21.02.2017
Makro und Märkte kompakt - Insurtechs

„Schumpeterscher Moment“ für die Versicherungsbranche

Mehr als sechs Milliarden Dollar haben Investoren in den vergangenen Jahren in Start-ups mit Versicherungsbezug gepumpt. Haben diese Insurtechs die zerstörerische Kraft, die Versicherungswirtschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern? GDV-Chefsvolkswirt Klaus Wiener hat Antworten.

Sie sind klein, agil und können ganze Branchen aus den Angeln heben. Jedenfalls behaupten das viele Start-ups von sich selbst – und nicht wenige etablierte Unternehmen teilen diese Ansicht.

Werden Insurtechs mit ihren Geschäftsmodellen tatsächlich die gesamte Versicherungswelt umwälzen? Hat die traditionelle Branche die Digitalisierung verschlafen und wertvolle Zeit im Wettbewerb mit den neuen Playern verloren?

Die Antwort auf beide Fragen in Kurzform: Nein. In der Publikation Makro und Märkte kompakt beschäftigt sich der GDV ausführlich mit der Digitalisierung der Versicherungsbranche und der aufkommenden Konkurrenz durch Start-ups mit Versicherungsbezug, sogenannte Insurtechs.

Die zentralen Erkenntnisse:

  • Insurtechs werden etablierte Anbieter auf absehbare Zeit nicht verdrängen. Sie besetzen aber wichtige Nischen: Die Anbieterlandschaft differenziert sich weiter aus.
  • Die neuen technologischen Möglichkeiten und der daraus resultierende intensivere Wettbewerb können durchaus disruptiv wirken. Nur Unternehmen, die sich an die neuen Gegebenheiten anpassen, haben eine Zukunft – egal ob Startup oder etablierter Versicherer.
  • Notwendig ist mehr denn je ein Rahmen, der einen fairen Wettbewerb gewährleistet, ein Level Playing Field gestaltet durch die Politik und Aufsicht.

Die derzeitigen Veränderungskräfte sind nach Einschätzung des GDV-Chefvolkswirtes so tiefgreifend, dass es gerechtfertigt sei, von einem Schumpeterschen Moment zu sprechen. Einem Moment der schöpferischen Zerstörung, „in dem vieles bisher Bewährte durch neue Lösungen ersetzt wird“.

Investoren glauben an Erfolg der Insurtechs

Die Umwälzung ist bereits in vollem Gange, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt. Seit 2011 haben Investoren weltweit über sechs Milliarden Dollar in Insurtechs investiert. Dabei spielte der deutsche Markt lange eine eher zurückhaltende Rolle – doch im abgelaufenen Jahr sammelten hiesige Insurtechs 82 Millionen Dollar bei Geldgebern ein.

Die rund 40 im deutschen Markt aktiven Start-ups wachsen also in einem für sie sehr günstigen Klima, in dem Investoren angesichts billigen Geldes und niedriger Zinsen stets nach vielversprechenden Anlagemöglichkeiten suchen. Die jungen Unternehmen sind nicht nur kreativ, wenn es um neue Versicherungslösungen geht oder darum, bestehende so zu vereinfachen, dass sich Wertschöpfungsketten optimieren lassen. Neue Technologien, flache Hierachien und die Bereitschaft Fehler zu verzeihen, beschleunigen Entwicklungsprozesse.

Etablierte Versicherer verfügen über „beachtliche Stärken und Alleinstellungsmerkmale“.

Ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis die neuen die alten so angreifen wie das in anderen Branchen längst der Fall ist? Ist die Zeit reif für das Amazon der Versicherungsbranche? Wohl nicht.

Etablierte Versicherer verfügen über „beachtliche Stärken und Alleinstellungsmerkmale“. Sie könnten von den Newcomern kaum nachgebildet werden – jedenfalls nicht in kurzer Zeit. Versicherer verfügen über umfassende Kenntnisse der gesamten Wertschöpfungskette von der Risikobewertung bis zur Kapitalanlage und decken so das gesamte Leistungsspektrum ab – und nicht wie viele Start-ups nur Teilbereiche. Auch bei der Finanzkraft, der Erfahrung mit komplexen Regulierungsvorgaben und natürlich nicht zuletzt beim Kundenvertrauen – aufgebaut über Jahrzehnte – haben sie gegenüber den Herausforderern die Nase vorn.

Die Insurtechs deshalb nicht ernst zu nehmen, wäre laut Wiener allerdings der völlig falsche Schluss der Versicherer. Er rät vielmehr, die Neuen als Türöffner zur digitalen Welt zu verstehen und ihre Tugenden auch in die eigenen Prozesse einzubinden. Die Trennlinie im Versicherungsmarkt der Zukunft verlaufe nicht zwischen etablierten Anbietern und Insurtechs. Soll heißen: Wer Produkte und Dienstleistungen anbietet, die Kunden in einer digitalen Welt haben wollen, wird überleben. „Ganz gleich, ob Start-up oder traditioneller Anbieter.“

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Makro und Märkte kompakt

InsurTech(s): Zwischen Konkurrenz und Partnerschaft

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