01.03.2017
Kolumne Unfallzahlen

Besser versichert – trotz der Flut neuer Assistenzsysteme

Die Zahl der Verkehrstoten war 2016 so niedrig wie seit über 60 Jahren nicht mehr. Das ist gut! Dennoch sind im vergangenen Jahr so viele Unfälle passiert wie seit der deutschen Wiedervereinigung nicht mehr – trotz des Aufkommens diverser Assistenzsysteme in modernen Fahrzeugen. Der technische Fortschritt kann und wird Unfälle im Straßenverkehr nicht von heute auf morgen verschwinden lassen. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Dreitausendzweihundertvierzehn. So viele Menschen sind im vergangenen Jahr bei Unfällen im Straßenverkehr ums Leben gekommen, im Schnitt sind das fast zehn pro Tag. Jeder einzelne ist einer zu viel. Jeder einzelne dieser dreitausendzweihundertvierzehn Todesfälle steht für einen unfassbaren Schicksalsschlag für die Angehörigen und Freunde der Toten. Und dennoch: Es ist die niedrigste Opferzahl seit über 60 Jahren und hoffentlich ein Schritt in Richtung einer automobilen Zukunft, die irgendwann überhaupt keine Toten mehr und auch deutlich weniger Verletzte zur Folge hat als heute. Ich habe es an dieser Stelle schon einmal geschrieben: Als ich Anfang der 70er Jahre das Führerscheinalter erreichte, kamen im Straßenverkehr jedes Jahr über 20.000 Menschen ums Leben. Die Straßen waren ein Hochrisikogebiet, das uns aus heutiger Sicht als völlig inakzeptabel erscheint. Diese Zeiten liegen zum Glück weit hinter uns. Das ist ein Erfolg des technischen Fortschritts und der jahrzehntelangen Bemühungen von Autoherstellern, Politik und Wissenschaftlern wie der Unfallforschung der Versicherer, die seit Jahren an einer Zukunft ohne Verkehrstote arbeiten.

Deutsche Kfz-Versicherer haben 2016 rund 22,7 Mrd. Euro für ihre Kunden geleistet

Wer nun allerdings annimmt, dass eine geringere Zahl von Verkehrstoten das Resultat von weniger Verkehrsunfällen ist, der irrt: Das offenbart ein genauerer Blick auf die Zahlen, die das statistische Bundesamt vergangene Woche veröffentlicht hat. Die Gesamtzahl der Unfälle sinkt nicht, sie steigt. „2016 war das unfallreichste Jahr seit der deutschen Vereinigung“, betonen die Statistiker. Die Polizei nahm rund 2,6 Millionen Unfälle auf, das waren 2,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das spiegeln auch die vorläufigen Zahlen des GDV wider: Die deutschen Kfz-Versicherer haben 2016 rund 22,7 Mrd. Euro für ihre Kunden geleistet. Das ist ein Plus von 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

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Unfälle werden nicht nur mehr, sondern im Schnitt auch teurer

Und das trotz der zig Assistenzsysteme, die moderne Fahrzeuge bereithalten: Rückfahrkameras, Spur- und Abstandsassistenten, Müdigkeits- und Totwinkelwarner, Notbrems-Systeme und ständig piepende Einparkassistenten. Und obwohl Unternehmensberater wie die von KPMG behaupten: „Der rasante Fortschritt bei den Fahrerassistenzsystemen von Kraftfahrzeugen bis hin zum Autonomen Fahren wird die Anzahl und Höhe von Kfz-Kollisionsschäden bis zum Jahr 2030 um bis zu 50 Prozent reduzieren.“

Tatsächlich? Im Moment ist die Realität offensichtlich eine andere: Die Leistungen der Kfz-Versicherer steigen, denn die Unfälle werden nicht nur mehr, sondern im Schnitt auch teurer. Wo früher nur eine Delle ausgebeult oder eine Scheibe ersetzt wurde, müssen die Werkstätten heute auch Sensoren neu kalibrieren, Kameras ausrichten, das Zusammenspiel aller Sicherheitssysteme überprüfen oder gar weitere Teile ersetzen.

Ob und wie sich der technische Fortschritt mittel- und langfristig auf die Unfallzahlen und die Höhe der damit verbundenen Kosten auswirkt, ist bislang eine offene Frage. Unser Verband beobachtet die Entwicklung sehr genau, aber die Statistiken liefern bislang lediglich Indizien, die wir interpretieren können – nicht mehr, nicht weniger.

Kunden besser in ihrer automobilen Welt abholen

Natürlich gehen die Herausforderungen im Bereich der Kfz-Versicherung weit über diese Frage hinaus. Das beginnt mit der sharing economy, die neben dem Besitz eines Fahrzeuges auch eine zeitweise Nutzung ermöglicht. Das geht weiter mit der wichtigen Entscheidung, wer über die Daten eines vernetzten Autos verfügen kann. Und es endet mit der Frage, wie Hersteller automatisierter Fahrsysteme angemessen an den Kosten beteiligt werden können, wenn sie fehlerhafte Technik auf den Markt bringen – ohne dass dabei der Schutz der Verkehrsopfer gefährdet wird.

Auf all diese Entwicklungen suchen wir Versicherer kluge Antworten, die unsere Kunden besser in ihrer automobilen Welt abholen. Mit neuen Angeboten, die durch die Nutzung von Big Data möglich werden: Telematik-Tarife etwa sind im Kommen und belohnen Kunden, die im Straßenverkehr Risiken vermeiden. Mit unserem Einsatz gegen ein Datenmonopol der Autohersteller zulasten der Verbraucher. Mit neuen Assistance-Dienstleistungen wie dem Unfallmeldedienst. Und mit einer Kfz-Haftpflichtversicherung, die schon heute ganz selbstverständlich auch solche Verkehrsopfer schützt, die durch automatisierte Fahrsysteme zu Schaden kommen. Denn unsere Erfahrungen zeigen bislang: Der technische Fortschritt kann und wird Unfälle im Straßenverkehr nicht von heute auf morgen verschwinden lassen.

Fahren Sie also weiterhin vorsichtig!

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth