16.01.2017
Kolumne Globale Risiken

Versicherer als Navigatoren für die deutsche Exportwirtschaft

Die Amtsübernahme von Donald Trump läutet ein Jahr großer politischer Risiken für die Weltwirtschaft ein. Staaten weiten protektionistische Maßnahmen aus und schränken den freien Welthandel ein, die Brexit-Verhandlungen starten, weitere Wahlerfolge von Populisten könnten folgen. Gerade in unsicheren Zeiten können Versicherer für Orientierung sorgen: Mit ihren Daten haben sie den Überblick über die Risiken eines Landes, einer Branche und kennen bestenfalls sogar die wirtschaftliche Situation des Handelspartners. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Noch ist Donald Trump nicht im Amt – doch wer seine wirtschaftspolitischen Aussagen für bare Münze nimmt, muss sich fragen: Setzt der neue US-Präsident auf Konfrontation statt auf Kooperation, auf Protektionismus statt auf Freihandel? Schon jetzt liegt das europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen TTIP auf Eis, das amerikanisch-pazifische Freihandelsabkommen TTP will Trump kündigen, das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA stellt er in Frage.

Renaissance des Protektionismus

Nach Jahrzehnten des ausgeweiteten Freihandels erleben wir eine globale Renaissance des Protektionismus. Viele Staaten führen Einfuhrbeschränkungen ein und erheben neue Zölle. Sie subventionieren heimische Hersteller oder versuchen, über Normen und Richtlinien den Zugang zu ihren Märkten zu erschweren, wenn nicht gleich ganz zu verhindern. Zu Recht beschreibt der neue Global Risk Report des World Economic Forum, dass diese von Populisten propagierten Lösungen zwar vermeintlich einfach sind, aber oft das Gegenteil des Versprochenen bewirken.

Wir hatten den Gründer des Davoser Weltwirtschaftsforums zu Gast auf unserem Versicherungstag Ende 2016 in Berlin. Prof. Klaus Schwab wies damals darauf hin, dass der Global Risk Report, damals kurz vor seiner Fertigstellung, überarbeitet werden müsse – eben wegen der neuen politischen Weltlage durch die Wahl Donald Trumps. Die Weltwirtschaft ist eben nicht allein von den am Markt wirkenden Kräften abhängig ist, sondern sehr stark auch von den politischen Gegebenheiten.

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Nehmen wir den Brexit. In Großbritannien herrscht nach Überzeugung der deutschen Kreditversicherer derzeit eine trügerische Ruhe. Aber unter der Oberfläche brodelt es, Unsicherheit regiert. Und das heißt für die Unternehmen: Das Vertrauen leidet, Investitionen unterbleiben, Übernahmen und Fusionen werden zurückgestellt. So sehr ich persönliche die Brexit-Entscheidung im Grundsatz bedauere: Egal, wie die Briten nun weitermachen, Europa und wir Versicherer können keine Hängepartie gebrauchen. Erst wenn die britische Regierung tatsächlich die Austrittsverhandlungen beginnt, werden Bürger und Unternehmen wissen, ob Großbritannien und der EU ein harter oder ein weicher Brexit bevorsteht. Erst dann sind langfristige unternehmerische Entscheidungen wieder sinnvoll möglich – in die eine oder in die andere Richtung.

GDV begrüßt Versicherungsabkommen zwischen EU und den USA

Ganz ähnlich in den USA: Wegen des Präsidenten-Wechsels ist die Unruhe groß. Unternehmen müssen mittel- und langfristig wirkende Entscheidungen verschieben oder unter größerer Unsicherheit planen. Das gilt natürlich nicht nur für US-Unternehmen, sondern auch für die Nachbarn in Kanada und Mexiko und die wichtigen Handelspartner in der Europäischen Union.

Das betrifft auch unsere Branche: Nach mehr als 20 Jahre langer Vorarbeit haben sich die EU und die USA Ende gerade erst auf eine für deutsche Erst- und Rückversicherer wichtige gegenseitige Anerkennung von Aufsichtsregeln in relevanten Bereichen geeinigt. Unser Verband begrüßt diesen Vorstoß: Ziel der am Freitag von der EU-Kommission verkündeten Vereinbarung ist es schließlich, Hürden bei transatlantischen Geschäften abzubauen. Sicherheitsleistungen (Collaterals), die Rückversicherer im Tätigkeitsland bisher stellen müssen, wenn sie auf der jeweils anderen Seite des Atlantiks tätig sind, sollen abgeschafft werden. Die Hauptaufsicht über einen weltweit tätigen Versicherungskonzern soll grundsätzlich in seinem Heimatland liegen. Die Behörden in den USA und der EU wollen sich aber zugleich enger austauschen. Die direkten Verhandlungen über das Abkommen dauerten mehr als ein Jahr. EU-Parlament und US-Kongress müssen der Einigung noch zustimmen. Ich würde mir wünschen, dass die jahrelange Vorarbeit Früchte trägt.

Die globale politische Unsicherheit ist gestiegen

Nach den Erfahrungen des Brexit-Referendums und der Wahl in den USA entwickeln sich auch andere Wahlen in stabilen Demokratien von einer schlichten Selbstverständlichkeit zu einem potentiellen Unsicherheitsfaktor: In den Niederlanden stehen im März Parlamentswahlen an, in Frankreich kurze Zeit später die Präsidentschaftswahlen. Schenkt man den Umfragen Glauben, könnten die Euro-Gegner um Geert Wilders die stärkste Kraft im holländischen Parlament werden – und dass Marine Le Pen die Stichwahl erreicht, gilt Demoskopen fast als sicher.

In der Gesamtsicht muss man leider feststellen: Die globale politische Unsicherheit ist gestiegen und droht, künftig noch weiter zu wachsen. Die weltweiten Handelsbeziehungen unterliegen einer sehr hohen Volatilität. Exporte in viele Weltgegenden sind mit Risiken verbunden, die sich schnell ändern und von einzelnen Marktteilnehmern nur schwer erkannt und eingeschätzt werden können. Als starke Exportnation ist Deutschland von politischen Risiken und wirtschaftlichen Schwächen seiner Handelspartner unmittelbar betroffen.

Versicherer tragen zur Exportstärke Deutschlands bei – auch in unsicheren Zeiten

In einem solch turbulenten Umfeld können sich deutsche Exporteure auf die Expertise unserer Branche verlassen: Die deutschen Versicherer decken mit ihren Exportkreditversicherungen insgesamt etwa 15 Prozent deutschen Ausfuhren und übernehmen jedes Jahr Ausfallrisiken in dreistelliger Milliardenhöhe. Darüber hinaus leisten die Kreditversicherer für ihre Kunden einen erheblichen Beitrag zur Prävention: Mit ihren Daten haben sie den bestmöglichen Überblick über die Risiken eines Landes, einer Branche und kennen bestenfalls sogar die wirtschaftliche Situation des Handelspartners. Das macht sie zu unverzichtbaren Risiko-Navigatoren für die deutsche Exportwirtschaft – gerade in unsicheren Zeiten.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth