01.12.2016
Jahreskonferenz Volkswirtschaft und Finanzmärkte

GDV-Chefvolkswirt erwartet 2017 schwächeres Wachstum

Die Unsicherheit infolge des Brexit, ein schwacher Welthandel und protektionistische Tendenzen werden die Konjunktur im nächsten Jahr belasten. Diese Befürchtung äußerte GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener auf einer Fachtagung in München. Ein abrupter Zinsanstieg sei nicht zu erwarten – selbst wenn die Inflationsraten wieder ansteigen.

Das Wirtschaftswachstum in Europa und Deutschland wird sich nach Ansicht des Chefvolkswirtes des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 2017 abschwächen: Klaus Wiener rechnet für die Euro-Zone nach einem Zuwachs von 1,5 Prozent in diesem Jahr nur mit einem Plus von einem Prozent. Für Deutschland prognostiziert er ein Wachstum von 1,1 Prozent (2016: rund 1,9 Prozent). „Der Kalendereffekt ist im nächsten Jahr zwar sehr stark. Das schwächere Wachstum ist aber vor allem Folge der hohen Verunsicherung“, sagte Wiener auf der Jahreskonferenz Volkswirtschaft und Finanzmärkte des GDV am heutigen Donnerstag in München. Die Investitionstätigkeit werde daher schwach bleiben.

Zugleich würden die Faktoren, die in den vergangenen Jahren die Konjunktur gestützt hätten, zunehmend an Kraft verlieren, so Wiener. Dazu zählten der Ölpreisverfall, die Abwertung des Euro und die niedrigen Zinsen. Auch aus den Schwellenländern gebe es kaum Unterstützung. „Selbst wenn der Euro weiter schwach bleibt, sind Impulse aus dem Außenhandel kaum zu erwarten“, sagte Wiener. Er äußerte sich zugleich besorgt über die zunehmenden protektionistischen Tendenzen, etwa in den Vereinigten Staaten. Sie könnten den Welthandel, der seit vier Jahren nur noch schwach expandiert, zusätzlich belasten.

Niedrigzinsen bleiben Belastungsfaktor für die Versicherer

Trotz des schwächeren Wachstums geht der GDV-Chefvolkswirt davon aus, dass die Inflation weiter ansteigt – vor allem infolge eines leicht steigenden Ölpreises. Für Deutschland rechnet er mit einem Preisanstieg von 1,5 Prozent, für den Euro-Raum von 1,3 Prozent. Damit nähert sich die Teuerung der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) von unter, aber nahe zwei Prozent weiter an. „Für die EZB wird es damit schwieriger werden, an ihrem expansiven Kurs festzuhalten“, glaubt Wiener. Er rechnet dennoch mit einer Verlängerung des aktuellen Anleihekaufprogramms über den März 2017 hinaus. Erst ab Herbst dürfte die EZB ihre Anleihekäufe allmählich verringern.

Das anhaltende Niedrigzinsumfeld werde das Geschäft der Versicherer somit auch 2017 belasten, so Wiener. Die schwächere Konjunktur würde zudem den Spielraum der Verbraucher für zusätzliche Ausgaben für die private Altersvorsorge einengen. Der Chefvolkswirt rechnet deshalb mit einem leicht sinkenden Beitragsvolumen in der Lebensversicherung, während sich der Bereich Schaden- und Unfallversicherung unverändert positiv entwickeln dürfte. „In der Summe sollten sich die Beitragseinnahmen in der Versicherungswirtschaft 2017 als robust erweisen“, sagte Wiener.

Chancen für die Versicherungswirtschaft sieht der GDV-Chefvolkswirt hingegen in der fortschreitenden Digitalisierung: „Hier werden neue Märkte entstehen.“ Die Digitalisierung führe vielfach auch zu einer größeren Kosteneffizienz.