07.09.2016
Paralympics Rio de Janeiro

Deutschlands Blade Runner

Er ist eine der großen Medaillenhoffnungen des deutschen Teams bei den Paralympischen Spielen in Rio und hat dort am heutigen Donnerstag seinen ersten Lauf: David Behre, Sprinter-Star des TSV Bayer 04 Leverkusen, gab dem GDV-Magazin „Positionen“ kurz vor seiner Abreise nach Brasilien beim Training ein Interview über Sieg, Schmerz, Versicherungen – und wie man den Verlust beider Unterschenkel überwinden kann. Von Tom Rademacher

Herr Behre, gutes Training heute?
David Behre: Ja, sehr gut sogar. Das eben war gerade Bestzeit. Aber bitte: David!

Okay. Nicht zu heiß heute für dich?
Behre: Wir Sprinter lieben heißes Wetter. Da sind die Muskeln schön warm.

Deine Spezialität ist die 400-Meter-Strecke, worauf kommt es da an?
Behre: Vor allem auf Strategie. Nach gut 300 Meter Sprint ist jeder Akku leer. Also musst du deinen Körper kennen und dir das Rennen richtig einteilen.

Dein Körper ist dein Kapital. Kannst du von der Leichtathletik leben?
Behre: Dank meiner Sponsoren kann ich den Sport praktisch hauptberuflich betreiben. Ginge anders auch kaum: Ich trainiere rund 30 Stunden pro Woche.

Zur Person

David Behre

ist Sprinter beim TSV 04 Bayer Leverkusen, einem von Deutschlands größten Leichtathletik- und Behindertensportvereinen. Seit einem Unfall 2007 fehlen dem 30-Jährigen beide Füße und die untere Hälfte seiner Unterschenkel. Vor seinem Unfall fuhr Behre Motocross, die Leichtathletik entdeckte er erst danach für sich. Behre läuft auf „Blades“ genannten Karbonprothesen. Bei den Paralympischen Spielen in London 2012 errang er in der 400-Meter- Staffel die Bronzemedaille. Bei der Weltmeisterschaft 2015 in Doha holte er Gold über die 400 Meter.

Du bist 2007 in deiner Heimatstadt Moers schwer verunglückt. An was erinnerst du dich?
Behre: Ich radle an einem Wintermorgen früh nach Hause von einem Freund. Am Bahnübergang ist die Schranke offen. Also fahre ich rüber. Dann höre ich nur noch einen dumpfen Schlag und danach meine eigenen Schreie..

150 Meter wurdest du vom Zug mitgeschleift, der Lokführer hatte den Unfall gar nicht bemerkt. Was passierte dann?
Behre: Gut drei Stunden muss ich bewusstlos im Gebüsch neben den Gleisen gelegen haben. Als ich zu mir kam, war es hell. Meine Füße waren weg, alles war voller Blut. Ich habe um Hilfe geschrien und bin mit letzter Kraft den Bahndamm hochgekrochen. Da hat mich eine Nachbarin gefunden.

Du hattest Glück…?
Behre: Ja, weil es so kalt war, habe ich sehr wenig Blut verloren. Die Ärzte meinten aber, ich wäre wohl erfroren, wenn ich eine halbe Stunde länger gelegen hätte.

Wie denkst du heute über den Unfall?
Behre: Ich liebe mein Leben und bin heute erfolgreicher, als ich es vorher je hätte sein können. Insofern ist der Unfall das Beste, was mir je passiert ist. Das klingt verrückt, ich weiß. Aber so sehe ich das heute. Auch wenn der Weg lang war.

Was hat dir dabei geholfen?
Behre: Das Netz um mich herum: die Ärzte, die Physiotherapeuten, meine Familie, meine Freunde. Ich habe meinen 21. Geburtstag noch im Krankenhaus gefeiert – mit über 80 Leuten in der Kantine. Ein wichtiger Faktor war auch meine Unfallversicherung.

Das musst du jetzt sagen! Dein Versicherer von damals ist heute dein Sponsor…
Behre: (lacht) Im Ernst: Bei all der Ungewissheit, wie es weitergeht, wenigstens finanziell abgesichert zu sein, das war schon wichtig.

Bezahlt der Versicherer deine Blades?
Behre: Nein, das geht übers Sponsoring. Die normalen Prothesen übernimmt die Versicherung, die sind aber nicht wesentlich billiger. Die Karbon-Blades kosten 15.000 Euro das Stück, die Alltagsprothesen um die 12.000 Euro. Die trage ich halt länger und kann viel mehr damit machen – sogar Motorrad fahren.

Gruppenbild mit Bundespräsident: Joachim Gauck ließ es sich nicht nehmen, David Behre und seine Kollegen vom deutschen Paralympischen-Team am 31. August auf dem Frankfurter Flughafen zum Start Richtung Rio zu verabschieden.

Tut das nicht weh? Oder anders gefragt: Was ist mit den Schmerzen?
Behre: Die waren anfangs schlimm. Erst die OPs. Die Unterschenkel auf gleicher Länge amputiert. Dann die Reha. Nach fünf Wochen konnte ich zwar auf Prothesen gehen. Aber die Belastung und der Bewegungsablauf waren völlig neu – und schmerzhaft.

Wie steht man das durch?
Behre: Man braucht ein Ziel. Noch im Krankenhausbett habe ich im Fernsehen eine Doku über Oscar Pistorius gesehen.

Den berühmtesten Blade Runner und damaligen Weltrekordhalter. Hast Du da beschlossen: „Das kann ich auch“?
Behre: An gesundem Selbstbewusstsein jedenfalls hat es mir nie gefehlt. Das hat mir vielleicht das Leben gerettet.

Wie denn das?
Behre: Ich treffe heute viele Menschen, die sich plötzlich in ähnlichen Situationen finden. Nicht wenige werden depressiv, und nicht jeder findet einen Weg da raus. Es gibt nicht nur Happy Ends.

Bist du heute vorsichtiger als früher?
Behre: Nein. Mein Unfall hat ja auch das gezeigt: Es kann alles passieren, ohne dass man etwas falsch macht.

Pistorius wurde dein Vorbild. Hast du ihn mal getroffen?
Behre: Ja, wir waren befreundet. Nach der Mordanklage gegen ihn habe ich mich distanziert. Aber ich habe ihm persönlich unendlich viel zu verdanken – wie auch der Behindertensport generell.

Jetzt reist du zu den Paralympischen Spielen nach Rio. Was nimmst du wahr von der Diskussion um die Sicherheit vor Ort?
Behre: Das blende ich völlig aus. Ich bin natürlich nicht völlig furchtlos. Die Terroranschläge in Deutschland und Frankreich machen auch mir Sorgen. Aber als Leistungssportler muss man ganz reale Risiken ausblenden. Schon jeder Wettkampf birgt ein Verletzungsrisiko. Wenn du das ständig im Kopf hast, kannst du gar nicht mehr starten.

Wovor hast du dann Angst?
Behre: Vor dem Loch nach der Karriere.

Wie sieht dein Plan aus – Trainer werden?
Behre: Nein, das ist nichts für mich. Ich könnte mir vorstellen, eine Reha aufzumachen für Leute wie mich damals. Das wäre ein langfristiges Ziel.

Und dein kurzfristiges Ziel?
Behre: Natürlich in Rio Gold zu holen.

Das Interview stammt aus der kommenden Ausgabe des GDV-Magazins POSITIONEN, die am 14. September erscheint.