08.05.2017
Kapitalanforderungen unter Solvency II

Fragen und Antworten zu Bedeckungsquoten, SCR und Co

Versicherungsunternehmen müssen über so viel Kapital verfügen, dass sie auch extreme Ereignisse wie Naturkatastrophen oder einen Finanzmarktcrash überstehen – das verlangt das neue Aufsichtssystem Solvency II. Ob der Kapitalpuffer für Extremfälle groß genug ist oder aufgestockt werden muss, zeigt die so genannte Bedeckungsquote an.

Bis Ende Mai müssen die Unternehmen ihre Bedeckungsquote – neben vielen anderen Informationen – erstmals im Solvency and Financial Condition Report (SFCR) veröffentlichen.

Was ist die Bedeckungsquote?

Die Bedeckungsquote ergibt sich aus dem Verhältnis vom vorhandenen Kapital (bzw. Eigenmitteln) zum erforderlichen Kapital – der Solvenzkapitalanforderung SCR. Entspricht die Höhe der Eigenmittel exakt der Solvenzkapitalanforderung, beläuft sich die Bedeckungsquote auf 100%. Unternehmen mit einer Bedeckungsquote über 100% verfügen über ausreichende Kapitalreserven für Negativszenarien, die statistisch einmal in 200 Jahren eintreten. Liegt die Bedeckungsquote beispielsweise bei 90%, ist diese Anforderung nicht voll erfüllt. Das Unternehmen kann dennoch seine aktuellen und künftig erwarteten Verpflichtungen erfüllen – und mit hoher Wahrscheinlichkeit die meisten Negativszenarien überstehen.

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Anschaulich erklärt:

  • Solvency II: So viel Kapital muss sein
  • Bedeckungsquote: 100% sind mehr als genug


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Sind Bedeckungsquoten verschiedener Unternehmen vergleichbar?

Die Bedeckungsquote kann nur erster Ausgangspunkt für einen Unternehmensvergleich sein. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass Solvency-II-Kennzahlen kurzfristig stark schwanken können. Auch unter Solvency II haben die Unternehmen Bewertungsspielräume, um Unternehmensbesonderheiten abbilden zu können. Hinzu kommt, dass nicht alle Unternehmen das Standardmodell von Solvency II anwenden, sondern interne Modelle, die genauer auf das individuelle Risikoprofil des Unternehmens abgestimmt sind. Diese und andere Faktoren müssen bei der Interpretation von Bedeckungsquoten auf jeden Fall berücksichtigt werden.

Wie viel Kapital muss sein?

Wie hoch die Solvenzkapitalanforderung (SCR) ist, hängt von den Verpflichtungen und Risiken ab, die ein Unternehmen mit seinem Geschäftsmodell und/oder seiner Kapitalanlagestrategie eingeht. Die Kapitalanforderungen werden über komplexe mathematische Modellrechnungen ermittelt, die alle für das Unternehmen relevanten Risikoszenarien berücksichtigen.

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Die interaktive Onlinegrafik macht das Drei-Säulenmodell von Solvency II anschaulich und zeigt Prinzipien und Funktionsweisen des neuen Aufsichtssystems.
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Was passiert bei einer zu niedrigen Bedeckungsquote?

Wesentliche aufsichtsrechtliche Sollgröße für den geforderten Kapitalpuffer ist neben der Solvenzkapitalanforderung (SCR) die Mindestkapitalanforderung (MCR). Wenn bei einem Unternehmen die Eigenmittel geringer sind als die Solvenzkapitalanforderung, kann die Aufsichtsbehörde das Unternehmen zu Gegenmaßnahmen auffordern – beispielsweise zur Erhöhung der Eigenmittel durch eine Kapitalerhöhung oder durch Senkung des Risikoprofils, etwa den Verkauf von Vermögenswerten mit höheren Risiken. Beim Unterschreiten der Mindestkapitalanforderung MCR kann die Aufsicht scharfe Maßnahmen – bis hin zum Entzug der Versicherungslizenz – einleiten.

Was hat es mit den Übergangsregelungen auf sich?

Solvency II hat die Regeln für 28 EU-Staaten mit unterschiedlichen Märkten und bislang spezifischen nationalen Aufsichtssystemen vereinheitlicht. Für die Unternehmen ist die Umsetzung der neuen Regeln eine hoch komplexe Aufgabe – die durch das historisch niedrige Zinsniveau zum Start von Solvency II nicht einfacher wird. Um eine reibungslose Umstellung der 28 bestehenden Systeme auf das neue Regelwerk zu ermöglichen, können alle europäischen Versicherer verschiedene Übergangsregelungen (Transitionals) nutzen.

Die Übergangsregelung zur Ermittlung der versicherungstechnischen Rückstellungen ist für die deutschen Lebensversicherer, die ihren Kunden traditionell langfristige Garantien geben, von Bedeutung. Diese erlaubt es, die Solvency-II-Bewertungsvorschriften für Leistungszusagen für Verträge, die noch unter dem alten System abgeschlossen wurden. schrittweise über 16 Jahre einzuführen. Ausgangspunkt ist die geltende Bewertung nach dem Handelsgesetzbuch. Für neu abgeschlossene Verträge gilt diese Übergangsregelung nicht.

Gut zu wissen

Wie Solvency II auf die Rückstellungen wirkt

Lebensversicherer müssen für langfristige Garantiezusagen ausreichende Rückstellungen bilden. Die Unternehmen kalkulieren, wie viel Kapital sie heute anlegen müssen, um eine künftig fällige Leistung erfüllen zu können. Je weiter die Zahlungsverpflichtung in der Zukunft liegt und je höher der angenommene Zins ist, desto niedriger fällt die heute erforderliche Rückstellung aus.
In der Vergangenheit ergab sich dieser Zins aus dem durchschnittlichen Zinsniveau vergangener Jahre. Unter Solvency II müssen Versicherer ihre Verbindlichkeiten hingegen zu aktuellen Marktzinsen bewerten. Um die erforderlichen Rückstellungen für bestehende sehr langfristige Verbindlichkeiten berechnen zu können, muss man nicht nur die heutigen Zinsen, sondern auch die künftigen abschätzen können. Dazu sieht Solvency II eine sog. Zinsstrukturkurve vor, die – ausgehend vom heutigen Zinsniveau – die künftigen Zinsen modelliert.
Wegen des massiven Zinsrückgangs seit 2008 fällt die Bewertung bestehender Verpflichtungen unter Solvency II höher aus – dementsprechend müssen Unternehmen höhere Rückstellungen als bislang bilden, und zwar auch für Verträge, die mitunter vor Jahrzehnten und in einem völlig anderen Aufsichtssystem geschlossen wurden. Die dafür notwendigen Eigenmittel können Versicherer über einen Zeitraum von 16 Jahren sukzessiv aufbauen.