14.09.2016
Kolumne Naturgefahren

Braunsbach ist überall

Jeder kann Opfer von Naturkatastrophen und Überschwemmung werden, das haben die vergangenen Monate spektakulär belegt. Die Schäden lassen sich auch künftig versichern. Mehr denn je gilt aber: Prävention ist möglich – und geht alle an. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Der Sommer gibt in diesen Tagen ein wahrhaft grandioses Finale: Sonnenschein pur. Temperaturen um die 30 Grad. Badewetter mitten im September. Weltweit wird der Sommer 2016 wahrscheinlich der wärmste seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880 sein, sagen Klimaforscher.

Da gerät schnell in Vergessenheit, wie der Sommer angefangen ist – Unwetter und Starkregen bislang ungeahnten Ausmaßes sind 2016 über Deutschland niedergegangen. Vor allem die Bilder aus Süddeutschland waren alarmierend: Stellenweise fiel binnen einer Stunde so viel Regen wie sonst innerhalb eines halben Monats. Mit verheerenden Folgen. Der kleine Ort Braunsbach im Norden Baden-Württembergs ist seither jedermann ein Begriff. Trotzdem neigen viele Menschen dazu, diese Bilder auszublenden und schnell wieder zu vergessen. Ich kann es daher nicht genug betonen: Braunsbach ist überall. Jeder kann Opfer von Naturkatastrophen und Überschwemmung werden.

Starkregen – die unterschätzte Gefahr

Dabei können sich heute nahezu alle Besitzer von Gebäuden gegen Elementargefahren versichern. Leider tun das immer noch viel zu wenige. Bundesweit sind knapp zwei Drittel aller Hausbesitzer nicht gegen Überschwemmungen durch starke Regenfälle oder Hochwasser versichert – obwohl diese Katastrophen auch fernab von Flüssen auftreten können. Das hat das Jahr 2016 bislang überdeutlich gemacht hat.

„Fokus: Starkregen”, lautet daher einer der Schwerpunkte der diesjährigen Naturgefahrenkonferenz in Berlin, zu der die Versicherungswirtschaft heute wieder viele Experten aus Politik, Verbraucherschutz, Wasser- und der Branche eingeladen hat. Aufklärung und Prävention sind das A und O, um künftige Schäden in Grenzen zu halten und Elementarrisiken heute wie auch in Zukunft versichern zu können.

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Wenn eine Flutkatastrophen die Seele über Jahre belastet

Wir Versicherer haben in der Vergangenheit – und werden in der Zukunft nicht minder – alles dafür tun, die Menschen über die Gefahren von Naturkatastrophen zu informieren. Zugleich halten wir es für notwendig, dass alle Experten ihre Kräfte bündeln und in aller Deutlichkeit Gefahren und Schutzmöglichkeiten in die Öffentlichkeit tragen. Wir machen uns daher für ein bundesweites Naturgefahrenportal mit begleitenden Informationskampagnen stark. Im Oktober legen wir unseren Naturgefahrenreport vor, der die versicherten Gesamtschäden des Jahres 2015 detailliert zusammenträgt. Der Report illustriert auch die Ergebnisse etlicher Studien, für die unser Verband eine Vielzahl von Daten zugeliefert hat – dazu gehört etwa eine Untersuchung über die psychischen Folgen, die das Erleben einer Flutkatastrophe hinterlassen kann. Diese Erfahrungen können die Seele noch über Jahre stark belasten, ein Phänomen das wir von Einbruchsopfern schon länger kennen.

Unsere Expertise lassen wir Versicherer in die politische Debatte einfließen, wie etwa beim Monitoringbericht zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel. Dabei müssen wir uns immer klarmachen, dass der Verlust des Eigenheims für viele das existenzielle Risiko schlechthin darstellt. Es sollte daher auch zum Standard werden, dass Banken nicht nur die Feuerversicherung, sondern auch die Elementarschadenversicherung als wesentlichen Faktor zur Bemessung des Kreditausfallrisikos heranziehen. Denn das existenzielle Risiko – und damit die Gefahr eines Kreditausfalls – ist hier ebenfalls gegeben.

Gute Gründe gegen eine Pflichtversicherung

Eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden lehnen wir dagegen aus guten Gründen ab. Vor allem, weil ein solches System für Stadtplaner, Kommunalpolitiker und Bauherren die Notwendigkeit nimmt, zügig in die notwendigen Präventionsmaßnahmen zu investieren. Wie wichtig diese Investitionen sind, haben die Experten des Deutschen Klimakonsortiums erst vor wenigen Tagen noch einmal deutlich gemacht.

Damit wir die Debatte um das Thema voranbringen, haben wir in der aktuellen Ausgabe unseres Verbandsmagazins „Positionen“ mit einem der wohl prominentesten Befürworter einer solchen Pflichtversicherung gesprochen, den Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann. In dem Interview stellt er klar, dass er sich nicht für eine „bedingungslose Pflichtversicherung“ stark macht, sondern für eine „vernünftige“.

Ich freue mich auf den weiteren politischen Dialog.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth