08.11.2016
Kolumne Geringe Stornoquoten

Lebensversicherung anpassen statt kündigen

Wir erleben die Auswüchse einer verfehlten Zinspolitik, die ihren Zenit überschritten hat. Verständlich, wenn Kunden sich deshalb Gedanken über ihre private Altersvorsorge machen – erst recht wenn das Geld für die fälligen Beiträge einmal knapp wird. Die Kündigung einer Lebensversicherung sollte aber stets wohl überlegt und der letzte Schritt sein. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Den diesjährigen Bericht der Wirtschaftsweisen habe ich mit großem Interesse gelesen. Ein Schwerpunkt, den ich in seiner Stoßrichtung nur unterstreichen kann, liegt auf der Zukunft der Alterssicherung in Deutschland. Die Experten fordern eine Stärkung der betrieblichen und privaten Vorsorge. Außerdem plädieren sie für eine Kopplung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung. Besonders kritisch beurteilt der Rat die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Die Märkte derart mit Geld zu fluten sei angesichts der wirtschaftlichen Erholung nicht mehr angemessen.

Auswüchse einer verfehlten und viel zu lange andauernden Zinspolitik

Die Folgen der EZB-Niedrigzinspolitik für die Altersvorsorge von Millionen Sparern – und die Finanzbranche – sind offensichtlich. Und sie machen dieser Tage auch viele Schlagzeilen, zumeist negative: Da werden gut verzinste Bausparverträge von Bausparkassen gekündigt, Fondsgesellschaften schließen ihre Garantieprodukte vorzeitig, einige Versicherer weisen ihre Kunden auf die Möglichkeit hin, ihre Lebensversicherung vorzeitig kündigen zu können und dafür den fälligen Rückkaufwert zu bekommen. Es ist völlig nachvollziehbar, dass sich Sparer in diesem Umfeld Gedanken über ihre private Altersvorsorge machen – erst recht wenn das Geld für die fälligen Beiträge mal knapp werden sollte.

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Für uns Versicherer möchte ich klar stellen: Jeder unserer Kunden hat ein gesetzlich verbrieftes Kündigungsrecht für seine Lebensversicherung. Anders als etwa bei Fondsgesellschaften, die Garantiefonds schließen, hat dieses Recht aber eben nur der Kunde, nicht der Versicherer. Da mag es aus Sicht eines Unternehmens auf den ersten Blick naheliegend erscheinen, wenn ein Versicherer seine Kunden auf die Möglichkeit einer frühzeitigen Kündigung hinweist. Ich halte das allerdings für zu kurzfristig gedacht: Gerade beim Thema Altersvorsorge geht es um Vertrauen und einen langen Atem. Eine bestehende Kundenbeziehung ist etwas, das man nicht leichtfertig aufgeben sollte.

Die Kunden gehen übrigens sehr verantwortungsvoll mit ihrem Kündigungsecht um, denn seit Jahren sinken die Stornoquoten. Und das aus gutem Grund: Eine Kündigung des Vertrages ist in der Regel die schlechteste Lösung. Dabei geht es um die Rendite, aber auch um den Risikoschutz einer Lebensversicherung im Todesfall des Versicherten. Natürlich kann es individuell gute Gründe für eine Kündigung geben, sie sollte aber immer gut abgewogen werden und der letzte Schritt sein.

Die Lebensversicherung ist ein flexibles Produkt

Auf der Website unseres Verbandes haben wir viele Tipps zusammengetragen, wie unsere Kunden ihren Vertrag an neue Lebensumstände anpassen können. Sie können die Police zum Beispiel beitragsfrei stellen oder den Vertrag ruhen lassen. Bei dieser Lösung bleibt die Versicherung grundsätzlich bestehen. Allerdings verringern sich Risikoschutz und Versicherungssumme.

Auch steuerliche Aspekte müssen berücksichtigt werden

Auf Verträge, die vor dem Jahr 2005 abgeschlossenen wurden, fallen in der Regel keine Steuern an. Das mag einen vorzeitigen Verkauf auf den ersten Blick verführerisch erscheinen lassen. Die Steuerbefreiung solcher Alt-Policen gilt aber für die gesamte Laufzeit und alle Zinsen und Überschussbeteiligungen, die in dieser Spanne erzielt werden. Aus meiner Sicht müssen schon sehr gute Gründe vorliegen, um diese Vorteile frühzeitig aufzugeben.

Vor allem rate ich: Sprechen Sie vor einer möglichen Kündigung immer mit einem qualifizierten Berater.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth