21.03.2017
Workshop

Solvency II – Das erste Jahr der Anwendung

Ein Jahr nach dem Start von Solvency II ist es Zeit für eine erste Bilanz. Wo steht die deutsche Versicherungsbranche ein Jahr nach dem Start von Solvency II? Wo stehen die deutschen Unternehmen im europäischen Vergleich? Wie sollte Solvency II weiterentwickelt werden? Die wichtigsten Fakten zum Workshop im Überblick.

– Solvenzquote der Branche hat sich zum Jahresende weiter stabilisiert

Wir gehen davon aus, dass sich die Solvenzquote (Verhältnis von Eigenmitteln zur Solvenzkapitalanforderung SCR) der deutschen Versicherungsunternehmen zum Jahresende 2016 stabilisiert hat. Die BaFin hatte für den Gesamtmarkt eine durchschnittliche Bedeckungsquote von 305 Prozent für den 1. Januar 2016 und von 280 Prozent für das erste Quartal 2016 ausgewiesen. Für die Lebensversicherungsunternehmen schätzt der GDV zum Jahresende 2016 eine Bedeckungsquote nahe dem Wert vom 1. Januar 2016 (283 Prozent).

– Solvency II-Bedeckungsquote ist im europäischen Vergleich überdurchschnittlich

Die Bedeckungsquote der deutschen Versicherungsunternehmen – auch der Lebensversicherer – ist im europäischen Vergleich überdurchschnittlich. Das zeigen die Daten der EIOPA. Die Bedeckungsquote bei Berücksichtigung der Long-Term-Guarantee-Maßnahmen (kurz LTG) beläuft sich für Deutschland auf 286 Prozent gegenüber 193 Prozent im EU-Durchschnitt. Zu den LTG-Maßnahmen zählen die Übergangsmaßnahmen und die Volatilitäts- und Matching Anpassung. Auch ohne Berücksichtigung der LTG-Maßnahmen liegt die Bedeckungsquote in Deutschland mit 134 Prozent über dem europäischen Durchschnittswert von 121 Prozent.

– LTG-Maßnahmen sind in allen europäischen Märkten verbreitet

LTG-Maßnahmen sind in allen europäischen Märkten stark verbreitet. Die Unternehmen nutzen die zur Verfügung stehenden Instrumente in unterschiedlichem Ausmaß. Die Volatilitätsanpassung beispielsweise ist in Italien nahezu Standard, während die Matching Anpassung überwiegend von Unternehmen in UK genutzt wird. Die Übergangsmaßnahmen zur Rückstellungsbewertung spielen nicht nur in Deutschland, sondern auch im Vereinigten Königreich eine signifikante Rolle.

Der Referent

 
Dr. Immo Querner
Mitglied des GDV-Präsidiums und Vorsitzender des Präsidialausschusses Unternehmenssteuerung und Regulierung, Finanzvorstand der Talanx AG und des HDI V.a.G., Hannover
 
Download der Präsentation

Foto: Talanx AG

 

– Langfristige Zinsannahme von Solvency II (UFR) nicht absenken

Die Ultimate Forward Rate (UFR) ist ein Konstrukt zur Herleitung langfristiger Zinsen. Die UFR von 4,2 % bedeutet nicht, dass Unternehmen ihre langfristigen Verpflichtungen mit 4,2 % abzinsen. Tatsächlich ist die Zinskurve sehr viel niedriger – auch noch in 150 Jahren. Die Zinskurve in Solvency II ist im Vergleich zu anderen Zinskurven – beispielsweise zur Bewertung von Pensionsrückstellungen nach den IFRS – bereits sehr konservativ. Eine UFR-Absenkung zum jetzigen Zeitpunkt steht im Widerspruch zum politischen Kompromiss zu Solvency II. Die UFR sollte daher erst im Zuge des allgemeinen Überprüfungsverfahrens der LTG-Maßnahmen überprüft werden.

– Proportionalität stärken

Die angestrebte Wirkung der Proportionalität konnte bisher nicht erreicht werden. Die extrem detaillierten und zum Teil äußerst bürokratischen Anforderungen lassen insbesondere im Bereich Geschäftsorganisation kaum Spielraum für unternehmensindividuelle Lösungen. Ausufernde Dokumentations- und Berichtsanforderungen engen die Unternehmen bei der Umsetzung unnötig ein und sind mit hoher operativer Belastung verbunden. Der konsequente Abbau bürokratischer Hemmnisse stellt daher eine wichtige Voraussetzung für die Stärkung des Proportionalitätsgedanken dar.

– Solvency II entschlacken, nicht verschärfen

Nach einer Entwicklungszeit von mehr als zehn Jahren sollte Solvency II nicht bereits nach wenigen Monaten angepasst und verschärft werden. Stabilität und Entschlackung sollten nun im Mittelpunkt stehen. Verschärfungen – auch auf technischer Ebene durch die EIOPA – bedürfen der politischen Legitimation. Hierfür sind die rechtlich vorgegebenen Überprüfungsprozesse ausschlaggebend.