23.05.2017
Kolumne Solvenzberichte

Die Frage nach dem Sinn der Bedeckungsquote – und dem ganzen Rest

Europas Versicherungsunternehmen haben erstmals ihre Solvenzberichte veröffentlicht. Damit hat die Branche bei der Umsetzung des Aufsichtssytems Solvency II einen Meilenstein erreicht. Es ist allerdings ein Irrglaube zu meinen, die Kapitalstärke eines Unternehmens auf eine einzige Kennzahl reduzieren zu können. Erinnerungen an eine allseits bekannte Zukunfts-Satire werden wach. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

In diesen Tagen denke ich häufiger an das Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Nach einigen Millionen Jahren Rechenzeit spuckt hier ein Supercomputer die Zahl 42 aus – als Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“.

Ein Kraftakt für die Branche, vor dem ich Respekt habe

Was das mit Versicherern zu tun hat? Lassen Sie mich etwas ausholen: Seit gut einem Jahr ist unsere Branche mit Solvency II in eine neue Ära aufgebrochen. Die beachtliche Komplexität dieses Aufsichtsrahmens lässt viel Spielraum für Fehlinterpretationen. Deshalb hatte ich schon darauf hingewiesen, dass es zu unseren Aufgaben gehören würde, die Neuerungen und Prinzipien von Solvency II stetig zu erläutern, die Ergebnisse einzuordnen und zu erklären.

Also los: Fristgerecht zum 22. Mai haben gut 350 deutsche und mehrere tausend europäische Versicherungsunternehmen erstmals ihren „Bericht zur Solvabilität und Finanzlage“ – kurz SFCR – vorgelegt. Dies war für die Branche ein Kraftakt, vor dem ich Respekt habe. Im SFCR veröffentlichen die Unternehmen neben einer Vielzahl von Informationen zu Kapitalausstattung, Kapitalanlagen und Risikokalkulation auch ihre jeweilige Bedeckungsquote zum 31.12.2016 – die gibt das Verhältnis der verfügbaren zu den aufsichtsrechtlich geforderten Eigenmitteln an.

Und genau hier sind wir im Buch von Adams. Bestimmte Fragen lassen sich nicht eben mit einer Zahl allein beantworten. Unsere Branche begrüßt Solvency II, schließlich sollen sich nicht nur Aufsichtsbehörden, sondern auch Investoren und Verbraucher ein Bild von den wirtschaftlichen Verhältnissen und bestehenden Risiken eines Versicherers machen können. Und natürlich kann die Bedeckungsquote zum Vergleich der Stabilität von Versicherungsunternehmen herangezogen werden – und zwar als eine Zahl unter vielen und als ein erster Anhaltspunkt.

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Irrationale Ansprüche an die Aussagekraft einer Kennziffer

Die Unternehmen unserer Branche sind naturgemäß – und zum Glück – sehr heterogen hinsichtlich ihrer Genese, Rechtsform und Geschäftsaktivitäten. Vor diesem Hintergrund versucht die Bedeckungsquote eigentlich Unmögliches: ein standardisiertes, allumfassendes Bewertungsraster unserer Branche. Entsprechend hoch, und wie mir manchmal scheint auch irrational, sind die Ansprüche an die Aussagekraft diese Kennziffer. Die Solvenzberichte geben eine Vielzahl von Informationen, unter anderem zur Kapitalausstattung, zu Kapitalanlagen und zur Risikokalkulation der Unternehmen. Diese Daten müssen bei der Interpretation der Bedeckungsquoten berücksichtigt werden. Der Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Frank Grund, hat daher recht, wenn er sagt: „Ist eine Gesellschaft in der Lage, ein Zweihundertjahres-Ereignis im nächsten Jahr auszuhalten – darum geht es bei der Solvenzquote unter Solvency II. Es ist somit eine Aussage für ein Jahr und nicht für die Ewigkeit.“

Sind die Solvency-II-Quoten deshalb für deutsche Versicherer „nicht wichtig“, wie es ein Cartoon im Versicherungsmonitor (kostenpflichtig) nahelegt? Nein, aber ein Unternehmensvergleich nur auf Basis der Bedeckungsquoten ist schlicht und ergreifend wenig aussagekräftig.

Oder um es mit Adams zu sagen: Wenn ihr die Zahl verstehen wollt, müsst ihr die Frage richtig stellen.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth