19.10.2016
Studie zum Rentenniveau

Wer eine kleine Rente hat, profitiert am wenigsten

Die Debatte um „Haltelinien“ für das Rentenniveau blendet aus, dass das Rentenniveau sich ganz individuell entwickelt. Wie hoch die zukünftige Rente im Verhältnis zu dem vorherigen Einkommen ist, hängt unter anderem vom Beruf und vom Wohnort ab. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Prognos AG. Von Dennis Schmidt-Bordemann

Die „berufsbezogenen Rentenniveaus“ unterscheiden sich zum Teil sehr deutlich – und können sich in den nächsten Jahrzehnten zum Teil auch sehr unterschiedlich entwickeln. Das zeigt eine Studie der Prognos AG im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Von einer einheitlichen Haltelinie würden die Deutschen darum sehr unterschiedlich profitieren. „Die stärkste Rentenerhöhung käme allerdings wahrscheinlich nicht bei Geringverdienern an, sondern bei denjenigen, die während ihres Arbeitslebens besonders gut verdient haben“, sagt Peter Schwark, Mitglied der Geschäftsführung des GDV.

Das niedrigste Rentenniveau hat ein Gutverdiener

Von den zehn Berufen, die Prognos genauer untersucht, hat der Entwicklungsingenieur perspektivisch das geringste „individuelle Rentenniveau“: Wenn er 2030 in den Ruhestand geht beträgt seine Rente nur ungefähr ein Drittel (34,2 Prozent) des Einkommens, das er in seinen fünf letzten Arbeitsjahren bezogen hat.

Obwohl der Ingenieur relativ gesehen das geringste Rentenniveau hat, bekommt er jedoch von allen untersuchten Berufen die höchste Rente ausgezahlt: knapp über 2.000 Euro im Monat. Aber das ist eben nur ein Drittel des durchschnittlichen Einkommens, das in seinen letzten fünf Berufsjahren bei über 6.000 Euro im Monat lag. Der Grund für das niedrige Niveau ist die Beitragsbemessungsgrenze. „Die Obergrenze für den Rentenbeitrag deckelt die Beiträge von Gutverdienern im Arbeitsleben und begrenzt gleichzeitig die späteren Ansprüche an das Rentensystem“, erklärt Oliver Ehrentraut, Leiter volkswirtschaftliche Fragen der Prognos AG.

Große Unterschiede zwischen Arbeitnehmern mit und ohne Kinder

Deutlich höher ist dagegen das Rentenniveau einer kinderlosen Bürokauffrau. Sie erhält im Jahr 2030 etwa 46 Prozent ihres letzten Einkommens als Rente: Dank einer guten Wirtschafts- und Einkommensentwicklung sind das etwa 1.350 Euro im Monat. Obwohl sie eine deutlich kleinere Rente bekommt, ist diese im Vergleich zu ihrem letzten Einkommen von 3.170 Euro relativ hoch. Ihre Kollegin, die im Lauf ihres Arbeitslebens zwei Kinder erzogen hat, hat hingegen nur ein Rentenniveau von 38,5 Prozent – weil sie wegen längerer beruflicher Auszeiten und Teilzeitarbeit weniger Rentenansprüche erworben hat. „Das Beispiel zeigt: Wie hoch die Rente ausfällt, hängt vor allem von der ökonomischen Lebensleistung eines Arbeitnehmers ab“, erklärt Ehrentraut. „Wer mehr einzahlt, der bekommt später auch eine höhere Rente.“

Bis 2040 sinkt das Rentenniveau – aber nicht für alle

Schon 2030 gibt es also erhebliche Unterschiede im Rentenniveau. Aber auch die weitere Entwicklung der Rente verläuft höchst unterschiedlich. Denn während, um bei den obigen Beispielen zu bleiben, eine Bürokauffrau ohne Kinder, die im Jahr 2040 in Rente geht, nur noch mit einem Rentenniveau von 34,3 Prozent (- 11,9 Prozentpunkte) rechnen kann, steigt das durchschnittliche Rentenniveau der Kollegin mit zwei Kindern sogar geringfügig auf 39,2 Prozent (+0,7 Prozentpunkte). Und auch das Rentenniveau des Entwicklungsingenieurs bleibt relativ stabil bei 34,0 Prozent. Von einer pauschalen Anhebung des Niveaus würde der Ingenieur also am meisten profitieren, obwohl er die höchste Rente bezieht.

Auch die Region macht einen Unterschied

Aber nicht nur die berufliche und familiäre Situation macht einen erheblichen Unterschied. Auch die Frage, in welcher Region man wohnt und arbeitet wirkt sich stark auf das Rentenniveau aus. Die massiven regionalen Unterschiede und die zusätzlichen Effekte, die durch unterschiedliche Lebenshaltungskosten in den Regionen auf die Rente wirken, wurden von Prognos bereits im vergangenen Jahr dargestellt. Die größten Differenzen gibt es demnach im Bundesvergleich zwischen Wilhelmshaven und der Sächsischen Schweiz: je nach Berufsbild liegt das Rentenniveau in der niedersächsischen Küstenstadt um bis zu 20 oder 30 Prozent über dem Niveau im Erzgebirge.

Das heißt aber keineswegs, dass die Rentner im Erzgebirge weniger bekämen. Die Renten sind in der Höhe durchaus vergleichbar. Eine Bürokauffrau ohne Kinder bekommt in Wilhelmshaven im Jahr 2030 zum Beispiel 1.436 und in der Sächsischen Schweiz 1.410 Euro. Aber da in dem ostdeutschen Landkreis die Menschen in ihren letzten Berufsjahren voraussichtlich mehr verdienen werden als in der strukturschwachen Nordseestadt, ist das Rentenniveau niedriger.

Keine einfache Lösung zur Stabilisierung der gesetzlichen Rente

Die neue Prognos-Studie zeigt damit vor allem eines: Die Rentenlandschaft ist sehr kompliziert. „Die pauschale Anhebung des Rentenniveaus ist darum nicht zielgenau“, warnt GDX-Experte Peter Schwark. „Wir müssen viel genauer auf die individuelle Situation schauen – sonst gibt es enorme Streuverluste.“ Die Festschreibung des Rentenniveaus würde nach Schätzungen von Prognos bis 2040 immerhin rund 600 Milliarden Euro kosten. „Wenn wir beim Rentenniveau Politik nach dem Gießkannenprinzip machen, kommt von dieser ungeheuren Summe nur der kleinste Teil bei den Menschen an, die wirklich Hilfe brauchen“, so Schwark.

Download

Rentenperspektiven 2040

Niveau und regionale Kaufkraft der gesetzlichen Rente für typisierte Berufe

Studie (PDF)

Methodenbericht (PDF)