07.09.2016
Finanzwissen

Baden-Württemberg macht Wirtschaftsunterricht zur Pflicht

Mit Baden-Württemberg führt erstmals ein Bundesland das Unterrichtsfach Wirtschaft an allen weiterführenden Schulen ein. Die Schüler sollen so auf ihre künftige Rolle als eigenverantwortliche Entscheider für ihre Finanzen vorbereitet werden. Für die Versicherungswirtschaft ein wichtiger Schritt für wirksamen Verbraucherschutz. Von Karsten Röbisch

Wenn in der nächsten Woche in Baden-Württemberg das Schuljahr startet, dann beginnt damit ein neues Kapitel in der Bildungspolitik. In den aktuellen Bildungsplänen ist erstmals das Unterrichtsfach Wirtschaft flächendeckend verankert – ein Novum in Deutschland. „Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, in dem ein so konzipiertes Fach an allen weiterführenden allgemein bildenden Schularten unterrichtet wird“, sagt Susanne Eisenmann (CDU), die Kultusministerin des Landes.

Wirtschaftliches Verständnis oft mangelhaft

„Wirtschaft/ Berufs- und Studienorientierung“ heißt das Fach, das die Schüler der Real-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen künftig von der 7. bis zur 10. Klasse lernen – fünf Stunden pro Woche. Richtig los geht es für sie allerdings erst im nächsten Jahr, da die neuen Bildungspläne schrittweise wirken. Ein weiteres Jahr darauf folgen die Gymnasiasten, die von der 8. bis zur 10. Stufe drei Stunden pro Woche Wirtschaftsunterricht bekommen. Ziel sei es, dass „junge Menschen die grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht nur erkennen und verstehen, sondern auch kritisch hinterfragen können“, sagt Eisenmann.

Daran hapert es bei vielen Jugendlichen: Unternehmen beklagen seit Langem die mangelnde ökonomische Grundausbildung. 2010 befragte das Bundesverbraucherschutzministerium Zehntklässler nach ihren Wirtschaftskenntnissen. Gut die Hälfte von ihnen wusste nicht, was ein Girokonto ist. Für Aufruhr sorgte im Vorjahr auch das öffentliche Eingeständnis der Kölner Schülerin Naina: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Ihr Tweet löste eine große Debatte über die richtigen Schwerpunkte im Unterricht aus.

„Verbraucherschutz fängt mit guter Finanzbildung an“

Fast scheint es, als hätten sich Baden-Württemberg Bildungspolitiker Nainas Kritik zu Herzen genommen. Das neue Fach soll Schülern nicht nur die großen Zusammenhänge des Wirtschaftens vermitteln, etwa das Zusammenspiel von Angebot, Nachfrage und Preis. Der Unterricht orientiert sich auch an konkreten Lebenssituationen. So sollen die Jugendlichen als mündige Verbraucher erzogen und auf ihre künftige Rolle als Anleger oder als Kredit- und Versicherungsnehmer vorbereitet werden. Die unterschiedlichen Kreditarten, Ursachen von Überschuldung oder Ziele der Vermögensanlage stehen daher ebenso auf dem Lehrplan.

Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), hält den Wirtschaftsunterricht für einen wichtigen Schritt. „Es muss uns gelingen, den Schülern frühzeitig ein wirtschaftliches Grundverständnis zu vermitteln.“ Denn nur wer gut informiert sei, könne seine Eigenverantwortung etwa für die Altersvorsorge erkennen und auch handeln. „Wirksamer Verbraucherschutz fängt mit einer guten Finanzbildung an“, sagt Erdland.

In den meisten Bundesländern genießt die Wirtschaftsbildung jedoch noch nicht den großen Stellenwert. Mal gibt es zwar ein eigenes Fach dafür – so wie in Sachsen-Anhalt –, jedoch nur für bestimmte Schulen und nicht flächendeckend. Oder die Lerninhalte werden im Verbund mit anderen Fächern unterrichtet, etwa Recht oder Gemeinschaftskunde.