31.05.2017
Die schönste Versicherungssache der Welt

Volle Deckung für die Draisine

Der globale Siegeszug des Fahrrads beginnt vor rund 200 Jahren im Großherzogtum Baden: mit der nach ihrem Erfinder Karl Freiherr von Drais benannten Draisine. Für Originale zahlen Sammler den Gegenwert eines Mittelklassewagens – entsprechend üppig ist die Versicherungssumme. Von Carola Felchner

Jede gute Story braucht einen Anfang. Die Erfolgsgeschichte des Fahrrads hat vermutlich sogar zwei: einen in Mannheim und einen am anderen Ende der Welt im heutigen Indonesien. Dort bricht 1815 der Vulkan Tambora aus – und speit so gewaltige Aschewolken in die Stratosphäre, dass mehrere Jahre lang auf der Nordhalbkugel das Wetter verrücktspielt. Sogar in Deutschland kommt es zu Ernteausfällen und Hungersnöten. Als irgendwann die Pferde knapp werden, weil sie entweder krepieren oder auf dem Teller landen, stellt Karl Freiherr von Drais 1817, vor genau 200 Jahren also, eine geniale Idee vor: Er erfindet eine Laufmaschine, um die Pferde zu ersetzen. Heute kennt man sie als Draisine.

Ihr Nachfolger, das Fahrrad, tritt schon bald seinen Siegeszug rund um den Globus an. Eine der wenigen erhaltenen Original-Draisinen steht im baden-württembergischen Ludwigsburg – umgeben von vielen anderen Rädern aus allen möglichen Epochen in der Sammlung von Dirk Zedler. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Zedler-Gruppe, die sowohl Fahrräder und Fahrradteile prüft – als auch Unfallgutachten unter anderem für Versicherer erstellt.

15 Kilometer in einer Stunde: Die Draisine ist schneller als die Postkutsche

Das exakte Baujahr seiner Draisine kennt Zedler nicht, vermutlich wurde sie zwischen 1820 und 1830 in Frankreich gebaut. Dafür kann er genauere Angaben zu ihrem Wert machen: Er schätzt ihn auf rund 35000 Euro. Viel Geld, aber immerhin handelt es sich um ein Stück Technikgeschichte. Mit unserem heutigen Fahrrad hat die Draisine dabei eher wenig Ähnlichkeit. Sie besteht komplett aus Holz und verfügt weder über Pedale noch Schaltung. Der Fahrer muss sich mit den Füßen vom Boden abstoßen.

Wie flott man mit dieser Technik vorankommt, zeigt die mutmaßlich erste Fahrt von Mannheim in Richtung Schwetzingen. Die Draisine legt die 15 Kilometer in knapp einer Stunde zurück und ist damit schneller ist als die Postkutsche. Radprofis schaffen auf ihren Hightech-Maschinen heute zwar rund das Dreifache. Ohne die Draisine hätte es diese Geschosse aber wohl nie gegeben.

Ganz schön hart: Dass es in den Frühzeiten des Fahrradfahrens nicht allzu angenehm war, lange im Sattel zu sitzen, zeigt die Draisine von Dirk Zedler in Ludwigsburg: Statt Gummi- und Schlauchbereifung bestehen die Räder aus Holz und geschmiedeten Metallbändern – Aua!

Panzerglas für ein hölzernes Stück Technikgeschichte

Ihrem Schöpfer bringt das Laufrad allerdings nur wenig ein. Karl Freiherr von Drais darf als Beamter damals keinen Profit aus seiner Erfindung ziehen – genauso wenig wie aus seinen anderen Entwürfen, zu denen unter anderem eine Tauchmaschine, ein Periskop, ein Klavierrekorder und eine Tastenschreibmaschine zählen. Kaum vorstellbar, wenn man sich allein den heutigen Wert einer Draisine anschaut.

Zedlers Modell ist zusammen mit seinen übrigen Rädern in einer sogenannten Compact-Police versichert. Im Schadensfall zahlt die Versicherung bis zu 300.000 Euro. Dass die Räder tatsächlich gestohlen werden sollten, ist aber eher unwahrscheinlich, schon weil die Firma demnächst umzieht: „Im neuen Gebäude haben wir extra für die historischen Räder Panzerglas an den Scheiben“, erzählt Dirk Zedler. „Dazu gehören selbstverständlich eine Alarmanlage und besonders gesicherte Türen.“

Erfinder Karl Drais hätte sich über so viel Wertschätzung für sein Gefährt sicher gefreut. Er stirbt nämlich verarmt im Jahr 1851, kurz bevor die Evolution im Zweiradbereich ins Rollen kommt und seiner Erfindung zum Durchbruch verhilft.

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