15.06.2016
Unwetter-Apps

Wie Versicherer Kunden vor Starkregen und Hagel warnen

Die verheerenden Hochwasser in Bayern und Baden-Württemberg kamen so schnell, dass einigen Bewohnern kaum Zeit blieb, ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Mit digitaler Vernetzung können Unwetterwarnungen die Menschen viel schneller erreichen. Besonders die Versicherer gehen hier voran – auch aus Eigeninteresse. Von Henning Engelage

Der Wetterbericht ist eine Institution im Fernsehen. Vor der Deutschlandkarte preisen Meteorologen nach den Nachrichten das Grillwetter von morgen oder warnen, dass es möglicherweise etwas stürmischer wird – ein grober Überblick über die nächsten 24 Stunden. Doch der Starkregen und die heftigen Gewitter der vergangenen Tage zeigen: Extreme Wettereignisse treten immer häufiger sehr lokal und sehr plötzlich auf, gerade im Sommer. Ein grober Überblick ist daher nicht mehr genug.

Abhilfe versprechen mobile Wetterdienste. Sie warnen direkt über das Handy vor aufziehenden Stürmen, Starkregen oder Hagelschauer. Die Informationen sind aktueller, stärker regionalisiert und damit präziser als beim normalen Wetterbericht. Selbst lokal begrenzte Unwetter können diese Frühwarnsysteme erfassen.

Wetterinformation per App, E-Mail oder SMS

Auch etliche Versicherer bieten solche Dienste an. So verschickt die Ergo Versicherung Wetterwarnungen für das Postleitzahlgebiet ihrer Kunden mittels SMS auf das Handy. Und die öffentlichen Versicherer verfügen ebenfalls über ein eigenes Wind- und Wetter Warnsystem, das Postleitzahl-genau alarmiert. Kunden werden per Push-Mitteilung über die MehrWetter-App oder per E-Mail und SMS über Sturm, Starkregen, Frost und weitere (Un-)Wetterereignisse direkt informiert. Dazu erhalten sie ergänzend Verhaltenshinweise. Das Interesse daran ist groß: „Über alle Kanäle nutzen bereits über eine halbe Millionen Menschen den Service“, sagt Jens Wußmann, der sich als Produktmanager beim Verband öffentlicher Versicherer auch um die MehrWetter-App kümmert.

Dass sich Versicherer als Wetterfeen betätigen, liegt nahe. Sie haben ein starkes Eigeninteresse, dass ihre Kunden informiert sind: „Wer rechtzeitig über Wettergefahren Bescheid weiß, kann noch das in seiner Macht Stehende tun, um sich selbst aus der Gefahrenzone zu bringen und Schäden an Haus und Hof, aber auch am Fahrzeug, zu vermeiden oder zu verringern“, sagt Klaus Ross von der Versicherungskammer Bayern. „Eine gute Prävention kann Schäden verhindern“, sagt auch Rolf Mertens, Bereichsleiter private Haftpflicht bei der Ergo Versicherung. Der Versicherer spart Kosten – und dem Kunden bleibt die mitunter aufwändige Schadenregulierung erspart.



Nutzer reagieren auf Warnmeldungen

Die Eilmeldungen beeinflussen durchaus das Verhalten. Jeder Zweite, der eine Warnung erhalte, ergreife Schutzmaßnahmen, heißt es bei IBM, das solche Softwarelösungen auch für Versicherungen anbietet. Für die Unternehmen würden sich die Angebote daher lohnen, sagt Stefan Riedel, der den Geschäftsbereich Versicherungen bei dem Technologiekonzern leitet: „Schließlich schätzt man allein die auf Hagel zurückzuführenden Schäden auf 1 Mrd. US-Dollar weltweit pro Jahr.“ Gerade Hagelschauer oder Gewitter mit starken Regenfällen lassen sich aber häufig nur sehr kurzfristig vorhersagen. Deshalb machen die direkten Warnungen per App oder SMS Sinn: So können Anwender noch kurzfristig vor dem aufziehenden Gewitter binnen einer Stunde gewarnt werden.

Vom Nutzen der Frühwarndienste ist auch Ralf Tornau überzeugt, der in der Abteilung Firmenkunden Schadenverhütung der Westfälischen Provinzial Versicherung für den Unwetterwarnservice WIND zuständig ist. WIND steht für „Weather Information on Demand“ und wird bereits seit mehr als zehn Jahren den Kunden des Versicherers angeboten. „Die Empfänger unserer Unwetterwarnungen können zum Beispiel Fenster schließen und ihr Auto unterstellen.“ Die Genauigkeit der Vorhersagen sei oftmals verblüffend. „Unsere Kunden erleben das als sehr positiven Service“, sagt Tornau. Neben dem Schutz von Sachwerten gehe es aber vor allem um den Schutz der Menschen. Denn durch die Klimaveränderung stelle Unwetter zunehmend auch eine Bedrohung für Leib und Leben dar, ergänzt der Schadenverhütungsexperte. Gerade die Unwetter der letzten Wochen hätten dies gezeigt.

Kommunen und Rettungsdienste nutzen Wetterdienste

Insbesondere Kommunen profitieren von diesem Warnservice. So informiert die Westfälische Provinzial lokale Behörden wie die Feuerwehrleitstellen und auch Bauhöfe. „Dieser Service ermöglicht Mitarbeitern, sich frühzeitig für Krisensituation zu rüsten, entsprechende Vorkehrungen zu treffen und eine erhöhte Einsatzbereitschaft zu gewährleisten“, sagt Tornau. In den Wintermonaten erhalten kommunale Einrichtungen zusätzlich noch Wettervorhersagen für den Winterdienst.

In Zukunft sind weitere Anwendungen basierend auf solchen Unwetterwarnungen in Versicherungsservices vorstellbar: So wäre theoretisch auch eine Einbindung in Smart-Home-Anwendungen möglich. Die Idee: Der Versicherer alarmiert nicht mehr nur den Kunden, die Unwetterwarnung sorgt auch automatisch dafür, dass die Markise einfährt und sich die Fenster schließen. Ein Zukunftsszenario, das schon heute möglich wäre. Doch die Verbreitung von Smart Home in deutschen Haushalten ist noch zu gering.

Trotz aller Gefahren des launigen Sommers: Das Wetter kann auch seine schönen Seiten haben. Und so bietet die MehrWetter-App der öffentlichen Versicherer noch eine ganz andere Funktion: Sie meldet auch den optimalen Zeitpunkt für die nächste Grillparty – als Schönwetter-Alarm.