15.02.2017
Kolumne Digitalisierung

Obacht, Insurtech!

Mit Fug und Recht können Kunden verlangen, dass Versicherer alle Chancen der Digitalisierung nutzen – und sie an den Erfolgen teilhaben lassen. Wenn wir es nicht tun, tun es neue Wettbewerber – und die sind aggressiv und agil wie nie zuvor. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Freitagnachmittag, Rush Hour, enger Verkehr: Wie schnell kann im Stop-and-Go-Verkehr ein Auffahrunfall geschehen. Nur ein Blechschaden vielleicht, aber dennoch ärgerlich. In Zukunft wird die Abwicklung solcher Schäden noch zügiger und komfortabler für unsere Kunden werden. Das Foto einer Beule im Auto genügt, wenn es uns per Smartphone über eine App erreicht. Was kostet dieser Schaden? Ist er versichert? Und ist der Schaden plausibel? Innerhalb von Sekunden werden wir diese Fragen beantworten können. So kann Big Data uns dabei helfen, dass wir unseren Kunden ihr Geld nach einem Schaden nicht innerhalb von Tagen, sondern innerhalb von Stunden anweisen können.

Versicherer müssen gut ausgebildete Querdenker für eine Karriere begeistern

Weniger Papierkrieg, weniger Anrufe, weniger Kosten: Versicherer müssen alle Chancen der Digitalisierung nutzen – und ihre Kunden an den Erfolgen teilhaben lassen. Das können sie mit Fug und Recht erwarten. Wenn wir es nicht tun, tun es neue Wettbewerber – und die sind aggressiv und agil wie nie zuvor. Die Versicherungsbranche wandelt sich in rasender Geschwindigkeit. Wir erleben einen regelrechten Gründerboom, und viele Versicherer machen mit. Sie beteiligen sich an Startups oder ahmen deren Erfolgsrezepte in eigenen Tochterfirmen nach. Kurze Entscheidungswege, Mut zum Querdenken und vor allem: Der Mut auch einmal scheitern zu dürfen!

Bislang geht es bei den meisten dieser Insurtechs nur um die Schnittstelle zum Kunden. Nur? Das ist vielleicht die wichtigste Stellschraube, die unser Geschäftsmodell hat. Insurtechs fordern unsere Branche deshalb heraus – und inspirieren uns. Das ist gut so, denn gerade eine etablierte Branche muss wach und agil bleiben. Versicherer werden dazu zusehends gut und anders ausgebildete Querdenker für einen Karriereweg begeistern müssen, wenn sie sich an die neuen Marktbedingungen anpassen und einen Kulturwandel vollziehen wollen.

Die Voraussetzungen dafür, dass ein solcher Kulturwandel gelingt, stehen gut – wenn wir ihn als Notwendigkeit akzeptieren und konsequent danach handeln. Es gibt derzeit noch keine Anzeichen dafür, dass Insurtechs die etablierten Versicherer verdrängen. Das ist der Tenor einer Untersuchung unserer Abteilung Volkswirtschaft, die wir in der kommenden Woche veröffentlichen werden. Im Gegenteil: Etablierte Versicherer haben beachtliche Stärken und Alleinstellungsmerkmale, die von den Newcomern kurzfristig kaum nachgebildet werden können. Das beginnt mit der umfassenden Kenntnis eben der gesamten Wertschöpfungskette des Versicherungsgeschäfts, geht über die große Erfahrung mit komplexen Regulierungsvorgaben und endet nicht zuletzt bei der Finanzkraft.

Das sollte uns allerdings keinesfalls verharren lassen. Noch kein Startup hat in Deutschland tatsächlich eine Lizenz zum Versichern – ich rechne allerdings damit, dass sich das bald ändert. Unsere Branche ist mehr denn je gefordert, die Grundlage des Geschäfts auf die Digitalisierung abzustimmen und damit das Beste aus den Chancen zwischen der 1 und 0 herauszuholen. Laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums gelten Finanz- und Versicherungsdienstleister als „durchschnittlich digitalisiert“ – und rangieren in einem entsprechenden Ranking allerdings immer noch vor Branchen wie dem Handel, dem Maschinen- und Fahrzeugbau oder Chemie und Pharma.

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Rund 4,4 Milliarden Euro für die digitale Infrastruktur allein im Jahr 2016

Als Branche, deren Angebote seit jeher auf der Analyse von Daten fußen, können wir uns damit nicht zufriedengeben, selbst wenn dieselbe Studie uns attestiert, „bereits einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihres Umsatzes mit digitalen Angeboten“ zu erzielen. Gerade weil wir schon so lange digital unterwegs sind, haben wir nun Nachholbedarf – viele der alten Systeme entsprechen nicht mehr dem Stand der Technik. Allein 2016 haben Versicherer auch deshalb mit gut 4,4 Milliarden Euro knapp 4 Prozent mehr für ihre digitale Infrastruktur ausgegeben als ein Jahr zuvor. Die IT-Ausgaben wuchsen damit deutlich stärker als der Branchenumsatz.

Kein Wunder: Die Digitalisierung hilft uns, Versicherungen individueller und passgenauer zu gestalten, also besser und umfangreicher zu versichern als je zuvor. Wir machen zudem Angebote, die risikoarmes Verhalten durch besonders günstige Tarife belohnen. Dazu erheben wir auf freiwilliger Basis schon heute individuelle Daten, etwa des Fahrverhaltens oder den Grad körperlicher Bewegung. Das führt zu besonders günstigen Tarifen für Kfz-, Berufsunfähigkeits- oder Risikolebensversicherungen. Hier geht es nicht um das Ende des Versichertenkollektivs, denn die Kollektive werden mithilfe anderer Daten nur anders und passgenauer zusammengesetzt. Im Gegenteil: Wir belohnen umsichtiges Fahren und aktive Bewegung, weil diese Kunden Schäden vorbeugen – und damit im Sinne aller Versicherten handeln.

Oder denken Sie an ganz neue Märkte: Der GDV hat unverbindliche Musterbedingungen für Cyber-Versicherungen entwickelt, die speziell kleine und mittlere Unternehmen schützen können. Das ist bislang einzigartig auf den Versicherungsmärkten Europas. Mit der für März 2017 geplanten Veröffentlichung dieser Empfehlungen schaffen wir für die Versicherungsbranche eine Orientierung – und eine gute Voraussetzung dafür, dass sich der noch junge Markt entwickeln kann.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth