07.07.2016
Mehr Daten für bessere Versicherungen

Warum sich immer mehr Hausbesitzer einfach gegen Hochwasser versichern können

21 Millionen Adressen, 225.000 Kilometer Flussläufe und 593 Millionen Höhenpunkte haben Versicherer bereits kartographiert – und ständig wird das System verfeinert. Je mehr Informationen in das ZÜRS-System fließen, desto klarer wird das Risiko und desto mehr Menschen können sich einfach gegen die Fluten versichern . Das Sammeln dieser Daten ist ein Job für Detailversessene. Von Henning Engelage

In einem Braunschweiger Copy-Shop wird Olaf Lietzau misstrauisch von seinem Begleitschutz beobachtet. Vorsichtig, mit Samthandschuhen bekleidet, legt er die wertvolle Landkarte aus dem 17. Jahrhundert auf den Farbkopierer, drückt die große Taste und hat einen neuen Ausschnitt von Deutschland gesammelt. Ein weiteres Puzzlestück, das mit anderen ein großes Bild ergeben soll.

Damals, um die Jahrtausendwende, ist Lietzau mit anderen Kollegen im Auftrag der deutschen Versicherer quer durchs Land unterwegs, um ein ambitioniertes Projekt umzusetzen: den Aufbau der ersten deutschlandweiten Hochwasserrisiko-Karte. Dafür klappern er und seine Kollegen etliche kommunale Wasserwirtschaftsämter ab. Dort schlummern zumeist die Karten in A0-Format, auf denen die Hochwasserrisiko-Gebiete gekennzeichnet sind. „Da war noch alles analog“, erinnert sich Lietzau, der heute die Sparte Kraftfahrt bei der VGH Versicherung leitet.

Karten der Wasserämter bilden Grundstein von ZÜRS

Die Sammlung all dieser Karten bildet einen wesentlichen Grundstein für das Zonierungssystem Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS), kurz ZÜRS. Die erste Version erschien 2001 auf CD-Rom. Die Datenbank lieferte die wissenschaftlichen Daten, die erstmals eine verlässliche Berechnung der Risiken möglicher Überflutungsgebiete ermöglichte. Viele Hausbesitzer konnten sich fortan deutlich einfacher gegen Hochwasser und Überschwemmungen versichern. Versicherer wussten nun, wie groß die Risiken sind und wie viel Geld sie für Schäden zurückstellen müssen. Erst die neuen Daten machten das Risiko messbar – und Tarife kalkulierbar.

MEHR DATEN FÜR BEZAHLBAREN VERSICHERUNGSSCHUTZ

Ohne Daten ist kein Versicherungsschutz möglich. Denn wenn keine Daten vorhanden sind, können Versicherer nicht kalkulieren, welche Prämie ihre Kunden bezahlen müssen, damit im Schadenfall genug Geld vorhanden ist.

Je mehr Daten in die Kalkulation von Tarifen einfließen, desto exakter kennen Versicherer die Risiken ihrer Kunden –je weniger Unsicherheit, desto besser und bezahlbarer wird der Versicherungsschutz.

Versicherungen nutzen Daten in allen Bereichen, zum Beispiel Sterbetafeln in der Lebensversicherung, Unfallstatistiken in der Kfz-Versicherung und Wohnungsbrandaufzeichnungen für Gebäude- und Hausratpolicen.

Mittlerweile sind im ZÜRS-System 21 Millionen Adressen, 225.000 Kilometer Flussläufe und 593 Millionen Höhenpunkte aus ganz Deutschland kartographiert – digital und direkt ansteuerbar per Server. Und ständig wird das System aktualisiert und verfeinert. Denn je genauer die Daten sind, desto exakter können Versicherer die Tarife kalkulieren und auf Sicherheitszuschläge verzichten. Noch im Jahr 2002 wurden beispielsweise zehn Prozent aller Gebäude in Deutschland der höchsten Gefahrenklasse 4 zugeordnet, in der statistisch gesehen ein Hochwasser häufiger als alle zehn Jahre auftritt. Mittlerweile liegen weniger als ein Prozent der Häuser in dieser höchsten Gefahrenklasse. Anders gesagt: 99 Prozent aller Gebäude sind mit Standard-Versicherungsprodukten gegen Hochwasser zu schützen.

