27.06.2017
Kolumne Ethik

Automobile Sicherheit ist nicht teilbar

Autofahren kann man nicht ohne Risiko. Daran wird auch das automatisierte Fahren nichts ändern. Damit die neue Technik trotzdem von der Gesellschaft akzeptiert wird, müssen die Systeme sicherer sein als der menschliche Fahrer, hat die Ethik-Kommission zum automatisierten Fahren in der vergangenen Woche gefordert. Doch damit ist es nicht getan. Solange Unfälle passieren, muss weiterhin klar geregelt sein, wie und von wem etwaige Unfallopfer entschädigt werden. Die Verantwortung für ein automatisiertes Auto mag teilbar sein, die Sicherheit der Menschen nicht. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Erfreulich klar und deutlich ist das zentrale Diktum der Ethik-Kommission des BMVI zum automatisierten Fahren ausgefallen: „Der Schutz von Menschen hat Vorrang vor allen anderen Nützlichkeitserwägungen“, die neuen Systeme dienten „zuerst der Verbesserung der Sicherheit aller Beteiligten im Straßenverkehr“, heißt es in den beiden ersten der insgesamt 20 Thesen. Das mag selbstverständlich klingen, und ist doch eine wichtige Wortmeldung, weil sie den technischen Fortschritt in den Dienst der Gesellschaft stellt. Auch wenn das automatisierte Fahren von der Automobilwirtschaft für ihre Kunden entwickelt wird, geht die automobile Revolution nicht nur die Käufer dieser Autos an – sondern auch Fußgänger, Radfahrer und alle anderen, die sich den öffentlichen Raum mit den automatisierten Fahrzeugen teilen werden. Nur wenn dieser öffentliche Raum mit der neuen Technik für alle sicherer ist, wird die Gesellschaft hochautomatisiert oder autonom fahrende Autos akzeptieren und gutheißen.

Viele Verantwortliche – ein Ansprechpartner für Unfallopfer

Zur Sicherheit im Straßenverkehr gehört aber nicht nur das erfolgreiche Vermeiden von Schäden. Mindestens ebenso wichtig sind klare Regeln für den Fall, dass es doch zu einem Unfall kommt. Heute ist die Frage nach der Verantwortung meist einfach zu beantworten, denn in den meisten Fällen haben die Fahrer einen Fehler gemacht. Das wird auf absehbare Zeit auch noch so bleiben. Doch mit der zukünftigen Entwicklung zum hochautomatisierten und später autonomen Fahren tritt der Fahrer und damit seine Verantwortung immer weiter zurück – das Fahren wird mehr und mehr zum arbeitsteiligen Prozess. Die Ethik-Kommission zählt fast ein Dutzend Akteure auf, die potentiell für Unfälle mit automatisierten Autos verantwortlich sein können: Zu Fahrern, Haltern und Herstellern kommen unter anderem IT-Dienstleister, Mobilfunkanbieter, Betreiber digitaler Netze oder Anbieter digitaler Karten. Sie alle teilen sich die Verantwortung – und die Haftung.

Für Unfallopfer wird diese neue Unübersichtlichkeit trotzdem nicht zum Problem. Weil von Autos ohnehin eine sogenannte „Betriebsgefahr“ ausgeht, gelten schon heute einfache Regeln, die auch auf das automatisierte Fahren angewendet werden: Egal warum beim Betrieb des Autos ein Schaden entsteht – die Kfz-Haftpflichtversicherung des Halters entschädigt das Opfer. So werden Verkehrsopfer nicht auf eine Vielzahl potentiell Haftender verwiesen, sondern haben einen kompetenten Ansprechpartner. Darauf kann sich heute und in Zukunft jeder verlassen, der in Deutschland in einen Unfall verwickelt ist.

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Regresse der Kfz-Versicherer müssen möglich sein

Doch natürlich ist das für die Verantwortlichen des automatisierten Fahrens kein Freibrief. Wer auch immer unzureichend erprobte oder mangelhafte Systeme auf den Markt bringt oder wessen Technik im Einzelfall versagt, muss sich im Rahmen der geltenden Gesetze seiner Verantwortung stellen. Wo diese Verantwortung liegt, wird beim automatisierten Fahren nur mit langem Atem und dem entsprechenden Einsatz finanzieller und personeller Ressourcen herauszufinden und gerichtsfest nachzuweisen sein – und ist daher eine Aufgabe für die Kfz-Versicherer, nicht für das einzelne Unfallopfer.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth