27.04.2017
Berufsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen

„Gefälligkeitsgutachten helfen niemandem“

Der häufigste Grund für Berufsunfähigkeit sind heute psychische Erkrankungen. Woran das liegt, wie Versicherer damit umgehen – und was das Dschungelcamp damit zu tun hat: Antworten von Berthold Schröder, leitender Gesellschaftsarzt Leben der Allianz Deutschland, und Daniela Krause, Medical Consultant der Munich Re. Von Dennis Schmidt-Bordemann

Mehr als jede dritte Berufsunfähigkeit geht mittlerweile auf psychische Erkrankungen zurück. Sind die Deutschen heute nicht mehr so belastbar wie früher?
Daniela Krause: Nein, das liegt vor allem an einem Wandel unserer Arbeitswelt in Deutschland. Früher war Arbeit vor allem körperlich fordernd, heute gibt es einfach immer weniger Berufe, in denen man starken körperlichen Belastungen ausgesetzt ist. Und wo das der Fall ist, sind die Schutz- und Präventionsmaßnahmen viel besser als früher. Auf der anderen Seite gibt es aber neue Belastungen: Die ständige Erreichbarkeit, der Druck zur permanenten Selbstoptimierung, die Verdichtung von Arbeitsprozessen – das alles erhöht den Stress und die Belastung der Menschen. Das Risiko für psychische Erkrankungen nimmt darum zu.

Die Maschinen gehen uns also nicht mehr auf die Knochen, sondern an die Seele?
Berthold Schröder: Richtig. Aber es gibt, zum Glück, heute eine ganz neue Normalität im Umgang mit solchen Erkrankungen. Nehmen Sie nur das Dschungelcamp. Dort sehen wir Menschen, die offen über eine Zwangsstörung sprechen. Auch Persönlichkeiten aus dem Sport wie Sebastian Deisler, Ralf Rangnick oder Sven Hannawald haben sich getraut, ihre psychischen Probleme anzusprechen. Wir können also einen Wandel zu mehr Akzeptanz psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft wahrnehmen. Dadurch, dass sich mehr Betroffene trauen darüber zu sprechen, können diese überhaupt erst behandelt und geheilt werden. Darum haben wir mehr Diagnosen solcher Fälle – auch bei der Berufsunfähigkeit.

Zur Person

Privat-Dozentin Dr. Daniela Krause arbeitet seit 2016 als Medical Consultant bei Munich Re. Sie ist weiterhin als Wissenschaftlerin und Fachärztin für Psychiatrie an der Ludwig-Maximilians Universität München tätig.

Wenn das Bewusstsein für diese Probleme so viel größer ist als früher – warum können wir uns dann nicht auch besser vor psychischen Erkrankungen schützen?
Schröder: An einer besseren Prävention arbeiten viele. Unternehmen sind heute bereits gesetzlich verpflichtet, eine Gefährdungsanalyse für ihre Mitarbeiter vorzusehen. Auch für psychische Risiken. Aber es ist einfach viel schwerer, sich gegen psychische Beanspruchungen zu schützen. Gegen Lärmbelastung helfen Ohrenschützer. Unseren Geist können wir nicht so einfach abschirmen.

Was sind eigentlich die psychischen Erkrankungen, die heute am häufigsten zu einer Berufsunfähigkeit führen?
Krause: Das sind vor allem Depressionen und Angststörungen. Auch psychosomatische Erkrankungen spielen eine große Rolle. Die psychische Belastung äußert sich dann in Beschwerden, die keine erkennbar körperliche Ursache haben, zum Beispiel Kopf- oder Rückenschmerzen.

Wie stellt der Versicherer fest, ob zum Beispiel eine Angststörung wirklich so schwer ist, dass ein Mensch dadurch berufsunfähig ist?
Krause: Das geht nur ganz individuell. Weil das Arbeitsprofil und die Erkrankung zusammen betrachtet werden müssen. Einerseits müssen wir testen, wie schwer die psychische Belastung ist. Und dann müssen wir uns genau ansehen: Was macht der Versicherte eigentlich im Job? Was sind wichtige Schlüsselfunktionen? Wenn jemand auf dem Land Kundenbesuche machen muss, dann ist die Fähigkeit, ein Auto zu steuern, für die Berufsfähigkeit entscheidend. Auch wenn das von der Zeit her vielleicht nur ein kleiner Teil der Arbeit ist. So bekommen sie ein ganz individuelles Bild.

Zur Person

Dr. Berthold Schröder leitet ein Fachärzteteam bei der Allianz, das sich mit Risiko- und Leistungsprüfung für Biometrieprodukte beschäftigt. Er ist Facharzt für Arbeits- und Allgemeinmedizin sowie Leiter des Fachkreises Versicherungsmedizin im Deutschen Verein für Versicherungswissenschaft e.V. und seit 1998 für die Allianz tätig.

Wie wichtig sind dabei externe Gutachten?
Schröder: Externe Gutachten spielen bei den fachlich schwerer einzuschätzenden psychischen Erkrankungen schon eine große Rolle. Insgesamt holen die Versicherer bei der Berufsunfähigkeitsversicherung in etwa sechs Prozent aller Fälle ein Gutachten ein.

Warum reicht der Befund des behandelnden Arztes bei psychischen Erkrankungen oft nicht aus?
Schröder: Es gibt zwar gute, internationale Standards für psychische Begutachtungen. Aber viele behandelnde Ärzte verfügen nicht über gutachterliche Erfahrungen. Darum sind viele Aussagen in Arztberichten für den Leistungsfall bei psychischen Erkrankungen nicht verwertbar. Ich sehe auch immer wieder Fälle, in denen der Arzt nur die Beschwerden widergibt, die der Patient selbst beschrieben hat. Häufig sind Befunde unvollständig oder nicht sauber dokumentiert. Solche Probleme führen meistens dazu, dass wir bei psychischen Erkrankungen noch einen unabhängigen Experten hinzuziehen.

Und dann bestellt der Versicherer einen Gutachter, der die Erkrankung im Sinne der Versicherung anzweifelt?
Krause: Nein, Gefälligkeitsgutachten wollen wir nicht und sie helfen niemandem. Die psychologischen Tests und Begutachtungsstandards sind inzwischen sehr gut und sehr klar. Wenn da unsauber gearbeitet wird, dann merken die Gerichte das meistens sehr schnell.

Und was tun die Versicherer, damit bei den Gutachten auch die Qualität stimmt?
Schröder: Wir haben in unserem Unternehmen ein eigenes Qualitätsmanagement eingehender Gutachten etabliert. Der gesamte Prozess beginnt allerdings bereits bei einem präzise formulierten Gutachtenauftrag. Der Gutachter muss wissen, welche Leitlinien gelten und auf welche Standards er achten muss.