ZÜRS enthält heute für ca. 75.000 Flusskilometer Überschwemmungsflächen

„Noch 2001 wurden viele kleine Orte einheitlich einer Gefährdung ausgewiesen“, erinnert sich Stephan Thiebes. Er arbeitet heute bei VdS Schadenverhütung – einer Tochter des Gesamtverbands der Deutschen Versicherer (GDV) – die in dessen Auftrag das Zonierungssystem Überschwemmung weiterentwickelt. Regelmäßig werden neue Straßennamen inklusive Hausnummern in das System eingepflegt. Und so kann ZÜRS problemlos nahezu jede Adresse in den Überschwemmungskarten punktgenau verorten.

Das System nutzt heute auch die Hochwassergefahrenkarten der Bundesländer. Sie sind seit einiger Zeit gesetzlich verpflichtet, diese Hochwassergefahrenkarten auszuweisen. Das Problem: Diese Zonen sind nur für insgesamt ca.75.000 Flusskilometer erfasst, insgesamt gibt es in Deutschland aber rund 400.000 Kilometer fließende Gewässer, von denen viele Entwässerungsgräben sind oder kleinste Fließgewässer ohne Namen.

„Wir haben daher 2006 begonnen, mehr als 150.000 Kilometer kleinere Fließgewässer in das System einzupflegen“, erzählt Bettina Falkenhagen, die zusammen mit Thiebes an der Weiterentwicklung von ZÜRS arbeitet.

Kleine Flüsse und Bäche können ebenfalls große Hochwasserschäden verursachen

Die Detailbesessenheit ist extrem hilfreich. Denn auch wenn es sich bei den neu zu berechnenden Gewässern nur um kleinere Flüsse handelt: Bei Starkregen oder lang anhaltenden Regenfällen können auch sie bedrohlich anschwellen und zu einer Gefahr werden. Das haben die Unwetter im Mai und Juni dieses Jahres gezeigt, als etwa im bayerischen Simbach ein extremer Starkregen große Schäden anrichtete und mehrere Todesopfer forderte. Deshalb ist es für die Abschätzung des Risikos – gerade in der niedrigeren Gefährdungsklasse 1 – eine wichtige Zusatzinformation, ob ein Gebäude im Umfeld eines kleinen Baches liegt und bei Extremereignissen gefährdet sein könnte.

Zur Zeit wird die Pufferzone mit 100 Metern berechnet (Bild links). Bald könnte mithilfe von genaueren Daten und Simulationen die Einteilung jedoch viel gezielter erfolgen (Bild Rechts)

Als ersten Schritt haben die Entwickler daher rund um die kleineren Gewässer eine Pufferzone von 100 Metern gezogen. „Ziel ist es aber, diese Pufferzone viel exakter zu berechnen“, sagt Falkenhagen. Dadurch würde sie kleiner und viele Häuser fielen wieder aus diesem Pufferbereich heraus. „Unser Ziel ist, alle relevanten Fließgewässer mit Simulationen sehr genau zu berechnen“, so Falkenhagen.

Detailliertere Höhenkarte soll Flutgebiete besser eingrenzen

Dafür benötigen die Experten von der VdS zugleich bessere Informationen über das Gelände. „Um zu berechnen, von welchen Gewässern ein Gefährdung ausgeht, brauchen wir ein genaueres Höhenkartenmodell“, erzählt Falkenhagen. Bislang nutzt ZÜRS ein Modell mit 593 Millionen Höhenpunkten – je einem alle 25 Meter. Zukünftig soll ein Geländemodell verwendet werden, das deutschlandweit alle fünf Meter einen Höhenpunkt ausweist – insgesamt über 14 Milliarden. Damit ließen sich auch die Folgen von Starkregenfällen genauer abschätzen.

Abgeschlossen ist die Arbeit am ZÜRS ohnehin nie. So müssen beispielsweise die Auswirkungen von neuen Hochwasserschutzmaßnahmen, etwa der Bau eines Deiches, regelmäßig geprüft und bei der Risikoberechnung berücksichtigt werden. Umgekehrt führen Flussbegradigungen stets zu einer Neubewertung der Hochwassergefahr. Und so kommt es immer wieder zu geringfügigen Verschiebungen, wandern Häuser von einer Gefahrenzone in eine geringere oder höhere.

Eines bleibt aber unverändert: Je mehr Daten in die Risikoberechnung einfließen, desto mehr Menschen bekommen Zugang zu bezahlbarem Versicherungsschutz. Auch wenn niemand mehr für die Daten quer durch Deutschland fahren muss, so wie einst Olaf Lietzau.