18.07.2016
Kolumne Automatisiertes Fahren

Wir sorgen für Sicherheit in der automobilen Revolution

Weniger Unfälle, mehr Sicherheit – nicht weniger verspricht das automatisierte Autofahren. Der Tod eines Tesla-Fahrers in Florida und andere Unfälle machen aber deutlich: Wie jede neue Technologie birgt auch das automatisierte Fahren Risiken. Damit die automobile Revolution gesellschaftlich akzeptiert wird, müssen Autobauer, Gesetzgeber und Versicherer gemeinsam verantwortlich handeln. Die reine Produkthaftung der Hersteller ist für die wirksame Entschädigung von Verkehrsopfern jedenfalls keine Lösung. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Der Autobauer Tesla ist in diesen Tagen in aller Munde. Doch diesmal geht es nicht um ein neues Modell, sondern um einen tragischen Unfall. Ein Tesla-Fahrer starb, weil sein „Autopilot“ genanntes Assistenzsystem einen Sattelschlepper übersah. Ich habe mir daraufhin einige Videos angeschaut, in denen Tesla-Fahrer den Autopiloten nutzen. Zwei Dinge springen ins Auge: Erstens sorgt der Wettlauf um die Technologieführerschaft beim automatisierten Fahren offenbar für bewundernswerte Fortschritte – auch wenn sich der Autopilot noch haarsträubende Fehler leistet. Zweitens stelle ich aber fest, dass viele Fahrer dem Autopiloten ein scheinbar grenzenloses Vertrauen entgegenbringen und ihn völlig verantwortungslos nutzen. Die Warnung, trotz Autopilot das Lenkrad anzufassen und den Verkehr zu beobachten, verhallt bei vielen ungehört. Dabei zeigt eine aktuelle Studie unserer Unfallforschung, wie gefährlich das geistige Abschalten während der Fahrt sein kann: Bis ein abgelenkter Fahrer sein Auto wieder sicher kontrollieren kann, vergehen bis zu 14 Sekunden. Bei Tempo 130 legt ein Auto in dieser Zeit über 500 Meter zurück.

Bei sicherheitsrelevanten Systemen geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit

Was folgt daraus? Meines Erachtens dürfen die Hersteller neue automatische Fahrsysteme nicht zu früh in die Hände ihrer Kunden legen. Autokäufer sind keine Testfahrer. Bei sicherheitsrelevanten Systemen geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Bevor neue Technik oder Software-Updates auf den Markt kommen, müssen sie hinreichend sicher sein. Ein Autopilot, der am helllichten Tag in Florida einen auf dem Highway querstehenden Sattelschlepper ganz einfach übersieht, genügt diesem Anspruch nicht.

Um das Vertrauen von Kunden und Öffentlichkeit zu erhalten, sollte der Gesetzgeber für alle neuen automatischen Systeme im Auto allgemeinverbindliche Prüf- und Testverfahren schaffen. Selbsttests der Sensoren und andere Sicherheitsvorkehrungen müssen gewährleisten, dass die Technik bei jeder Fahrt zuverlässig erkennt, wenn sie fehlerhaft arbeitet. Ebenfalls ist es richtig, in Deutschland die bestmöglichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, automatisierte Fahrsysteme umfassend und im echten Straßenverkehr zu testen. Die deutschen Autobauer werden auf den derzeit entstehenden Testfeldern wertvolle Erfahrungen sammeln und ihre Systeme sicher machen.

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Automatisiertes Fahren betrifft aber nicht nur die Käufer entsprechender Autos, sondern die Gesellschaft insgesamt. Die Verkehrs- und Rechtssicherheit von Fußgängern, Radfahrern und anderen Autofahrern ist für die Akzeptanz des automatisierten Fahrens unabdingbar. Neben einer ausreichend erprobten Technik leistet hier die für jeden Halter vorgeschriebene Kfz-Haftpflichtversicherung einen wesentlichen Beitrag: Diese Versicherung schützt Verkehrsopfer umfassend – und zwar unabhängig davon, ob ein Unfall auf einen Fahrfehler, defekte Technik, einen nicht funktionierenden Autopiloten oder auf andere Ursachen zurückzuführen ist.

Obacht vor einem juristischen und verkehrspolitischen Irrweg

Die Vorstellungen, dieses bewährte Prinzip verlassen zu können und Automobilhersteller für die Fehler ihrer automatisierten Systeme direkt zu haften zu lassen, führen auf einen juristischen und verkehrspolitischen Irrweg: Die Produkthaftung ist für die effiziente Entschädigung von Verkehrsopfern weder gemacht noch geeignet. In jedem Einzelfall müsste den Herstellern ein Produktfehler gerichtsfest nachgewiesen werden, und selbst dann bestünde eine Haftpflicht nur unter bestimmten Voraussetzungen. Würden nach einem Autounfall also nicht mehr die bewährten und klaren Regeln der Halterhaftung gelten, wären die Unfallopfer massiv benachteiligt. Die heutige Rechtslage ist einfach und gut: Entschädigt werden Verkehrsopfer von der Kfz-Haftpflichtversicherung des Halters und von niemandem sonst. Das sind unser Anspruch und unsere Verpflichtung. Darauf kann sich jeder verlassen, der in Deutschland in einen Autounfall verwickelt ist. Wir sorgen für Sicherheit in der automobilen Revolution.

Regresse der Kfz-Versicherer gegenüber Auto-Herstellern müssen möglich sein

Darüber hinaus ist die Haftung eines Herstellers für ein fehlerhaftes Produkt eine rechtsstaatliche Selbstverständlichkeit. Hat ein Autobauer unzureichend erprobte oder mangelhafte Systeme auf den Markt gebracht oder kann nachgewiesen werden, dass die Technik des Autos im Einzelfall versagt hat, müssen Regresse der Kfz-Versicherer gegenüber dem Hersteller selbstverständlich möglich sein. Die Versicherer und die Automobilindustrie werden dafür Lösungen finden.

Denn die technische Pionierarbeit der Autobauer und Zulieferer alleine ist nur der erste Schritt. Den ganzen Weg in eine automatisierte automobile Zukunft können und müssen wir als Gesellschaft gemeinsam gehen.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth
 

Nächste Kolumne: Herr von Fürstenwerth macht ein paar Tage Urlaub. Die nächste Kolumne erscheint wieder am 17. August 2016.