13.10.2016
Kolumne Gesetzliche Rente

Die Vertreibung aus dem rentenpolitischen Paradies

Das Bundesarbeitsministerium hat Plan-Zahlen zur gesetzlichen Rente bis zum Jahr 2045 vorgelegt. Die Daten erleichtern es, rentenpolitische Forderungen – wie sie etwa der DGB erhebt – mit einem Preisschild zu versehen und die Frage zu diskutieren: Was kann, was will sich unsere Gesellschaft in den kommenden 30 Jahren für die gesetzliche Altersvorsorge leisten? Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Bis zum Jahr 2045 ist es noch verdammt lange hin. Es ist aber eins der Grundübel der Altersvorsorge, das zu spät über morgen nachgedacht wird. Zumal wir heute einen rentenpolitischen Paradieszustand erleben: Die geburtenstarken Jahrgänge sind noch in Lohn und Brot. Der demografische Faktor wird mit dem Übergang der Babyboomer in die Rente ab dem Jahr 2020 erbarmungslos zuschlagen. Nicht nur bei der Rente, sondern in allen sozialen Sicherungssystemen wird es Kostenexplosionen geben. Ich denke vor allem an die Kosten für Pflege und Gesundheit, die immer weniger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für immer mehr und immer älter werdende Menschen schultern müssen. Wann also erfolgt die Vertreibung aus dem Paradies?

Gut, dass wir kurz vor der Vollbeschäftigung stehen – doch wie lange noch?

Es ist gut, dass wir in Deutschland derzeit kurz vor der Vollbeschäftigung stehen. Die beste Altersvorsorge ist es, die Menschen dauerhaft in sozialversicherungspflichtige Jobs zu bringen. Wenn die gute Beschäftigungssituation anhält, ist das optimal. Der Boom wird sich aber sicher nicht wiederholen.
Ich sage: Deutschland wird sich in Zukunft weit weniger für die gesetzliche Altersvorsorge leisten können, als es etwa der DGB in seiner Kampagne gegen die planmäßige Absenkung des Rentenniveaus glauben machen will.

Einige Zahlen aus dem Ministerium von Arbeitsministerin Andrea Nahles machen die Tragweite der Herausforderungen besonders deutlich: Wollten wir das heutige Rentenniveau bis 2045 festschreiben, würde dies im Schnitt zu Mehrkosten von 40 Milliarden Euro jährlich führen, zusätzlich zu den ohnehin anstehenden Kostenausweitungen durch die absehbare Anhebung des Beitragssatzes auf fast 24 Prozent! Ändern wir hingegen nichts und machen so weiter wie bisher, sinkt das Rentenniveau dann binnen 29 Jahren auf von knapp 48 auf 41,6 Prozent.

Jeder Lösungsvorschlag muss sich an einer Gleichung messen, die letztlich nur drei entscheidende Variablen kennt: die Höhe des Beitragssatzes, das Rentenniveau sowie die Länge der Lebensarbeitszeit. Gehen wir ins Detail:

Die Lebensarbeitszeit

Ich meine, wir müssen uns unvoreingenommen mit den Chancen eines längeren Arbeitens auseinandersetzen. Wenn es uns gelingt, die Zeit, in der wir Rente beziehen, und in der wir arbeiten, in ein stabiles Verhältnis zueinander zu bringen, dann wäre viel gewonnen. Ich freue mich, dass die Debatte über eine längere Lebensarbeitszeit mittlerweile breit und konstruktiv geführt wird. Auch deshalb, weil ein langes Erwerbsleben mehr Zeit für private Vorsorge mit sich bringt. Wir sollten erst einmal alles daran setzen, das gesetzliche Ziel eines Renteneintritts mit 67 Jahren im Bevölkerungsschnitt auch real zu erreichen. Würden die Deutschen im Jahr 2030 tatsächlich bis zu ihrem 67. Geburtstag arbeiten, würde das Rentenniveau um 1,1 Prozentpunkte steigen. Das ist das Ergebnis einer Prognos-Studie, die wir im Juni veröffentlicht haben. In Kaufkraft von heute entspricht das 200 Euro bei einer durchschnittlichen Jahresrente. Mit 21 Prozent läge der Rentenbeitragssatz dabei 0,9 Prozentpunkte unter dem Niveau, das bei Fortschreibung der aktuellen Entwicklung erreicht würde.

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Der Beitragssatz

Ein schrittweises Anheben des Beitragssatzes, wie es gerade Verdi gefordert hat, ist aus mehreren Gründen unrealistisch. Schon heute ist die Belastung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht von Pappe. Ein weiteres, gar geplantes Ansteigen des Beitragssatzes – ohne Not – ginge nicht nur zu Lasten des Konsums, sondern vor allem der Eigenvorsorge. Gerade die Babyboomer müssen mehr selber vorsorgen, um die Gesellschaft nicht zu überlasten. Dazu würden auch die Lohnnebenkosten steigen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen geschmälert. Das bringt mich zur Ausgangsfrage und löst in mir Sorgen um Deutschlands Beschäftigungswunder aus.

Das Rentenniveau

Allen Angstmachern, die vor der Altersarmut warnen und nun nach einem höheren Rentenniveau rufen, sei gesagt: Obwohl das Rentenniveau in den vergangenen 15 Jahren fast 5 Prozentpunkte verloren hat, ist die ausgezahlte Rente keinesfalls geringer geworden. Der Grund sind schlicht und ergreifend Lohnsteigerungen. Trotz sinkenden Rentenniveaus steigt die Rente. Der Direktor des Münchener Max-Planck-Instituts für Sozialrecht, Axel Börsch-Supan, schreibt in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Dieses steigende Kaufkraftniveau steht im krassen Gegensatz zur gegenwärtigen Angstmacherei. Ihr gilt es Haltelinien zu gebieten.“

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Kurs, den wir 2001 mit den Riester-Reformen eingeschlagen haben, der richtige ist: Er bildet die Basis für langfristig finanzierbare und damit verlässliche staatliche Renten. Nur, wenn wir das Umlagesystem der gesetzlichen Rentenversicherung und die kapitalgedeckten Säulen vernünftig aufeinander abstimmen, kann es gelingen, die Versorgung der künftigen Rentnerinnen und Rentner auf einem guten Niveau zu halten.

Im Übrigen freue ich mich, dass unsere Prognos-Studie aus dem Juni eine Punkt-Landung hingelegt hat. Da haben wir für das Jahr 2040 ein Rentenniveau von 41,7 Prozent prognostiziert, so die Rahmenbedingungen sich nicht verändern. Wenn ich mir die 41,6 Prozent des Bundesarbeitsministeriums für das Jahr 2045 ansehe, ist das doch ziemlich treffsicher.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth