14.12.2016
Makro und Märkte kompakt

7 Thesen, warum es 2017 aufwärts geht

Brexit und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten – das sind wohl die beiden größten politischen Überraschungen des zu Ende gehenden Jahres. Beide Ereignisse werden ihre Wirkung auf die Weltwirtschaft erst 2017 voll entfalten. Trotz aller Unwägbarkeiten wagt GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener einen Ausblick für Konjunktur, Finanzmärkte sowie die Versicherungswirtschaft.

These 1 – Wachstum: Der Aufschwung bleibt verhalten

Seit der Finanzkrise hat sich die Weltwirtschaft nur sehr mühsam aus der Rezession gelöst. Mit nur leicht über 3 Prozent liegt sie seit Jahren nur unwesentlich über der Marke von 2,5 Prozent, die historisch die Grenze zur globalen Rezession markiert. Auch im kommenden Jahr dürfte sich die langsame Grundtendenz fortsetzen.
In den USA sollte sich das Wachstum beschleunigen, getrieben vor allem von Steuersenkungen und neuen Ausgabenprogrammen. Allerdings teilen wir nicht die Euphorie, die derzeit an den Aktienmärkten abzulesen ist. Vor allem die Zukunft des freien Handels bereitet Sorge. Im Gegensatz zu den USA dürfte sich das Wachstum im Euro-Raum verlangsamen. Die wirtschaftliche Aktivität hat in den letzten Jahren erheblich von Faktoren wie den stark gesunkenen Zinsen, dem schwachen Euro und dem massiven Verfall der Energiepreise profitiert. Deren Einfluss dürfte über die Zeit aber zunehmend schwächer werden. Insgesamt halten wir es daher für wahrscheinlich, dass die Wachstumsrate im Euro-Raum auf rund 1,0 Prozent fällt, nach gut 1,5 Prozent in diesem Jahr und 2,0 Prozent im Jahr 2014.
Ein ähnliches Muster gilt auch für Deutschland. Nach 1,9 Prozent in diesem Jahr, sollte sich das Wachstum im kommenden Jahr auf 1,1 Prozent verringern. Die im Vergleich zum gesamten Euro-Raum leicht bessere Entwicklung liegt vor allem am privaten Verbrauch, der sich nach Jahren der Quasi-Stagnation zuletzt erstaunlich gut entwickelt hat.

These 2 – Inflation: Entfernung von der Nulllinie

Seit dem Jahr 2014 verharrt die Inflationsrate im Euro-Raum nahe der Nulllinie. Für das Gesamtjahr 2016 dürfte der Preisauftrieb 0,3 Prozent erreichen, nach 0,0 Prozent und 0,4 Prozent in den beiden Jahren zuvor. Für das Jahr 2017 rechnen wir mit einem Preisauftrieb, der zum ersten Mal seit drei Jahren wieder eine „1“ vor dem Komma hat (1,3 Prozent). Zum Jahresende 2017 dürfte die Inflationsrate im Vorjahresvergleich sogar die Marke von 1,5 Prozent erreichen. Maßgeblich hierfür ist vor allem der Ölpreis.

These 3 – Geldpolitik: Einstieg in den Ausstieg

Nach der Finanzkrise ist die Geldpolitik in vielen Ländern auf einen extrem expansiven Kurs eingeschwenkt. Derzeit erheben sieben Zentralbanken in Europa sowie die Bank von Japan negative Leitzinsen. Doch während in der ersten Phase der Krisenbekämpfung die Vorteile der sehr expansiven Geldpolitik klar überwogen haben, mehren sich jetzt die Zweifel am Nutzen von Negativzinsen oder Anleihekaufprogrammen. Aus Sicht der Versicherungswirtschaft bereitet dabei vor allem Sorge, dass mit der Nullzinspolitik die private Altersvorsorge beschädigt wird. Darüber kann auch der leichte Anstieg der Sparquote nicht hinwegtäuschen, denn die geringere Sparneigung und die gestiegene Konsumfreude sprechen eine deutlich andere Sprache.
Für das Jahr 2017 rechnen wir mit einer Neuausrichtung der Geldpolitik. In den USA dürfte die Fed ihrem nahezu sicheren Zinsschritt weitere folgen lassen. Für den Euro-Raum liegen Zinsstraffungen noch in weiter Ferne. Doch sollte auch die Europäische Zentralbank mit dem „Einstieg in den Ausstieg“ beginnen. Gerade hat die EZB ihr Ankaufprogramm noch einmal um weitere neun Monate bis Ende 2017 verlängert, gleichzeitig aber die Höhe der Käufe um 20 Mrd. Euro pro Monat reduziert.

These 4 – Anleihemärkte: Abwärtstrend gebrochen

Zu den wohl größten Überraschungen des Jahres 2016 gehört der erneute, drastische Rückgang der Staatsanleiherenditen im Euro-Raum. Besonders bemerkenswert war der 14. Juni, der Tag, an dem die Rendite der tonangebenden 10-jährigen Bundesanleihe zum ersten Mal in ihrer Geschichte negativ wurde.
Seither ist es zu einem leichten Zinsanstieg gekommen und es stellt sich die Frage, ob dies der Beginn einer echten Zinswende ist. Aber das moderate Wachstum, die geringe Inflation, die aufgeblähten Zentralbankbilanzen und nicht zuletzt die anhaltende „Flucht in die Qualität“ sprechen dafür, dass die Zinsen auf den wesentlichen Staatsanleihemärkten nur begrenzt steigen werden. Sowohl im historischen Vergleich als auch gemessen an den Fundamentaldaten werden die Renditen in den westlichen Industrieländern wohl noch geraume Zeit auf sehr niedrigem Niveau verharren.

These 5 – Finanzmärkte: Schwieriges Jahr auf den Anleihemärkten

Die konjunkturellen, politischen und geldpolitischen Vorgaben sprechen für ein europäisches Börsenjahr 2017, in dem die Finanzmarkterträge ähnlich bescheiden ausfallen werden wie im Jahr 2016. Der leichte Anstieg der Kapitalmarktzinsen ist aus ökonomischer Sicht für die Versicherungswirtschaft zu begrüßen.

These 6 – Versicherungswirtschaft: Trotz Gegenwind stabil

Für die Versicherungswirtschaft sind die Vorgaben des Jahres 2017 zweigeteilt. Während die gedämpfte konjunkturelle Entwicklung keine zusätzlichen Impulse bietet, wird der erwartete leichte Renditeanstieg eine erste Verbesserung im Finanzmarktumfeld darstellen. Trotz zahlreicher Herausforderungen war die Beitragsentwicklung in der Versicherungswirtschaft im Jahr 2016 stabil. Eine ähnliche Entwicklung erwarten wir auch für das kommende Jahr.

These 7: Versicherungswirtschaft: Marktveränderungen auch eine Chance

Trotz herausfordernder Rahmenbedingungen hat sich die Geschäftsentwicklung in der Versicherungswirtschaft nicht nur im Jahr 2016, sondern auch über die gesamte Finanzkrise hinweg als äußerst robust erwiesen. Über die letzte Dekade betrug das durchschnittliche Beitragswachstum immerhin 1,9 Prozent jährlich. Dies ist allerdings weniger als das durchschnittliche Wachstum des nominalen Bruttoinlandsprodukts (2,7 Prozent) – Kennzeichen eines reifen Versicherungsmarktes. Gerade die derzeitigen grundlegenden Veränderungen könnten sich hier als neue Wachstumstreiber erweisen. Ein zunehmender Absicherungsbedarf durch den Klimawandel, die höheren politischen Risiken oder die immer wichtiger werdenden Cyberrisiken bieten vielfältige neue Marktpotenziale.

Das aktuelle Heft der Schriftenreihe „Makro und Märkte kompakt“ der volkswirtschaftlichen Abteilung des GDV befasst sich ausführlich mit den Konjunkturaussichten und kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Downloads

pdf bild
Makro und Märkte kompakt

Sieben Thesen für 2017

Schlagworte