24.05.2017
Naturgefahren

„Braunsbach wird besser als zuvor“

Nie zuvor haben Sturm und Regen in so kurzer Zeit so viel zerstört: Vor einem Jahr zogen schwere Unwetter mit anhaltenden Regenfällen über Deutschland: Die Sturmtiefs „Elvira“ und „Friederike“ verursachten innerhalb weniger Tage versicherte Schäden von 1,2 Milliarden Euro. Einer der besonders betroffenen Orte war Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall (Baden-Württemberg). Selbst Katastrophenschützer waren von den Wassermassen überrascht, die den Ort in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai 2016 verwüsteten. Ein Jahr nach der verheerenden Katastrophe zieht der Braunsbacher Bürgermeister Frank Harsch Bilanz.

Herr Harsch, wie kam es zu dieser verheerenden Katastrophe?
Frank Harsch: Braunsbach liegt in einem Tal, da besteht immer die Gefahr, dass Wasser von der Hochebene hinunter zum Fluss fließt. Das ist physikalisch unbestreitbar. Auf ein normales Hochwasser sind wir vorbereitet. Die Katastrophe, die wir vor einem Jahr erlebt haben, ging aber weit darüber hinaus. Das Hochwasser erreichte Ausmaße, also die Wasserhöhe und die Fließgeschwindigkeiten, wie sie statistisch gesehen vielleicht nur alle 1000 Jahre einmal vorkommen. Darauf kann man sich schlichtweg nicht vorbereiten, anderenfalls könnte hier niemand mehr wohnen.

Wiederaufbau nach einer solchen Katastrophe – wie muss man sich das vorstellen?
Harsch: Zunächst haben wir Provisorien erstellt, einfache Aufräumarbeiten durchgeführt, den Schutt weggeräumt, so dass wir uns wieder bewegen konnten. Die Monate nach der ersten Aufräum- und Aufbauphase haben wir genutzt, um eine saubere Planung für die Zukunft hinzubekommen. Wir wollten Schnellschüsse vermeiden.

Welche Probleme gab es?
Harsch: Gerade in der Phase des Wiederaufbaus war die Antragstellung auf Fördermittel schwierig, das ist schon sehr bürokratisch. Trotz einer solchen Katastrophe gehen Förderanträge den gleichen regulären Weg, genau so, als ob man normale Tiefbaumaßnahmen durchführen will. Auch die Vergaberichtlinien müssen trotz der besonderen Situation eingehalten werden.

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Experten schätzen den Schaden in Braunsbach auf über 100 Millionen Euro. Woher kommt das Geld?
Harsch: Glücklicherweise waren fast alle Privat-Häuser in Braunsbach gegen eine solche Naturgefahr versichert. Das hat den Hausbesitzern ungemein geholfen. Bei den Schäden am Hausrat sieht es nicht ganz so gut aus, hier war nur etwa die Hälfte gegen Elementarschäden versichert. Mittels eingegangenen Spendengeldern kann diesen Betroffenen aber dennoch geholfen werden. Die Schäden an der öffentlichen Infrastruktur werden mit ca. 80 Millionen Euro prognostiziert. Die Gemeinde wird aus unterschiedlichen Förder-Töpfen des Landes Baden-Württemberg zielgerichtet Gelder erhalten.

Wie lief die Regulierung der Schäden durch die Versicherungen?
Harsch: Das war grundsätzlich in Ordnung und fair. In einzelnen Fällen schätzte die Versicherung die Schadenhöhe falsch ein, aber das wurde letztlich alles berichtigt. Es gab vielleicht partiell auch ungerechtfertigte Forderungen von Kunden, aber im Kern wurde korrekt auf allen Seiten gearbeitet. Zu Teilen war unklar, ob die Menschen eine solche Sturzflut versichert hatten oder nicht. Ich würde mir wünschen, dass dies in den Versicherungsverträgen deutlicher wird etwa anhand von Beispielen.

Was schätzen Sie, wann ist Braunsbach komplett wieder hergestellt?
Harsch: Ich schätze, dass es noch drei bis fünf Jahre dauern wird. Wir folgen dabei einem gemeinsamen Ziel: der Geist der Gemeinde soll erhalten bleiben, Braunsbach wird aber besser als zuvor.

Was nehmen Sie persönlich aus der Katastrophe mit?
Harsch: Die Sicht auf die Gewässer, auf die Natur habe ich geändert. Hierüber habe ich die vergangenen Monate viel nachgedacht. Wir müssen die Natur respektieren, wie sie ist – auch wenn das bitter sein mag.

Herr Harsch, Vielen Dank für das Gespräch!