07.07.2016
Kolumne Chancen der Digitalisierung

Besser versichert durch präzisere Daten

Durch genauere Daten sind heute und in Zukunft Risiken versicherbar, die früher abgelehnt worden wären. Je präziser Versicherer kalkulieren können, desto besser können sie ihren Job erfüllen. Die Kolumne vom Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Wer einen Ausblick riskieren möchte, wie weitreichend die Folgen der Digitalisierung einmal sein können, dem empfehle ich, in diesen Tagen einen Blick in eine Sonderausgabe des britischen Marketing-Magazin „The Drum“ zu werfen. Die Redaktion hat dafür einen besonderen Blattmacher engagiert – nämlichen den Supercomputer Watson von IBM. Künstliche Intelligenz, die ohne den Einsatz digitaler Daten nicht möglich wäre. Dahingestellt, wie sehr die Leser dieses Produkt akzeptieren – ein interessantes Experiment ist es allemal. Und während sich die Redakteure selbstironisch beim Langweilen in der Redaktion filmen lassen, erledigt der Rechner das Layout, kümmert sich um die Optik und Teile der Redigatur.

Versicherungen individueller und passgenauer gestalten

Wir sollten bei der Nutzung digitaler Daten vor allem die Chancen sehen. Das gilt natürlich auch für uns Versicherer. Dabei geht es längst nicht nur darum, unsere Prozesse effizienter aufzustellen und dadurch Kosten zu sparen. Vor allem geht es darum, dass wir die Chance haben, Versicherungen individueller und passgenauer zu gestalten und damit näher am Bedarf unserer Kunden zu arbeiten.

Durch bessere Daten sind heute und in Zukunft Risiken versicherbar, die noch vor wenigen Jahren abgelehnt worden wären. Dazu gehören etwa Lebensversicherungen für HIV-infizierte Menschen oder Versicherungen für hochwassergefährdete Gebäude. Aktuelles Beispiel: Für rund 58.000 Hausbesitzer wird es künftig deutlich einfacher, sich gegen Elementarschäden zu versichern. Der Grund liegt in einem Update des Zonierungssystems Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS). Nach der Auswertung neuester Daten werden nur noch 139.000 Häuser in die höchste Gefahrenklasse 4 eingeordnet. Im Vorjahr waren es noch 197.000 von bundesweit über 21,3 Millionen Adressen.

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Je besser wir Versicherer Risiken kalkulieren können, desto besser können wir unseren Job erfüllen – und unseren Kunden gute Angebote machen und sinnvollen Service bieten. Das ZÜRS hilft, Hochwasserrisiken einzuschätzen und Prämien für Elementarschadenversicherungen risikogerecht zu berechnen. Je genauer und zuverlässiger die Datengrundlage dafür ist, desto präziser können wir arbeiten.

Individualisierte Tarife sind kein neues Phänomen

Die Daten, die Versicherer zur Produktgestaltung und Risikoeinschätzung nutzen, werden also immer genauer und aktueller. Darüber hinaus können wir heute aber auch völlig neue Informationen aus dem Lebensalltag unserer Kunden erheben, was früher so kaum denkbar war. Das führt dazu, dass Telematik- oder Gesundheitstarife entstehen, die die Prämien vom messbaren Verhalten unserer Kunden abhängig machen. Solche individualisierten Tarife sind letztlich kein neues Phänomen – das Prinzip erhält durch die Digitalisierung nur neue Möglichkeiten: Bereits seit dem 17. Jahrhundert wird in der Risikolebensversicherung die Prämie nach Altersgruppen gestaffelt. Der Risikoausgleich in der Gemeinschaft funktioniert trotzdem – über alle Altersgruppen hinweg. Bereits heute individualisieren KfZ-Versicherer Tarife mittels Typklassen, Regionalklassen, Garagenparkplatz und Alter des Fahrers.

Hier geht es nicht um das Ende des Versichertenkollektivs – die Kollektive werden mit Hilfe anderer Daten nur anders und passgenauer zusammengesetzt. Im Gegenteil – ein besseres Kundenverhalten führt zu einem geringeren Schadenaufwand und der kommt allen Versicherten zugute.

Verantwortungsvoller Umgang mit personenbezogenen Daten

Gerade für unser Geschäft, das seit jeher auf der Auswertung von Daten beruht, ist es alternativlos, die Chancen der Digitalisierung auszuloten. Wie immer, wenn man Neuland betritt, gilt es dabei verantwortungsvoll vorzugehen. In unserem Fall sehe ich dabei vor allem den Umgang mit personenbezogenen Daten im Vordergrund.

Die Versicherungswirtschaft ist die erste Branche in Deutschland, deren Verhaltensregeln zum Datenschutz von einer Datenschutzbehörde formal genehmigt wurde. Der Marktanteil der Unternehmen, die sich den hohen Datenschutzstandards unterworfen haben, beträgt bereits mehr als 96 Prozent. Die strengen Regeln gelten dabei auch bei der Zusammenarbeit mit Dienstleistern, wenn diese im Auftrag eines Versicherungsunternehmens Daten verarbeiten. Am Ende entscheiden unsere Kunden, wie erfolgreich wir diesen Weg gehen.

Um auf den Super-Computer Watson zurückzukommen: Visionen von Redaktionen in Hand von Robotern halte ich übrigens für übertrieben. Sie können davon ausgehen, dass diese Kolumne auch in Zukunft „von Hand“ entsteht.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth