22.05.2017
Verhaltensabhängige Tarife

Zwischen Individualisierung und Solidarität

Versicherer nutzen neue Daten und Techniken, um Prämien individueller zu kalkulieren. Verbraucherschützer sehen die Solidarität gefährdet, Aktuare halten differenzierte Preise jedoch für erforderlich. Von Henning Engelage und Karsten Röbisch

Dass sportliche Menschen gesünder sind als Bewegungsmuffel, würden wohl die meisten Menschen bejahen. Versicherungsmathematiker neigen hingegen zu einer differenzierteren Betrachtungsweise. Für sie sind aktive Menschen nicht per se die gesünderen. „Ein Leistungssportler ist dreimal so häufig krank wie ein normaler Mensch“, gibt Reiner Fürhaupter, Partner des Beratungshauses Rokoco, zu Bedenken.

Der 60-Jährige ist von Haus aus Aktuar und kennt sich bestens aus mit Schadenstatistiken. Aktuare sind so etwas wie Architekten einer Versicherung. Anhand statistischer Modelle ermitteln sie die Eintrittswahrscheinlichkeit und Höhe eines Schadens und schaffen so die Basis für die Kalkulation von Prämien. Ihr Rohstoff sind Daten, und mit der Digitalisierung bekommen sie aktuell nicht nur immer mehr davon, sie haben zugleich neue Möglichkeiten, diese Daten auszuwerten und für die Prämienkalkulation zu nutzen.

Raucher und Nichtraucher sind für die Krankenversicherung gleich teuer

Doch nicht jede dieser neuen Informationen führt zwangsläufig zu verwertbaren Erkenntnissen, wie Fürhaupter mit seinem Verweis auf den krankenanfälligen Leistungssportler deutlich machen will. Die permanente Messung von Fitnesswerten – wie es mit Wearables oder Gesundheits-Apps möglich wäre – hält er für die Prämienkalkulation von Kranken- oder Lebensversicherungen jedenfalls für unnötig. „Ich brauche für langfristige Produkte eher Längsschnittdaten und keine kurzfristigen Big-Data-Informationen“, sagt Fürhaupter.

Als Beleg dafür verweist der Fachmann auf das Beispiel eines Rauchers: Wer in der privaten Krankenversicherung (PKV) jeden Griff zur Zigarette mit einer höheren Prämie sanktionieren wollte, verkenne, dass Raucher früher stürben und deshalb von Krankheiten verschont blieben, die die Nichtraucher später im Leben einholen. Am Ende seien die Prämien für beide Gruppen wohl identisch, so Fürhaupter.

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Verhaltensabhängige Tarife sind in der PKV nicht möglich

Hierzulande ist es sowieso nicht möglich, den Tarif einer privaten Krankenversicherung davon abhängig zu machen, wie viel Sport jemand treibt. Auch Raucher- oder Nichtrauchertarife gibt es in der PKV nicht. Die Rückerstattung von Beiträgen an ein gesundheitsbewusstes Verhalten zu koppeln, ist dagegen möglich. Und dies kann aus Sicht von Roland Weber, Vorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), auch sinnvoll sein. Zustände wie in den USA, wo ein Versicherer nach fünf Jahren den Preis abhängig vom Gesundheitszustand neu festlegen kann, lehnt er aber ab: „So wollen wir Krankenversicherung in Deutschland nicht haben.“

Dass aber Versicherer neue Daten nutzen, um Risiken genauer zu bewerten, ist unter Aktuaren unstrittig. Fürhaupter hält es aus Motivationsgründen gar für erstrebenswert, die Prämie möglichst exakt zu ermitteln: „Nur wenn der Kunde das Gefühl hat, den besten Preis zu bekommen, kauft er eine Versicherung.“ Großes Potenzial für verhaltensabhängige Tarife sieht Fürhaupter weniger bei Langfristprodukten, sondern vielmehr bei der Absicherung von Kurzzeitrisiken, wie etwa in der Kfz-Versicherung mit den neuen Telematik-Tarifen.

Versicherer versehen jedes Risiko mit Preisschild

Verbraucherschützer sehen verhaltensabhängige Tarife oder Prämienrabatte, die an eine bestimmte Lebensweise geknüpft sind, kritisch. Wenn Versicherer darüber entschieden, welches Verhalten gut und welches schlecht sei, „dann nehmen sie mir einen Teil der Freiheit“, sagt Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Das dürfe kein Unternehmen, sondern allein der Staat. Müller sieht zugleich die Versichertengemeinschaft gefährdet, wenn Risiken dank neuer Daten immer genauer bewertet und Tarife immer individueller bepreist werden. „Wenn jeder nur an sich selber denkt, geht die Solidarität verloren“, so der Verbraucherschützer. Es bestehe die Gefahr, dass eine relevante Minderheit ausgegrenzt werde und keinen Versicherungsschutz mehr erhalte – zumindest nicht zu bezahlbaren Konditionen.

Risikoabhängige Prämien sind jedoch seit jeher charakteristisch für Privatversicherungen. Ein Raucher in der Risikolebensversicherung zahlt deshalb mehr als ein Nichtraucher, weil er statistisch gesehen nun mal früher stirbt. Versicherer zwingen niemanden, vom Glimmstängel zu lassen, sie müssen aber die höhere Sterbewahrscheinlichkeit eines Rauchers in ihrer Kalkulation berücksichtigen. „Anders als in der Sozialversicherung hängt der Preis nicht davon ab, wie viel jemand zu zahlen imstande ist, sondern von seinem individuellen Risiko“, betont Fürhaupter.

Ausdifferenzierung der Tarife hat Grenzen

Versicherer müssten differenzieren, um für Kunden attraktiv zu sein, so der Aktuar. Jeder Kfz-Versicherer habe beispielsweise mehr Preise als es Fahrzeugmodelle gibt. Der Risikoausgleich in der Gemeinschaft bleibt dabei erhalten. „Ein Kollektiv bedeutet, gemeinsam das Risiko zu tragen, dass der tatsächliche Schaden eines Einzelnen von dessen Erwartungswert abweicht“, sagt Fürhaupter. Es gehe bei einer Individualversicherung jedoch nicht darum, den Erwartungswert zu verwischen.
Endlos ausdifferenzieren lassen sich die Tarife mit Big Data ohnehin nicht. „Der Granularität der Risikoberechnung sind Grenzen gesetzt“, betont DAV-Vorstand Detlef Frank. Er verweist zugleich auf die Gefahren der neuen Technologie für die Unternehmen. „Wer viele Daten nutzt, kann auch viele Fehler machen.“ Aktuare bräuchten daher ein gutes Gespür für die Qualität und Aussagekraft der Informationen.

Big Data wird die Arbeit der Mathematiker zweifellos verändern, einfacher wird sie aber nicht unbedingt. In den Datenmengen könnte sich ja auch ein Leistungssportler verstecken.