04.05.2017
Kolumne Jobs und Digitalisierung

Mitten in der neuen Arbeitswelt

Die Digitalisierung fordert von uns Versicherern nicht weniger als einen Spagat: Die Beschäftigten mitzunehmen in die neue Arbeitswelt – und gleichzeitig attraktiv zu sein für neue Mitarbeiter mit neuen Qualifikationen. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Diese Woche begann mit einem Feiertag. Lassen Sie mich den Tag der Arbeit zum Anlass nehmen auf Folgendes hinzuweisen: Heute sichert die Versicherungswirtschaft über eine Million Arbeitsplätze in Deutschland und leistet einen signifikanten Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt. Konkret sorgt die Branche über direkte, indirekte und Konsumeffekte für 1,2 Millionen Jobs und generiert einen Beitrag zur Bruttowertschöpfung in Höhe von 90 Milliarden Euro. Gemessen an der gesamten deutschen Volkswirtschaft des Jahres 2015 ist die Assekuranz damit für 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 2,7 Prozent der Erwerbstätigen verantwortlich.

Das Potenzial des Algorithmus heben

Zweifellos wird die Digitalisierung die Arbeitswelt deutlich verändern. Wird? Schon längst sind wir mitten drin in diesem Prozess. Die Frage, ob die Digitalisierung Jobs schafft oder vernichtet steht im Raum, für jede Branche, selbstverständlich auch für uns Versicherer. Fast die Hälfte aller Jobs in den USA sei durch die Digitalisierung gefährdet, schreiben etwa Oxford-Professor Michael Osborne und sein Kollege Carl Benedikt Frey in ihrer Studie über die Zukunft der Beschäftigung. Auch in Deutschland wird es große Umwälzungen geben, und diese werden sich zudem in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum abspielen.

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Im Umkehrschluss heißt das aber eben nicht notgedrungen, dass der Computer den Menschen ersetzt. Viele Berufe werden sich schlichtweg verändern – und die Beschäftigten werden sich diesem Wandel anpassen. Sicher: Immer mehr Tätigkeiten werden in den Versicherungsunternehmen von Algorithmen übernommen. Programme legen automatisch Akten an, verwandeln eingescannte Schreiben in maschinenlesbaren Text, prüfen Rechnungen auf Plausibilität oder lösen eigenständig Zahlungen aus. Bei einfachen Aufgaben wie Adressänderungen, Kontowechseln oder Änderungen der Zahlungsweise müssen Menschen oft gar nicht mehr eingreifen. In der Lebensversicherung werden branchenweit bereits 8,7 Prozent aller Anfragen von Anfang bis Ende nur von Computersystemen bearbeitet. Im Schaden- und Unfallbereich sind es sogar schon 15,7 Prozent – also jede sechste Kundenanfrage.

Und das ist auch gut so: Denn unsere Kunden können erwarten, dass Versicherer alle Chancen der Digitalisierung nutzen – und sie an den Erfolgen teilhaben lassen. Allerdings müssen wir uns auch die Chancen klarmachen, die diese Entwicklung für die Arbeitsplätze in der Assekuranz mit sich bringt: Versicherer brauchen gut und zusehends auch anders ausgebildete Querdenker, wenn sie sich an die Digitalisierung anpassen und einen Kulturwandel vollziehen wollen. Das kann heißen, neue Köpfe außerhalb der Branche für eine Karriere zu begeistern. Das wird aber sicherlich auch heißen, das Potenzial der Stammbelegschaften zu heben: Weiterbildung ist mehr denn je zentral für den Erfolg des einzelnen Arbeitnehmers wie auch für den Erfolg des Unternehmens.

Beschäftigte unserer Branche in die neue Arbeitswelt mitnehmen

Die Digitalisierung fordert von den Versicherern nicht weniger als einen doppelten Spagat. Erstens: In der digitalen Welt die besten Produkte für unsere Kunden zu bauen und bei aller Individualität gleichzeitig das Versichertenkollektiv zu stärken. Vor allem aber zweitens: Die Beschäftigten unserer Branche mitzunehmen in die neue Arbeitswelt und gleichzeitig attraktiv zu sein für neue Mitarbeiter mit neuen Qualifikationen.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth