24.06.2016
Briten wollen den Brexit

„Wir brauchen schnell klare Rahmenbedingungen“

Das Votum der Briten hat deutliche Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Versicherer sind davon indirekt als große Kapitalanleger betroffen, börsennotierte Konzerne der Branche auch direkt. Welche Folgen hat die Entscheidung gegen einen Verbleib in der Europäischen Union für die Versicherungsbranche und ihre Kunden? Fragen an GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener.

Herr Wiener, die Anleger reagieren ausgesprochen nervös auf das Brexit-Votum. Hätten Sie mit einer derart heftigen Kurskorrektur gerechnet?
Klaus Wiener: Sie können daran ablesen, wie überrascht die Anleger von der Entscheidung der Briten sind. Hand aufs Herz: Die meisten haben doch damit gerechnet, dass die Briten sich besinnen und sich für Europa entscheiden. Das Ergebnis ist ja auch knapp ausgefallen.

Erleben wir einen Black Friday an den Börsen?
Wiener: Ich denke nicht. Fest steht aber: Wir erleben einen Black Friday für Europa. Sicherlich verstärkt die Lage in Großbritannien auch die ohnehin vorhandene Unsicherheit der Anleger, die schon durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank sowie der Verschuldung der EU-Staaten gegeben ist. Der Anteil der Ausfuhren der EU nach Großbritannien liegt bei etwas mehr als 10 Prozent – ein Brexit hätte also auch Folgen für die europäische Exportwirtschaft, die ich aber für überschaubar halte. Allerdings ist London auch Europas Finanzplatz Nummer eins. Ich hoffe dennoch, dass wir hier nur einen kurzfristigen Schock erleben. Nach der ersten Phase der Unsicherheit sollten sich die Finanzmärkte auf dem Kontinent wieder stabilisieren.

Zur Person

Dr. Klaus Wiener

ist Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Der promovierte Ökonom verantwortet als Geschäftsführer Fragen zur Gesamtwirtschaft, Finanzmärkten und Kapitalanlagen.

Wiener kommt von der Assicurazioni Generali, wo er zuletzt die taktische Vermögensverwaltung leitete und ebenfalls die Funktion des Chefvolkswirts im Asset Management der Generali Gruppe ausübte. Er bringt Erfahrungen aus akademischer Lehrtätigkeit mit und schreibt regelmäßig Gastkommentare in führenden deutschen und internationalen Publikationen.

>> GDV-Geschäftsführung

Wie sind die Folgen für die deutsche Versicherungsbranche?
Wiener: Die deutsche Versicherungsbranche ist indirekt über die Turbulenzen auf den Finanzmärkten betroffen. Die Branche verfügt über Kapitalanlagen von insgesamt rund 1,5 Billionen Euro. Das britische Pfund verliert gerade massiv an Wert, genauso wie Aktien der Insel. Diese Effekte spüren wir auch hier. Die Flucht in „sichere Häfen“ hat die ohnehin schon niedrigen Renditen in Deutschland weiter unter Druck gesetzt. Auch hier sinken derzeit die Aktienkurse. Ich hoffe allerdings, dass der Markt sich wieder stabilisieren wird. Börsennotierte Versicherungskonzerne spüren die Kursschwankungen natürlich auch direkt.

Müssen sich die Kunden von Versicherern Sorgen machen?
Wiener: Nein. Grundsätzlich gilt es, in solchen Phasen Ruhe zu bewahren, denn der Markt neigt zu Übertreibungen. Die Gelder der Versicherten werden von Profis verwaltet, die es gewohnt sind, mit solchen politischen Börsen umzugehen. Für ihre Geschäfte, gerade mit Produkten für die Altersvorsorge, braucht die Versicherungsbranche eine gute Planbarkeit und vermeidet daher risikoreiche und volatile Anlageformen. Der absolute Großteil der Kapitalanlagen der Versicherer liegt daher in festverzinslichen Rentenpapieren. Der britische Versicherungsverband ABI weist seine Kunden, die sicherlich mehr Grund zur Unruhe haben als die deutschen Kunden, heute übrigens auch genau darauf hin: Die Anlagestrategie der Versicherer ist defensiv, Änderungen werden nur nach sorgfältiger Abwägung aller Argumente vorgenommen.

Wie geht es jetzt in Großbritannien weiter?
Wiener: Der größte Feind der Finanzmärkte ist Unsicherheit. Auch mich hat die Entscheidung der Briten wirklich überrascht und ich bedauere sie sehr. Ich akzeptiere sie aber als Ergebnis eines demokratischen Prozesses. Je klarer und je zügiger wir jetzt ein Szenario für den Ausstieg aus der Europäischen Union darlegen, desto stärker sollten sich auch die Märkte wieder einpendeln. Wir brauchen schnell klare Rahmenbedingungen – das ist auch im Interesse der Volkswirtschaft Großbritanniens. Deshalb hat die Politik jetzt die Pflicht, schnell eine klare Vision zu entwickeln, wie eine EU der 27 aussehen wird. In dieser Hinsicht kann man den Austritt der Briten auch als Weckruf sehen, Reformen voranzutreiben und Europa in der Tat zu einem dynamischen und wachstumsstarken Wirtschaftsraum zu machen.

Und kann auch die Geldpolitik eine Rolle spielen?
Wiener: Ja, wichtig ist vor allem, dass den Märkten die erforderliche Liquidität bereitgestellt wird, um ein Austrocknen der Interbankenmärkte zu verhindern. Hier hat die Geldpolitik sehr viele Möglichkeiten, für eine Stabilisierung der Lage zu sorgen.