26.09.2016
Makro und Märkte kompakt

Anbietervielfalt statt Konsolidierungswelle

Die Konzentration auf dem deutschen Versicherungsmarkt ist in den vergangenen Jahren stabil geblieben. Anders als in der öffentlichen Diskussion häufig vermutet, gibt es bisher keine Anzeichen für einen Konsolidierungstrend. Dies ist das Ergebnis einer Auswertung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Vieles spricht dafür, dass die Vielfalt des Anbieterfelds und des Produktangebots sogar zunehmen wird.

Angesichts der seit Jahren rückläufigen Zahl von Versicherungsunternehmen wird oft auf eine Konsolidierungswelle geschlossen. „Anders als häufig vermutet, gibt es dafür aber keine Anzeichen“, sagt GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener. „Gerade die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten für ganz unterschiedliche Strategien. Die Vielfalt der Anbieter und des Produktangebots könnte deshalb sogar zunehmen.“ Wie die GDV-Untersuchung zeigt, hängt der Erfolg dabei nicht von der Unternehmensgröße ab.

Der deutsche Versicherungsmarkt ist vielfältig: Das Spektrum reicht vom globalen Konzern bis zum regionalen Versicherer, von der Versicherungs-AG über Versicherungsvereine bis zum öffentlich-rechtlichen Versicherer. Vor dem Hintergrund von Digitalisierung, dem neuen Aufsichtssystem Solvency II und Niedrigzinsumfeld unterliegt der Markt einem fundamentalen Wandel.

Auf Gruppenebene keine Konsolidierungswelle in Sicht

Dabei hat sich zwar die Gesamtzahl der Lebens-, privaten Kranken- sowie Schaden- und Unfallversicherer unter Aufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in den letzten 10 Jahren von 384 auf 336 verringert. Das entspricht einem Minus von 12,5 Prozent. „Drei Viertel dieser Firmen gehören allerdings zu Versicherungsgruppen“, sagt der GDV-Chefvolkswirt. Zutreffend könne der Konzentrationsgrad der Branche nur auf Gruppenebene eingeschätzt werden, so Wiener: „So verschwinden vielleicht einzelne Versicherer, aber oft nur deshalb, weil sie in Konzernen umstrukturiert werden und ineinander aufgehen. Auch für die Jahre 2015 und 2016 setzt sich dieser Trend bisher fort.“

Auf Gruppenebene zeigt sich daher bisher keine Marktkonsolidierung. Das ergibt die Strukturanalyse des GDV auf Basis der zuletzt verfügbaren Daten der BaFin für 2009 bis 2014. In jedem dieser Jahre erzielten die fünf größten Versicherungsgruppen in Deutschland insgesamt jeweils rund 44 Prozent der gesamten Beitragseinnahmen in der Erstversicherung. Im Fall der Top 10 bzw. 15 sind es knapp 64 bzw. rund 74 Prozent (siehe Grafik). „Damit bewegt sich der Konzentrationsgrad der deutschen Versicherungswirtschaft im Vergleich mit anderen großen Versicherungsmärkten in Europa auf mittlerem Niveau“, so Wiener. „Der deutsche Markt ist also weder besonders konzentriert noch übermäßig fragmentiert.“

Kein Insurtech verfügt bislang über eine Lizenz als Versicherer

In den vergangenen Jahren waren zwar auch gruppenunabhängige Marktaus- und -eintritte sowie Übernahmen beziehungsweise Eigentümerwechsel zu beobachten. So haben etwa nach der Finanzkrise einige internationale Banken das deutsche Versicherungsgeschäft aufgegeben. Gleichzeitig agieren auch neue Investoren, auch aus den Emerging Markets, in Deutschland. All dies fällt in der Gesamtbetrachtung aber kaum ins Gewicht. Daneben können bald auch neue Geschäftsmodelle von Unternehmen aus anderen Wirtschaftssektoren eine Rolle spielen. Von den zahlreichen Startups und Insurtechs verfügt allerdings bisher noch kein einziges über eine Lizenz als Versicherer.

Größe allein kein Garant für Erfolg

Eine Prognose zur weiteren Entwicklung von Marktstruktur und Konzentrationsgrad ist angesichts der vielen Einflussfaktoren schwierig. Wie die Analyse zeigt, ist der Markterfolg der Versicherer, vereinfacht gemessen in der Entwicklung der Beitragseinnahmen, auch in den vergangenen Jahren unterschiedlich ausgefallen. Die GDV-Untersuchung zeigt allerdings, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und dem Beitragswachstum gibt: Zwar profitieren große Anbieter oft von Skaleneffekten, etwa in der Regulierung und Verwaltung. Kleine und mittlere Anbieter können ihr Geschäftsmodell jedoch leichter an das sich immer rascher ändernde Umfeld anpassen.

Gleiche Wettbewerbsbedingungen – auch für neue Marktteilnehmer

Die Versicherungswirtschaft steht derzeit zwar vor Herausforderungen. Gleichzeitig bieten die neuen Gegebenheiten aber auch viele Chancen bis zu neuen Produkten wie Versicherungen gegen Cyber-Risiken oder die Folgen des Klimawandels. „Ich rechne daher mit einer weiteren Ausdifferenzierung der Versicherer am deutschen Markt“, sagt der GDV-Chefvolkswirt. Wichtig ist dabei, dass der Regulierungsrahmen einen effektiven Wettbewerb fördert. „Dazu gehört vor allem, dass für alle Markteilnehmer einheitliche Wettbewerbsbedingungen gelten – einschließlich neuer Insurtechs, die im Zuge der Digitalisierung entstehen.“

Zur Studie:

Die Marktstrukturanalyse „Anbietervielfalt statt Konsolidierungswelle“ ist erschienen im Rahmen der Schriftenreihe „Makro und Märkte kompakt“ der volkswirtschaftlichen Abteilung des GDV und kann hier als PDF heruntergeladen werden. Die Auswertung deckt circa 95 Prozent des Beitragsvolumens auf dem deutschen Erstversicherungsmarkt ab. Nicht berücksichtigt sind zum einen Unternehmen mit Sitz in einem anderen Staat des europäischen Wirtschaftsraums, die über Niederlassungen oder im freien Dienstleistungsverkehr in Deutschland tätig sind. Zum anderen sind die kleinen Versicherungsvereine unter Landesaufsicht in der Analyse nicht enthalten, auf die jedoch nur ein vernachlässigbarer Marktanteil entfällt (weit unter 0,01 Prozent). Zudem werden auch Rückversicherer wegen des internationalen Charakters des Geschäfts aus der Betrachtung ausgeklammert.

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