29.03.2017
Anleihemärkte

„Abrupten Zinsanstieg vermeiden“

Der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Dr. Alexander Erdland, über ausgebliebene Deflationsgefahren, eine mögliche Überhitzung der US-Wirtschaft und die Grenzen der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.

Herr Erdland, die Zinsen auf den Bondmärkten sind in den vergangenen Jahren auf nie dagewesene Niveaus gefallen. In den letzten Monaten sind die Renditen allerdings wieder gestiegen. Die US-Notenbank hat gerade die Zinsen erhöht. Halten Sie das für ein Strohfeuer oder eine echte Zinswende?
Alexander Erdland: Gründe für eine Zinswende gibt es: Neben der fortschreitenden Erholung im Anschluss an eine der tiefsten Finanzkrisen der neueren Wirtschaftsgeschichte spielt die Abkehr der US-Notenbank von ihrer Nullzinspolitik eine wesentliche Rolle. Auch wenn viele Probleme wie etwa die hohe Verschuldung im Staatssektor noch nicht gelöst sind, mehren sich inzwischen die Anzeichen, dass die Konjunktur in den westlichen Industrieländern Fahrt aufgenommen hat. Dies gilt vor allem für die USA, aber auch für den Euro-Raum. Nach wie vor ist es im Übrigen so, dass höhere US-Zinsen sich auch in höheren Renditen bei den Bundesanleihen niederschlagen. Der momentane Zinsanstieg ist sichtbares Zeichen hierfür. Auch die Inflationserwartungen zeigen wieder eine deutlich ansteigende Tendenz. Deflationsgefahren, sofern sie denn jemals in einem nennenswerten Ausmaß bestanden haben sollten, sind also nicht mehr vorhanden. Dies hat auch EZB-Präsident Draghi auf einer der letzten Pressekonferenzen der EZB bestätigt.

Zur Person

Alexander Erdland ist Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft

„Deflationsgefahren, sofern sie denn jemals in einem nennenswerten Ausmaß bestanden haben sollten, sind nicht mehr vorhanden.“

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr eines abrupten Zinsanstieges ein?
Erdland: Aktuell sind die Gefahren eines abrupten Zinsanstiegs noch gering, denn das globale Wachstum ist wegen der hohen politischen Unsicherheiten bisher verhalten – und damit ist auch der Realzins niedrig. Zudem ist der zugrundeliegende Preisdruck im Euro-Raum noch gering; die Kernrate der Inflation lag bis zuletzt bei knapp 1 Prozent. Und schließlich dürften die Märkte die weiteren Zinsstraffungen in den USA in ihrer Preisfindung bereits weitestgehend berücksichtigt haben. Allerdings müssen sowohl die US- als auch die Europäische Zentralbank aufpassen, dass sie in der Einschätzung der Märkte nicht zu langsam agieren und zurückfallen. Dies könnte vor allem dann passieren, wenn die US-Volkswirtschaft im Fahrwasser großer fiskalischer Impulse überhitzt, etwa wenn US-Präsident Trump seine versprochenen Steuererleichterungen umsetzt. In diesem Fall eines „too little, too late“ der Notenbanken würden die Inflationserwartungen deutlich steigen. Dann würde ein abrupter Zinsanstieg drohen, der zu erheblichen Verwerfungen in der Realwirtschaft und auf den Finanzmärkten führen könnte. Dies gilt es aus Stabilitätsgründen zu vermeiden.

Erleben wir gerade den Einstieg in den Ausstieg der derzeitigen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank?
Erdland: Nicht umsonst haben Institutionen wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich oder der Sachverständigenrat in den letzten Monaten immer wieder darauf hingewiesen, dass das extreme niedrige Zinsniveau zu einem der größten Stabilitätsrisiken geworden ist, eine Auffassung, die wir Versicherer teilen. Die US-Notenbank Fed hat ihre Kurswende zuletzt beschleunigt. Will die EZB in den Augen der Märkte nicht zurückfallen, muss auch sie möglichst bald den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik verbal vorbereiten.