23.08.2016
Bundesliga-Start

„Plötzlich spielt ein Mittelklasseverein um die Meisterschaft“

Alexander Strehl bietet Versicherungen für den Ausgang von Sportereignissen an. Im Interview mit GDV.DE spricht der Geschäftsführer der Special Risk Consortium GmbH über die Bedeutung solcher Policen im Fußball. Und er hat einen Tipp zum Ausgang der 54. Bundesliga-Saison, die am Freitag mit der Partie des Titelverteidigers Bayern München gegen Werder Bremen beginnt.

Herr Strehl, gehen Sie eigentlich hin und wieder ins Wettbüro?
Alexander Strehl: Na klar. Es ist Teil meines Jobs zu wissen, mit welcher Wahrscheinlichkeit Sportereignisse ausgehen. Und dazu bediene ich mich öffentlicher Wettquoten, die wir für die Kalkulation unser Versicherungsprodukte nutzen.

Wer kauft denn die?
Strehl: Das sind zum einen Sponsoren, die mit einem Bundesliga-Verein Erfolgsprämien vereinbart haben. Wenn ein Trikotsponsor beispielsweise 1 Mio. Euro extra für den Gewinn der Meisterschaft in Aussicht stellt, will er das Risiko, dass er zahlen muss, absichern. Die Sponsoren sind ja zumeist große Konzerne, die ein seriöses Risikomanagement betreiben. Die Manager müssen Budgets einhalten und können nicht einfach sagen, wir zahlen jetzt mal einen Bonus, nur weil ein Verein Meister geworden ist. Deshalb die Versicherung. Die Sponsoren ersetzen damit eine unsichere hohe Zahlung gegen eine sichere, aber niedrigere Prämie. Zu unseren Kunden zählen aber auch Vereine.

Zur Person

 
Dr. Alexander Strehl

ist Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Special Risk Consortium GmbH (SRC) – eine mit Vollmachten von Versicherern ausgestattete Zeichnungsstelle, die Absicherungen für die Sparten Sport, Medien und Entertainment anbietet. Der 38-Jährige arbeitet seit 2005 in der Branche und kam 2014 zu SRC. Von 2012 bis 2014 schrieb Strehl seine Promotionsarbeit. Darin befasste er sich mit dem Einsatz von Prize-Indemnity-Versicherungen als Marketinginstrument.

Wozu brauchen die solche Policen?
Strehl: Versicherungen für den Erfolgsfall sind bei ihnen seltener. Denn ein gut geführter Club wird die fälligen Prämien an die Mannschaft bereits in den Verträgen mit seinen Sponsoren berücksichtigt haben. Bei den Clubs geht es eher darum, sich gegen sportliche Misserfolge abzusichern und finanzielle Einbußen abzufedern. Ein Abstieg aus der 1. Bundesliga bedeutet beispielsweise ungefähr 7 Mio. Euro weniger TV-Einnahmen. Dieses Risiko müsste eigentlich jeder Verein identifizieren und absichern.

Bis auf Bayern München vielleicht.
Strehl: Wie man’s nimmt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Bayern München absteigt, liegt bei 0,02 Prozent. Die ist vermutlich größer als das Risiko, dass eine Lagerhalle abbrennt. Und dennoch verzichtet niemand auf eine Feuerversicherung. Und zur Erinnerung: Vor der vergangenen Saison war die Chance, dass Leicester City englischer Meister wird, ebenfalls so gering. Und dann passierte es.

Nutzen Sie für die Prämienkalkulation nur Wettquoten?
Strehl: Nein, ich verlasse mich auch auf meine eigene Einschätzung. Ich bin ein begeisterter Fußballfan und schaue mir sehr viele Spiele im Fernsehen an. Ich verfolge Transfergerüchte, lese Sportnachrichten und habe etliche Newsletter abonniert. Wie bei einem Börsenmakler, der jede Meldung aufsaugt. Und wir haben ein Netzwerk von Experten, die wir bei Bedarf zu Rate ziehen können.

Das klingt sehr aufwendig.
Strehl: Das ist auch nötig. Viele Wettquoten, die wir bräuchten, gibt es gar nicht. Oder nehmen wir kleinere Fußball-Ligen: Da kann ein großer Mäzen kommen und mit geringem Aufwand den Etat verdoppeln. Plötzlich spielt ein Mittelklasseverein um die Meisterschaft. Auch die Gefahr eines Konkurses ist in kleineren Ligen größer: Dann wird die drittstärkste Mannschaft plötzlich zur zweitstärksten. All das muss man berücksichtigen.

In der Bundesliga ist so etwas kaum vorstellbar. Fast ebenso, dass es außer Bayern München mal wieder einen anderen Meister geben wird. Wer braucht eigentlich heute noch eine Versicherung gegen einen Meistertitel?
Strehl: Klar sind die Bayern der große Favorit. Aber es ja ist nicht so, dass etwa die Wahrscheinlichkeit, dass Borussia Dortmund Meister wird, gegen Null geht. Sie liegt immerhin bei gut zwölf Prozent. Und der BVB könnte mit seinen Sponsoren ja auch eine Sonderzahlung für den 2. Platz vereinbaren. Jeder Verein hat seine eigenen sportlichen Ziele und Erwartungen, an die er die Boni seiner Spieler und Trainer knüpft. Erfolgsprämien spielen bei jedem Verein eine Rolle, schließlich steigern sie die Motivation.

Also leidet ihr Geschäft nicht unter einem Serienmeister?
Strehl: Überhaupt nicht. Es gibt eine unglaubliche Vielfalt an Vereinbarungen. Wir haben einen Verein, der zahlt seinen Spielern beispielsweise nur Punktprämien. Dann weiß man vorher nicht, ob 60 Punkte am Ende für die Meisterschaft reichen oder nur für Platz sechs. Und es gibt einen Sponsor, der zahlt seinem Club eine Prämie für jedes Live-Spiel im DFB-Pokal.

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Ich würde ja gern mal ein paar Namen hören.
Strehl: Das verstehe ich. Aber ich bin vertraglich zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Schade. Auch die Vereine sind sehr zugeknöpft. Im Vorjahr wurde bekannt, dass Borussia Dortmund Einnahmeausfälle durch das Verpassen der Champions League abgesichert hatte. Ansonsten erfährt die Öffentlichkeit kaum etwas über das Thema.
Strehl: Die Clubs sind in einer Zwickmühle. Einerseits wollen sie wirtschaftliche Risiken absichern, was ja sinnvoll ist. Zugleich wollen sie aber nicht den Eindruck erwecken, sie hätten kein Vertrauen in die Leistung der Mannschaft. Aus dem Grund halten sie sich bedeckt. Das gilt im Übrigen auch für die Versicherer: Ein Manager sagte mir mal, er könne einen Schaden von 50 Mio. Euro für einen Hurrikan leichter vertreten als 500.000 Euro, weil ein Fußballverein abgestiegen ist.

Apropos Abstieg: Für Abstiegskandidaten sind Policen zum Schutz vor sportlichem Misserfolg vermutlich sehr teuer?
Strehl: Das stimmt. Nehmen wir zum Beispiel Darmstadt 98. Laut Wettquoten liegt die Wahrscheinlichkeit eines Abstiegs bei 62 Prozent. Wenn ich nur die Versicherungssteuer mit einkalkuliere, müsste der Verein rund 750.000 Euro zahlen, um einen Einnahmeverlust von 1 Mio. Euro abzusichern. Das ist natürlich nicht sinnvoll.

Wo liegt die Grenze, bis zu der es sich noch lohnt?
Strehl: Bei einer Abstiegswahrscheinlichkeit von rund 30 Prozent. Das ist jetzt nicht mathematisch begründet, sondern ein Erfahrungswert.

Und wie hoch ist die Abstiegswahrscheinlichkeit ihres Lieblingsvereins?
Strehl: Die habe ich nicht parat. Aber ich weiß, dass mein Karlsruher SC eine Chance von 5,5 Prozent hat, in die 1. Bundesliga aufzusteigen.

Ihr persönlicher Optimismus ist aber sicherlich größer?
Strehl: Natürlich, viel größer. Das ist doch der Grund, warum wir alle ins Stadion gehen: um das Unerwartete zu sehen. Gerade die Überraschungen sind doch das Faszinierende am Fußball.

Zum Schluss müssen Sie noch eine Prognose für die nächste Bundesliga-Saison abgeben. Wer wird Deutscher Meister?
Strehl: Wann immer ich bislang in Interviews einen Siegertipp abgegeben habe, lag ich daneben. Aber ich lasse mich mal hinreißen und sage Bayern München.

Das ist ja nun nicht sehr gewagt.
Strehl: Stimmt. Aber ich traue mich auch zu sagen, dass der FC Ingolstadt auf jeden Fall die Klasse halten wird.

Interview: Karsten Röbisch