21.09.2016
Kolumne Altersvorsorge

Rentendebatte – zwischen großem Wurf und kleinen Anstupsern

Die aktuellen Pläne für eine Flexi-Rente zeigen: Wir kommen voran bei der Sicherung der Altersvorsorge, auch wenn die entscheidenden Themen noch bevorstehen. So warten wir auf den Gesetzentwurf zur Reform der betrieblichen Altersversorgung. Die breite Debatte darüber ist notwendig – manchmal allerdings reicht auch ein kleiner Hinweis aus, um viel zu bewirken. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Am Wochenende hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über einen Brief berichtet, der „nervös“ macht: Es ging um die jährlichen Informationsschreiben der gesetzlichen Rentenversicherung – und um eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Die Wissenschaftler haben die Folgen dieser Information untersucht, die wohl nur bei den wenigsten Empfängern Begeisterung auslöst. Ergebnis: Der Brief wirkt durchaus. Nach seiner Lektüre sparen die Adressaten in der Regel mehr für ihre private Altersvorsorge. „Die Effekte sind ziemlich groß und halten über mehrere Jahre an“, zitiert die Zeitung aus der Studie.

Vom Segen regelmäßiger Renteninformationen

Viele Menschen neigen dazu, Fragen und Entscheidungen zu ihrer Altersvorsorge aufzuschieben oder zu ignorieren. Anstupser, wie die jährliche Information der gesetzlichen Rentenversicherung, rütteln wach und sorgen für Transparenz. Wer eine Lebens- oder Rentenversicherung hat, wird ebenfalls jährlich über die zu erwartende Rente informiert. Dazu hat unser Verband die Branchenempfehlungen für Aufbau, Inhalt und Gestaltung dieser Standmitteilung mit Hilfe von Sprachwissenschaftlern überarbeitet. Wir machen uns zudem für eine webbasierte Informationsplattform stark, die jedem Bürger auf einen Blick den Status seiner gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorgeansprüche spiegelt.

Weitere Impulse zum Thema Rente gibt es in diesen Tagen reichlich: Das Thema ist mitten in der Gesellschaft angekommen und wird im Wahlkampf 2017 eine zentrale Rolle spielen. Dabei werden schon heute Fortschritte gemacht. Ein Beispiel ist die Flexi-Rente, die schon Anfang 2017 kommen soll. Das Kabinett hat gerade den entsprechenden Gesetzentwurf verabschiedet. Die starren Grenzen, in denen man sich beim Bezug einer Teilrente etwas hinzuverdienen kann, fallen dann weg; Das Arbeiten über die offizielle Altersgrenze hinaus wird attraktiver. So kann Mehrarbeit zu höheren Rentenansprüchen führen. Die Pläne gehen in die richtige Richtung, denn so könnte es gelingen, die durchschnittliche Lebensarbeitszeit zu erhöhen. Gerhard Schröder, der gestern in Berlin den Ludwig-Erhard-Preis entgegengenommen hat, hat in seiner Rede übrigens die Reformmüdigkeit in Deutschland beklagt und nachhaltige Antworten auf den demografischen Wandel angemahnt. Die Rente mit 63, das stellte der Altkanzler klar, sei so eine sicherlich nicht.

GDV-NEWSLETTER

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Der GDV-Newsletter bietet einen aktuellen Überblick über die wichtigsten Themen der Versicherungswirtschaft – immer donnerstags in Ihrem E-Mail-Postfach.
Hier abonnieren

GDV-Konferenz zur Reform der betrieblichen Altersversorgung

Viele Schritte sind erforderlich. Die Bundesarbeitsministerin will im November ihr Gesamtkonzept zur Altersvorsorge vorlegen. Eine wesentliche Rolle wird dabei ein Gesetzentwurf zur Reform der betrieblichen Altersversorgung (bAV) spielen. Wir flankieren das Thema mit einer prominent besetzten Diskussionsveranstaltung. Im Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis beleuchtet der GDV am 29. September die Optionen zur Stärkung von Betriebsrenten.

Heute haben knapp 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine bAV. Es gibt mittlerweile über 15 Millionen Versorgungszusagen, die von den Versicherern rückgedeckt oder initiiert sind. Kleine und mittlere Unternehmen setzen besonders auf die Direktversicherung. Insgesamt haben wir dort aber noch Nachholbedarf, der Verbreitungsgrad der bAV ist hier deutlich niedriger als bei Großunternehmen. Verbesserungen können da ein großes Potenzial für die Sicherung der Altersvorsorge entfalten. Dazu sehe ich viele pragmatische Schritte.

Vier von zehn neu abgeschlossenen Policen gehören zu Rentenversicherungen neuen Typs

Den jüngsten Hinweis in Sachen Rente liefert heute Finanztest. Die Redaktion hat Angebote zur privaten Altersvorsorge mit neuen Garantiemodellen unter die Lupe genommen. Ich begrüße die Diskussion und das Interesse an diesen Produkten sehr, teile deswegen aber längst nicht jede Schlussfolgerung, die hier gezogen wird: Wir Versicherer entwickeln unsere Produkte weiter und passen sie an das Niedrigzinsumfeld und die steigende Lebenserwartung an. Die neuen Rentenversicherungen garantieren, ebenso wie die klassischen, eine lebenslange, monatliche Rentenzahlung – und auch die Mindestrente steht bei Vertragsabschluss fest. Derzeit entscheiden sich viele Kunden für diese Produkte: rund vier von zehn neu abgeschlossenen Policen gehören zu den Rentenversicherungen neuen Typs. Diese Kunden verzichten zugunsten höherer möglicher Renten bewusst auf einen Teil der bisher üblichen klassischen Garantien.

Langsam aber sicher naht die Zeit der politischen Entscheidungen

Bei allen Veränderungen, die Reformen für eine Absicherung der Rente mit sich bringen, sollten wir aber eines nicht vergessen: Die beste Rentenpolitik ist die, die dafür sorgt, dass möglichst viele Menschen in Lohn und Brot stehen. Das haben die vergangenen Jahre eindrucksvoll gezeigt. Ich bin gespannt auf die weiteren Fortschritte, die wir bei der Lösung der Rentenfrage machen. Nach den vielen Debatten der vergangenen Monate, kommen wir in die nächste Phase der politischen Willensbildung. Es wird konkreter.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth