23.02.2017
Kolumne Thinkcamp

Das Paradox des demografischen Wandels

Wir dürfen die schleichende Disruption der alternden Gesellschaft nicht aus dem Blick verlieren – erst recht nicht im Wahljahr 2017. Wie sich das längere Leben auf den Zusammenhalt unserer Gesellschaft auswirkt? Sprechen wir darüber! Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Wir stecken mitten in einem Wahljahr – und mitten drin im demografischen Wandel. Ersterer ist ein hochdynamischer, letzterer ein Prozess in Zeitlupe. Eine schleichende Disruption, die erst erkennbar wird, wenn man aus der Distanz und über größere Zeiträume darauf schaut.

Diese Perspektive haben wir als Versicherer von Berufs wegen. Denn jede Lebens- und Rentenversicherung wird auf der Grundlage langfristiger Prognosen zur Lebenserwartung kalkuliert. Seit über zweihundert Jahren beobachten Versicherer darum sehr genau die Entwicklung der Lebenserwartung. Und unsere Statistiken sprechen eine genauso deutliche Sprache wie die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Die Deutschen leben immer länger.

Die meisten unterschätzen ihre eigene Lebenserwartung immer noch deutlich

Dabei findet der demografische Wandel nicht erst morgen oder übermorgen statt. Im Gegenteil – wir sind mitten drin. 1990 lag das durchschnittliche Sterbealter noch bei rund 75 Jahren. Heute sind es bereits 81 Jahre. Und der Trend geht immer weiter. Für Mädchen und Jungen, die im Jahr 2000 geboren sind, rechnet das Statistische Bundesamt bereits mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 87 Jahren. 67 Prozent der heute siebzehnjährigen jungen Frauen werden das 90. Lebensjahr erreichen. Bei den männlichen Teenagern sind es 45 Prozent.

Die Statistiken sind das eine. Die Wahrnehmung der Menschen das andere. Das Münchener Max Planck Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik hat vor einiger Zeit einmal die Menschen direkt gefragt: Was glauben Sie, wie alt Sie werden? Das Ergebnis: Die meisten unterschätzen ihre eigene Lebenserwartung immer noch deutlich. Im Durchschnitt um sieben Jahre. Und vielen ist deshalb auch nicht bewusst, welche Dimensionen das lange Leben eigentlich hat. Für sie persönlich. Aber auch für unsere Gesellschaft.

Als Versicherer haben wir darum vor einem Jahr die Initiative „Du lebst 7 Jahre länger, als Du denkst“ gestartet. Uns ist es wichtig, die Menschen möglichst direkt anzusprechen und sie mit den unterschiedlichen Facetten des Themas zu konfrontieren. Denn egal wie man über das längere Leben denkt – ob in erster Linie positiv, weil es eine gute Nachricht ist, dass wir mehr Lebenszeit haben oder eher negativ, weil das Alt werden bei vielen auch mit Ängsten verbunden ist: Eine gute Vorbereitung auf das längere Leben ist entscheidend. Denn je mehr man über ein Thema weiß, desto besser kann man in der Regel damit umgehen.

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Das Paradox des demografischen Wandels

Eigentlich wissen wir, dass wir unser Land an diese Veränderung anpassen müssen. Aber dennoch: Es passiert zu wenig. Das ist das Paradox des demografischen Wandels. Dass wir diese Veränderung – im Vergleich zu den meisten anderen Zukunftsfaktoren – so frühzeitig und so deutlich voraussehen können wie kaum eine andere. Trotzdem setzen wir uns eher unwillig damit auseinander.

Das spiegelt die zähe politische und gesellschaftliche Debatte wider. Aus nachvollziehbaren Gründen: Die Eurokrise. Das Verhältnis zu Russland. Der Bürgerkrieg in Syrien und das Schicksal der Flüchtlinge. Die Digitalisierung. Der Brexit. Der Terror. Die Zukunft Europas und des Westens im Zeitalter von Donald Trump. Das alles erscheint dringlicher und wichtiger als die Folgen des langen Lebens, die wir irgendwann in der Zukunft zu erwarten glauben.

Ein gutes Leben im Alter ist weit mehr als nur ein finanzielles Polster

Doch bei allen Dringlichkeiten der Gegenwart: Wir dürfen die schleichende Disruption der alternden Gesellschaft nicht aus dem Blick verlieren. Die deutschen Versicherer möchten das Thema wieder stärker in unser aller Bewusstsein bringen. In diesem Sinne wollen wir in den kommenden Wochen darüber sprechen, wie sich das längere Leben auf den Zusammenhalt unserer Gesellschaft auswirkt: Mittels unserer laufenden Initiative, neuer Studien und Dialogveranstaltungen wie unserem Thinkcamp, das wir gestern in Berlin veranstaltet haben: Welche wirtschaftlichen Potenziale birgt eine alternde Gesellschaft? Wie können wir unser Arbeitsleben so gestalten, dass auch ältere Menschen die besten Möglichkeiten haben, ihre Fähigkeiten zu nutzen und weiter zu entwickeln?

Uns geht es dabei nicht nur um die Altersvorsorge, sondern um einen sehr viel weiteren Begriff von Vorsorge. Ein gutes Leben im Alter ist mehr als nur ein finanzielles Polster. Dazu gehört ebenso eine möglichst gute Gesundheit – über viele Jahre. Und zu einem guten Alter gehören auch die Teilhabe und die Integration in die Gesellschaft. Ein aktives Familienleben. Ein gesundes Umfeld – in der Stadt, in der Gemeinde. Auch in diesen Dingen können wir ganz konkret vorsorgen.

Zusammen mit dem Demografie-Netzwerk Population Europe und zehn internationalen Experten wollen wir dafür neue Impulse geben. Und wollen dazu auch Anregungen und Anstöße von Bürgern und Experten aufnehmen. Die Ergebnisse werden wir dann Ende Juni hier in Berlin vorstellen.

Ich freue mich auf einen lebendigen Dialog mit Ihnen – der, so hoffe ich, den Anfang für einen offenen und konstruktiven Austausch markiert. Haben Sie Anregungen zu diesem Thema? Dann schreiben Sie mir: fuerstenwerth@7jahrelaenger.de

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth