23.02.2017
ThinkCamp „Deutschland lebt länger“

Versicherer stoßen gesellschaftliche Diskussion zu Folgen des längeren Lebens an

Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn die Lebenserwartung immer mehr steigt. Bei der Auftaktveranstaltung „Deutschland lebt länger“ der Initiative „7 Jahre länger“ wird der Druck zu Reformen deutlich – aber auch ein wandelndes Bild des Älterwerdens. Von Henning Engelage

Der Staat muss nach Ansicht von Experten mehr für die gesundheitliche Aufklärung tun, damit alle Bevölkerungsgruppen von der steigenden Lebenserwartung profitieren. „Das Verhalten ist für die Lebenserwartung extrem wichtig. Es ist daher entscheidend, dass wir in Gesundheit und gesundes Verhalten investieren“, sagte Peter Haan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auf dem ThinkCamp „Deutschland lebt länger“ am Mittwoch in Berlin. Gerade Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen müssten stärker zu einem gesunden Verhalten motiviert werden. Haan verwies auf die USA, wo die Lebenserwartung weißer Männer und Frauen aufgrund des zunehmenden Alkohol- und Drogenmissbrauchs zuletzt zurückgegangen sei.

Das ThinkCamp der Initiative „7 Jahre länger“ in der Bauakademie Berlin bildete den Auftakt für einen Dialog mit Politik, Wissenschaft und Bürgern. Ziel ist es, die Folgen des längeren Lebens stärker in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte zu rücken. Gemeinsam mit dem Demografie-Netzwerk Population Europe und zehn internationalen Experten wird die Initiative Lösungen und Ideen erarbeiten, wie der demografische Wandel gestaltet und das Potenzial der älteren Menschen genutzt werden kann. Die Ergebnisse sollen im Sommer vorliegen.

„Das Bild der fitten Alten beginnt sich erst zu entwickeln“

Jens Spahn, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, betonte den großen Vorteil des demografischen Wandels: „Wir haben eine zusätzliche Lebensphase geschenkt bekommen.“ Daraus würden sich neue Möglichkeiten ergeben – sowohl für die Gesellschaft, als auch jeden Einzelnen. So sei eine Reise nach New York im Alter kein unerreichbarer Wunschtraum wie früher. Die positiven Aspekte des Alters würden mehr und mehr wahrgenommen: „Meine feste Überzeugung ist: Das Bild der fitten Alten beginnt sich erst zu entwickeln“, sagte Spahn.

Michael Sommer verwies jedoch darauf, dass die Zufriedenheit im Alter auch stark von den finanziellen Möglichkeiten abhängt. „Die, die einigermaßen sozial abgesichert sind, werden anfangen, ihr Alter zu genießen“, sagte der ehemalige Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Es gebe aber eben nicht nur die lustigen Alten.

Ex-DGB-Chef Sommer fordert selbstkritisch Umdenken bei Tarifverträgen

Sommer hält zudem ein Umdenken in der Beschäftigungspolitik für nötig, um die Chancen von Älteren auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern: „Wir müssen Abschied nehmen vom Senioritätsprinzip in der Arbeitswelt.“ Auch er habe Tarifverträge mit abgeschlossen, die bewusst das Senioritätsprinzip gefördert hätten – ein System, in dem mit steigendem Alter die Bezüge automatisch wachsen. „Wir müssen das aber gerade bei einer älter werdenden Gesellschaft infrage stellen.“

Haan vom DIW sieht auch die Wirtschaft in der Pflicht, mehr Angebote für Ältere zu schaffen: „Wir müssen noch stärker darüber nachdenken, wie man Heterogenität abbilden kann.“ Wie das geht, zeigt das Beispiel SAP. Der Software-Hersteller hat vor einem Jahr eine Initiative gestartet, mit der sogenannte Senior Experts – darunter Mitarbeiter, die bereits im Ruhestand waren – über Projekte wieder im Unternehmen arbeiten. „Unsere Teams sind dann besonders stark, wenn sie gemischt sind“, betonte Heidrun Kleefeld, Demografie-Beauftragte bei SAP. Auch am neuen Standort in Potsdam gebe es das Bedürfnis, die Altersgruppen zu mischen.