunft endet nicht 2020 oder 2030.

Sind Sie optimistisch, dass bis 2021 wirklich so ein großer Wurf gelingt?
Erdland: Von den Parteien ist zu hören, dass diesem Thema nach der Wahl große Aufmerksamkeit zukommen soll. Von daher sehe ich da große Chancen. Das größte Risiko ist jetzt, im Wahlkampf den Menschen falsche Hoffnungen zu machen, wie zum Beispiel auf Dauer eine späteres Renteneintrittsalter auszuschließen. Wer den Menschen erzählt, dass alles bleiben kann, wie es ist, der blockiert eine notwendige Reformdebatte und erntet umso mehr Frustration und Enttäuschung. Das ist auch nicht gut für unsere Demokratie.