12.04.2017
Kolumne Naturgefahren

Für einen nachhaltigen Umgang mit Extremwetterereignissen

Immer mehr Menschen versichern sich gegen die Folgen von Überschwemmung, Starkregen und anderen Naturgefahren. Das ist gut, reicht aber längst nicht aus. Nur das Zusammenspiel aus risikogerechter Kalkulation der Prämien und nachhaltiger Prävention sorgt auch in Zukunft für die Versicherbarkeit von Naturgefahren. Die Debatte um eine Pflichtversicherung greift dabei viel zu kurz – vielmehr brauchen wir endlich neue Bauvorschriften, die den Folgen von Extremwetterereignissen und dem sich verändernden Klima gerecht werden. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Rund 40 Prozent der Hausbesitzer in Deutschland haben sich nach aktuellen Zahlen unseres Verbandes gegen Schäden durch Überschwemmungen, Starkregen und weitere Naturgefahren versichert. Das sind rund drei Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr und mehr als doppelt so viele versicherte Häuser wie vor 15 Jahren. Das sind gute Nachrichten. Der Anstieg der Versicherungsdichte gegen diese Elementargefahren zeigt, dass die Verbraucher zunehmend für die Naturgefahren sensibilisiert sind und die Informationskampagnen in zahlreichen Bundesländern wirken.

Wir streben ein bundesweites Naturgefahrenportal an

Jeder kann Opfer von Naturkatastrophen werden. Das haben uns im letzten Jahr die Ereignisse in Simbach am Inn und Braunsbach noch einmal unmissverständlich vor Augen geführt. Wir Versicherer tun deshalb viel, um die Menschen über Auswirkungen und Schutzmöglichkeiten zu informieren. Zugleich halten wir es für notwendig, dass alle Experten ihre Kräfte bündeln, mit klaren Worten auf die Öffentlichkeit zugehen und die Gefahrenanalysen leicht zugänglich bereitstellen. Um es deutlich zu sagen: Wir machen uns für ein bundesweites Naturgefahrenportal stark, wie es bei unseren Nachbarn in Österreich und der Schweiz bereits selbstverständlich ist.

Damit werden Gefahrenlagen endlich transparent. Jeder kann sich dann über seine persönliche Gefährdung, über Möglichkeiten der Prävention und der finanziellen Absicherung informieren. Denn schließlich können sich heute nahezu alle Besitzer von Gebäuden gegen Elementargefahren versichern. Bayern hat daraus bereits Konsequenzen gezogen und als erstes Bundesland angekündigt, ab Juli 2019 keine finanziellen Hilfen mehr an unversicherte Hochwasseropfer zu zahlen, wenn das Haus privat versicherbar gewesen wäre. Es gibt allerdings noch viel zu tun, wenn bundesweit knapp zwei Drittel aller Hausbesitzer nicht gegen Naturgefahren wie Überschwemmungen und Starkregen versichert sind – obwohl viele Schadenereignisse Jahr für Jahr fernab der großen Flüsse auftreten.

Erweiterung der Schutzziele in den Planungs- und Baunormen

Sich zu versichern allein reicht allerdings nicht aus: Nur das Zusammenspiel aus risikogerechter Kalkulation der Prämien und nachhaltiger Prävention sorgt auch in Zukunft für die Versicherbarkeit von Naturgefahren. Und hier konstatiere ich noch gehörigen Nachholbedarf. Schon seit Jahren kommen wir in Deutschland nicht damit voran, endlich die Bauvorschriften an die allseits bekannten Schadenereignisse anzupassen. Weder haben wir Vorschriften für hochwasserangepasstes Bauen, noch sagen die Bauvorschriften etwas über den Schutz gegen Starkregen aus. Erforderlich ist auch eine Erweiterung der Schutzziele in den Planungs- und Baunormen. Sie müssen Maßnahmen zum Klimaschutz ebenso berücksichtigen wie die gestiegene Verwundbarkeit von Baustoffen und Bauweisen durch zunehmende Extremwetterereignisse. Mit einem zielgerichteten Paket aus der Änderung der Bauvorschriften sowie einer Anpassung der regionalen Raum-, Flächennutzungs- und Bebauungsplanung ließe sich viel erreichen.

Stattdessen wird nach wie vor über eine Versicherungspflicht diskutiert, die aus Sicht unserer Branche nicht die Ursachen anpackt, sondern nur an den Symptomen, also den Schäden, herumdoktern würde. Wie sollen die Schäden denn zurückgehen, wenn es auch 15 Jahre nach dem verheerenden Augusthochwasser 2002 nicht gelungen ist, hochwasser- und starkregenangepasstes Bauen verbindlich zu machen? Aus guten Gründen lehnt unsere Branche eine solche Pflichtversicherung daher ab.

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Ich plädiere für einen neuen Umgang mit den Risiken, die durch Extremwetterereignisse und den Klimawandel auf uns zukommen: Noch nie haben Unwetter mit heftigen Regenfällen innerhalb so kurzer Zeit so hohe Schäden angerichtet wie die Tiefs „Elvira“ und „Friederike“ in den fünf Tagen Ende Mai/Anfang Juni 2016. Der geschätzte Schadenaufwand beträgt 1,2 Mrd. Euro. Auch wenn niemand behaupten kann, dass die Ereignisse eine direkte Folge des Klimawandels waren – sie vermitteln uns einen Eindruck von den Szenarien, die wir bei einem weiteren Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur erwarten dürfen.

Es gilt daher heute umso mehr, nicht nur in die Minderung von Treibhausgasen zu investieren, sondern die Vulnerabilität unserer Gebäude und Infrastruktur durch angepasste Bauvorschriften und eine nachhaltige Präventionsarbeit zu senken. Nur der geringste Teil des Gebäudebestandes hierzulande ist derzeit auf Extremwetterlagen wie Hagel, Starkregen und Hangrutsche hinreichend vorbereitet – Phänomene, die mit fortschreitendem Klimawandel immer größere Risiken bergen.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth