18.01.2017
Verpflichtende Fahrtests für Senioren

„Vielen Älteren mangelt es an Selbsterkenntnis“

Senioren ab 75 Jahre verursachen im Straßenverkehr mehr Unfälle selbst als sogar Fahranfänger. Experte Siegfried Brockmann fordert daher verpflichtende Fahrtests für Senioren. Konsequenzen sollen die Ergebnisse jedoch nicht haben. Warum sie dennoch nützlich sind, erklärt der Leiter der Unfallforschung der Versicherer im Interview.

Herr Brockmann, wollen Sie den Alten den Führerschein wegnehmen?
Siegfried Brockmann: Nein, das will ich nicht. Mir geht es um Hilfe zur Selbsthilfe. Die Alten sollen bei einer begleiteten Fahrt von etwa einer Stunde ihre Fahrtauglichkeit testen. Anschließend besprechen sie die Ergebnisse vertraulich mit dem sachkundigen Begleiter, der Hinweise geben kann, etwa nicht mehr im Dunkeln zu fahren oder Innenstädte zu meiden. Aber niemandem wird der Führerschein entzogen.

Und wer soll alles zum Test?
Brockmann: Alle ab 75. Ab dem Alter ist das Unfallgeschehen sehr auffällig. Die Senioren verursachen drei Viertel ihrer Unfälle selbst, der Wert liegt sogar höher als bei den 18- bis 21-Jährigen. Das heißt: Die Senioren sind auffälliger als die Hochrisikogruppe der Fahranfänger. Und mit zunehmendem Alter steigt das Risiko. Deshalb sollten die Tests auch alle drei bis fünf Jahre wiederholt werden.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hält nichts von der Idee und verweist auf die Statistik. So gibt es zwar deutlich mehr über 65-Jährige als Fahranfänger. Letztere verursachen aber mehr Unfälle.
Brockmann: Das stimmt, aber ich rede nicht von den über 65-Jährigen, sondern fange bei 75 an. Dazwischen liegen Welten. Vor allem aber erfassen die Zahlen das Problem nicht. Heute besitzen Ältere seltener einen Führerschein als Jüngere, das gilt besonders für Frauen. Und diejenigen, die einen besitzen, fahren deutlich weniger. In Zukunft ändert sich das Bild. Dann gibt es zum einen mehr Ältere, von denen dann auch mehr einen Führerschein besitzen. Und dann wird sich die schon heute relativ größere Gefährdung der Senioren auch in den absoluten Unfallzahlen spürbar bemerkbar machen.

Zur Person

Siegfried Brockmann
Leiter der Unfallforschung der Versicherer

Siegfried Brockmann, Jahrgang 1959, hat den Beruf des Kraftfahrzeugmechanikers erlernt und Politische Wissenschaften in Berlin studiert. Im Jahr 1998 übernahm er die Kommunikation für den Bereich Schaden- und Unfallversicherung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Seit 2006 ist er dort Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Ehrenamtlich ist Brockmann Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats und beratendes Präsidiumsmitglied der Deutschen Verkehrswacht (DVW), Vorstandsmitglied des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) und Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Seniorenliga (DSL).

Was macht denn ältere Autofahrer so gefährlich?
Brockmann: Das Manko sind vor allem ihre nachlassenden kognitiven Fähigkeiten. Senioren verfügen zwar über viele Erfahrungen im Straßenverkehr. Doch die Geschwindigkeit, mit der Menschen Informationen verarbeiten, die lässt eben im Alter nach. Probleme gibt es häufig, wenn Ältere auf Kreuzungen links abbiegen wollen. Sie müssen auf den entgegenkommenden Verkehr achten und gleichzeitig auf Fußgänger und Radfahrer. Das sind verschiedene Eindrücke, die sie nicht verarbeiten können. Und solche Defizite lassen sich auch nicht mit zusätzlichen Fahrstunden beheben. Deshalb halte ich eine solche Forderung auch für unsinnig.

Aber wie kann ein Fahrtest helfen?
Brockmann: Er öffnet den Menschen die Augen. Wenn Ältere wissen, dass sie eine Gefahr sind, würden viele auch ihr Verhalten ändern. Das große Problem ist doch heute, dass es vielen an der Selbsterkenntnis mangelt. In den meisten Familien findet die Auseinandersetzung darüber gar nicht statt. Der Opa sagt dann vielleicht: „ Ich fahre seit 40 Jahren Auto. Mir muss niemand etwas erzählen.“ Und damit ist das Thema durch.

Und Sie glauben wirklich, dass sich Ältere von einem Begleiter überzeugen lassen, ihr Fahrverhalten zu ändern?
Brockmann: Häufig schon. Gerade bei niederschmetternden Ergebnissen brauchen die Menschen eine Instanz, jemanden, den sie als Autorität anerkennen – vergleichbar mit einem Arzt. Dennoch vermute ich, dass in der Hälfte der Fälle Ratschläge verpuffen. Aber in meinem Modell findet wenigstens eine obligatorische Beratung statt. Und wenn das bei den anderen 50 Prozent zu Anpassungen führt, ist das ist mehr als heute.

Aber warum nicht gleich konsequent den Führerschein entziehen, wenn der Fahrtest zu dem Resultat kommt?
Brockmann: Die juristische Hürde dafür wäre sehr hoch, weil wir kein wissenschaftlich valides Instrumentarium haben. In einer Stunde lässt sich kaum feststellen, ob jemand noch fahrtauglich ist. Wenn jemand weiß, dass sein Führerschein von dieser einen Stunde abhängt, dann agiert er außerdem sehr nervös. Das verfälscht die Ergebnisse. Selbst mit einem verfeinerten Messverfahren wird es keine hundertprozentige Treffergenauigkeit geben. Das heißt, es würde immer Menschen geben, die grundlos ihren Führerschein verlieren und die als Fußgänger einem zusätzlichen Risiko ausgesetzt werden. Da hätten wir der Verkehrssicherheit einen Bärendienst erwiesen.

Was aber soll ein Begleiter machen, wenn er feststellt, dass der Senior absolut nicht mehr ans Lenkrad gehört?
Brockmann: Noch einmal: Es geht bei den Tests nicht um ein Entweder-oder, um Weiterfahren oder Autostehenlassen. Wir wollen die Mobilität der Älteren soweit es geht erhalten. Wenn jemand partout nicht mehr Auto fahren kann, reden wir von Extremfällen. Und dann sollte ein Begleiter das auch den Straßenverkehrsbehörden melden, wenn ihn sein Gewissen plagt. Das können Ärzte trotz ihrer Schweigepflicht heute auch schon, wenn sie befürchten, dass von ihren Patienten eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht.

Nun sind die Älteren ja auch eine wachsende Wählergruppe. Glauben Sie wirklich, dass sich die Politik mit ihnen anlegen möchte.
Brockmann: Das Alkoholverbot für unter 21-Jährige zeigt, dass die Politik durchaus in der Lage ist, Zwangsmaßnahmen zu verabschieden. Und die unter 21-Jährigen bilden ja auch eine große Gruppe. Dennoch glaube ich, dass Fahrtests für Senioren noch zehn bis 15 Jahre auf sich warten lassen. Noch zeigt sich die Evidenz des Themas nicht in den Unfallstatistiken. Erst wenn der Leidensdruck groß ist, wird die Politik handeln. Doch wenn wir heute nicht schon anfangen, darüber zu diskutieren, werden wir niemals fertig.

Löst sich das Problem mit dem automatisierten Fahren nicht vielleicht von selbst?
Brockmann: Die heutigen Assistenzsysteme sind noch nicht geeignet, Senioren sinnvoll zu unterstützen. Sie geben oft Fehlalarme oder akustische Warnungen, die Ältere eher verunsichern. Und sie setzen einen schnell reagierenden Fahrer voraus. Die Frage nach Fahrtests für Senioren wird sich erst dann nicht mehr stellen, wenn es vollautomatisierte Systeme gibt, die absolut fehlerlos und in allen Umgebungen funktionieren. Das ist in absehbarer Zeit aber nicht zu erwarten.

Interview: Karsten Röbisch