08.02.2017
Kolumne Garantien

Formel für die Zinszusatzreserve an neue Realität anpassen

Die Formel zur Berechnung der Zinszusatzreserve spiegelt die reale Welt längst nicht mehr wider – und belastet Versicherer derzeit unverhältnismäßig. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Eine nicht alltägliche Koalition: Verbraucherschützer, namentlich der Bund der Versicherten, fordern vehement Änderungen der Regeln für die Zinszusatzreserve. Auch die Bundestagesfraktion Die Linke mahnt Anpassungen an. Und zwar zu Recht. Die Formel zur Berechnung der Zinszusatzreserve spiegelt auch aus Sicht der deutschen Versicherer die reale Welt länger nicht mehr wider – und belastet unsere Branche derzeit unverhältnismäßig.

Die Zinszusatzreserve bilden Versicherer angesichts des schwachen Zinsumfeldes. Sie rüsten sich damit, um alte Verträge mit höheren Garantien auch künftig problemlos bedienen zu können – selbst wenn die Niedrigzinsphase noch Jahre anhalten sollte. Dieses Vorgehen wurde schon im Jahr 2011 von unserer Branche selber vorgeschlagen, damit diese Reserve in angemessenen Schritten entlang ihrer Ertragskraft aufgebaut werden kann und nicht auf einen Schlag. Ein Vorgehen, das ich als ausgesprochen sinnvoll empfinde, erst recht, wenn ich zurückblicke.

Geänderte Verhältnisse erfordern geänderte Maßnahmen

Damals herrschte gleichsam noch ein Hochzinsumfeld. Die heute üblichen massiven Interventionen der Europäischen Zentralbank an den Anleihemärkten, die mittlerweile 30 Prozent aller Staatsanleihen Europas hält und privaten Investoren mit Niedrigzinsangeboten unlautere Konkurrenz macht, hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können. Entsprechend wurde die Formel zur Berechnung der Zinszusatzreserve auf Basis ganz anderer Zinsszenarien aufgestellt, als die, die nunmehr eingetreten sind.

Das führt mittlerweile dazu, dass Versicherer Jahr für Jahr immer höhere Beträge für die Zinszusatzreserve aufbringen müssen. Im letzten Jahr waren es rund 13 Mrd. Euro, für dieses Jahr werden bis zu 20 Mrd. Euro erwartet. Die stagnierende Ertragskraft ihrer Anlageportfolien zwingt die Branche zunehmend dazu, Bewertungsreserven zu realisieren.

Und genau an dieser Stelle wird das eigentlich sinnvolle Verfahren heute ausgesprochen unsinnig, und zwar aufgrund seiner nicht mehr zeitgemäßen Berechnungsgrundlage. Es zwingt unsere Branche zu kostenträchtigen Umschichtungen der Anleiheportfolien, ohne dass dadurch per Saldo mehr Reserven gebildet werden können.

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Der Gesetzgeber ist hier in der Verantwortung

Versicherer sollten mehr Zeit erhalten, die Zinszusatzreserve aus ihren laufenden Erträgen aufzubauen. Damit würde keinesfalls der Schutz der Kundinnen und Kunden geringer. Die spürbare Zurückhaltung des Finanzministeriums an die Formel für die Zinszusatzreserve heranzugehen, wäre zu verstehen, wenn damit zusätzliche Sicherheit geschaffen würde. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Unternehmen durch den Zwang, den ihnen eine tradierte Formel aufbürdet, in Nöte gebracht werden: Versicherer, die aufgrund ihrer Ertragskraft die eingegangenen Zinsgarantien ohne Probleme erfüllen könnten. Ein Beispiel: Für Verträge mit 4 Prozent Garantiezins müssen wegen der schon gebildeten Reserven bereits heute lediglich 2,54 Prozent Kapitalerträge erwirtschaftet werden, im Mittel für alle Verträge sind es derzeit rund 2,3 Prozent.

Weder ein Versicherer, noch die Branche und selbst die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht können ein in Gesetzesform gegossenes Formelwerk ändern. Die gegenwärtige Zurückhaltung gibt mir zu denken: Es liegt schließlich nicht nur in der Verantwortung des Gesetzgebers, Regeln adäquat aufzustellen. Er muss sie bei Bedarf auch an die sich verändernde (Zins-) Welt anpassen.

Nicht sachgerechte Verzahnung mit dem neuen Aufsichtsregime Solvency II

Seine Verantwortung hat der Gesetzgeber an anderer Stelle bereits wahrgenommen. Wegen der extremen Niedrigzinsphase wurde bereits eine andere Formel geändert, nämlich die, mit der Pensionsrückstellungen berechnet werden. Damit wurde den betroffenen Unternehmen mehr Zeit verschafft, um sich an die neue Realität anzupassen. Für uns Versicherer ist eine ähnliche Justierung überfällig.

Gänzlich ad absurdum geführt wird das Ganze übrigens durch eine nicht sachgerechte Verzahnung mit dem neuen Aufsichtsregime Solvency II: Seit der Einführung der Zinszusatzreserve hat unsere Branche damit ein völlig anderes Aufsichtssystem bekommen: Früher Buchwerte, HGB und Solvency I, heute Marktwerte und Solvency II.

Auch das gehört zur neuen, kräftezehrenden Realität für Versicherer.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth