22.03.2017
Kolumne Europäische Aufsicht

Solvency II – keep it simple!

Seit gut einem Jahr gilt das europäische Aufsichtsregime Solvency II. Während sich manches immer noch einspielt, denken die Aufsichtsbehörden schon über Anpassungen der Regeln nach. Verschärfungen wären nicht nachvollziehbar, vielmehr gilt es das Regelwerk zu entschlacken und ausufernde Bürokratie einzudämmen. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Anfang des Jahres 2016 ist mit Solvency II eine neue Ära für die Versicherungswirtschaft in Europa angebrochen. Die zweifellos beachtliche Komplexität dieses Aufsichtsrahmens lässt viel Spielraum für Fehlinterpretationen. Deshalb hatte ich schon vor einem Jahr darauf hingewiesen, dass es zu unseren Aufgaben gehören würde, die Neuerungen und Prinzipien von Solvency II stetig zu erläutern, die Ergebnisse regelmäßig einzuordnen und zu erklären. Das haben wir getan: Im Web, über unsere Publikationen und auf der Fachebene. Erst gestern haben wir in Frankfurt mit einem Workshop für Journalisten über Solvency II informiert.

Deutsche Versicherer sind in Europa überdurchschnittlich kapitalisiert

Nach über einem Jahr ist es an der Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen: Der Start des neuen Aufsichtsregimes ist gelungen. Trotz weiter gesunkener Zinsen zeigen die Bedeckungsquoten, also das Verhältnis der Eigenmittel eines Versicherers zu den Kapitalanforderungen unter Solvency II (SCR), dass die Versicherer in Deutschland ausreichend kapitalisiert sind. Im europäischen Vergleich sind sie sogar überdurchschnittlich kapitalisiert – das belegen Daten der europäischen Aufsichtsbehörde Eiopa. Und vor allem: Wir gehen davon aus, dass die Solvenzquoten der Lebensversicherer zum 1. Januar 2017 besser aussehen werden als die Werte, die für das Ende des ersten Quartals 2016 veröffentlicht wurden.

Eine Absenkung der Ultimate Forward Rate ist aktuell überflüssig

Allen Unkenrufen zum Trotz: Versicherer haben die Zinskrise aktuell im Griff – und sie haben sich auf die neuen Vorgaben gut eingestellt. Damit bloß keine Routine aufkommt feilt die Eiopa nun allerdings schon wieder an den Eckpfeilern des Systems. Ein Beispiel: Schon Mitte des Jahres steht eine Überprüfung der sogenannten Ultimate Forward Rate an (UFR). Sie ist ein Konstrukt von Solvency II zur Herleitung langfristiger Zinsen und beträgt derzeit 4,2 Prozent. Tatsächlich ist die Zinskurve sehr viel niedriger. Eine Absenkung dieses Wertes wird von der Eiopa bereits gefordert – wäre aber aktuell überflüssig: Das würde die Eigenmittel unserer Branche unnötig reduzieren und Risikopositionen vergrößern. Deshalb machen wir uns dafür stark, dass die UFR erst in einigen Jahren überprüft wird. Übrigens: Die Zinskurve in Solvency II ist im Vergleich zu anderen Zinskurven – beispielsweise zur Bewertung von Pensionsrückstellungen nach den IFRS – bereits sehr konservativ angesetzt.

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Damit nicht genug: Schon im Startjahr rief die EU-Kommission die Eiopa dazu auf, ihr bis zum Jahr 2018 zu berichten, wie wir Versicherer mit der SCR-Standardformel klarkommen würden – und wo es hakt. Daraufhin verfasste die Eiopa im Dezember 2016 ein immerhin 118-seitiges Diskussionspapier und bat die Branche um Stellungnahme. In diesen Monaten gibt es Diskussionsrunden, im Oktober sollen erste Empfehlungen an die EU-Kommission gehen. Das Wort Standardformel leitet gehörig in die Irre – diese Berechnungsvorgabe beinhaltet heute schon seitenweise Anwendungshinweise und zig Parameter, die es zu beachten gilt. An den Grundfesten wird dabei nicht gerüttelt, das ist jetzt schon absehbar, wohl aber an Details. Die Eiopa strebt etwa eine Verschärfung des für die Ergebnisse wichtigen Zinsänderungsrisikos an. Natürlich sind wir uns der Folgen der historischen Niedrigzinsphase sehr bewusst. Dennoch lehnt es unser Verband entschieden ab, den in der jüngeren Vergangenheit beobachteten Zinsrückgang sogar im Bereich negativer Zinsen immer weiter fortzuschreiben. Es gibt für unsere Branche eine faktische Zinsuntergrenze, unterhalb derer Versicherungen auf Dauer nicht mehr investieren, sondern Bargeld halten würden.

Der Versicherungssektor steht stabil da

Unsere Branche begrüßt Solvency II, auch wenn die Umsetzung des Regelwerks mit erheblichem Aufwand verbunden war und ist. Schließlich sollen sich nicht nur die Aufsichtsbehörden, sondern auch Investoren und Verbraucher ein Bild von den wirtschaftlichen Verhältnissen und bestehenden Risiken eines Versicherers machen können. Und sicher – jedes Regelwerk muss stetig weiterentwickelt werden, sei es um geänderten Rahmenbedingungen gerecht zu werden oder um Kinderkrankheiten zu beseitigen. Unser Verband ist in stetigem Austausch mit Bafin und Eiopa, um Solvency II so gut zu adjustieren, wie es eben geht. Ich bin gespannt, wohin uns diese Gespräche in den kommenden Monaten führen werden.

Allerdings sage ich auch: Keep it simple! Nach einer Entwicklungszeit von mehr als zehn Jahren sollte SolvencyII nicht bereits nach wenigen Monaten komplett umgebaut oder gar verschärft werden. Kontinuität und vor allem Entschlackung sollten nun im Mittelpunkt stehen.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth