30.06.2016
Kolumne Europa ohne Briten

Was die Brexit-Entscheidung für deutsche Versicherer bedeutet

Die Bürger Großbritanniens haben entschieden. Wir leben nun in einem anderen, einem schwächeren Europa. Großbritannien und die EU sind gefordert, zügig klare Rahmenbedingungen herzustellen und das Votum der Briten umzusetzen – ohne Wenn und Aber. Die Kolumne vom Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

„Briten, bleibt!“ habe ich vergangene Woche an dieser Stelle geschrieben und bekenne: Nicht im Traum habe ich damit gerechnet, dass sich tatsächlich eine Mehrheit für den Brexit findet. Wenn ich die Reaktion auf das Votum an den Finanzmärkten betrachte, war ich dabei offensichtlich nicht der Einzige.

Der Brexit ist ein lautstarker Weckruf!

Aber gewiss gehöre ich (noch) zu der Generation, für die die Europäische Union vor allem für eine lange Periode des Friedens, der Versöhnung mit Deutschlands Nachbarn und für Wohlstand steht. Und dabei war der Ärger über die gelegentlich unerträgliche europäische Bürokratie, eine sprichwörtliche Regulierungswut, die Ferne der Politik von Menschen und Märkten und der zunehmend fehlende Respekt vor dem – selbst gesetzten – Recht ein noch zu ertragender Kollateralschaden. Schließlich ging es um ein höheres Gut.

Der Brexit ist ein lautstarker Weckruf! Die ersten Reaktionen der „Berufseuropäer“, die nun meinen, dass wir noch mehr Integration brauchen, lassen mich allerdings zweifeln, ob der Weckruf überall gehört worden ist.

Was geschehen ist, lässt sich nicht ungeschehen machen

„Briten, bleibt!“ habe ich geschrieben – und nun ist der erste schon gegangen und hat damit eine Personalie ausgelöst, die auch uns Versicherer betrifft: Jonathan Hill, britischer Staatsbürger, hat konsequent seinen Rücktritt erklärt, ausgerechnet der Mann also, der als Finanzkommissar für Reformen des europäischen Finanzsektors stand. Er könne nicht so weitermachen, als ob nichts geschehen wäre, sagte Hill. Was geschehen sei, lasse sich nicht mehr ungeschehen machen.

Die Briten haben entschieden, und dies ist zu respektieren. Ich halte die Entscheidung aus offenkundigen Gründen allerdings für falsch. Doch selbst wenn sich diese Einsicht jetzt auch bei immer mehr Briten einzustellen scheint, die Debatte um ein zweites Referendum hochkocht und Wissenschaftler konstatieren, dass es „keine echte Mehrheit für den Brexit“ gegeben habe, fürchte ich: Jonathan Hill hat recht. Was geschehen ist, lässt sich nicht ungeschehen machen.

Wir können keine Hängepartie gebrauchen

Die deutschen Versicherer gehören zu den größten Kapitalanlegern des Landes und zu den Top 3 Versicherungsmärkten in Europa. Egal, wie die Briten nun weitermachen: Europa und wir Versicherer können keine Hängepartie gebrauchen. Die Briten haben mit ihrer Entscheidung große Unsicherheit ausgelöst, umso mehr stehen sie und die Europäische Union nun in der Pflicht, zügig klare und planbare Rahmenbedingungen herzustellen – einen Fahrplan zu entwickeln, wie es weitergeht. Dabei räume ich ein: dies zu fordern ist der einfache Part. Der Forderung zu entsprechen aber, ist alles andere als trivial.

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Diese Unsicherheit betrifft Entscheider unserer Branche, wie diejenigen, die Entscheidungen täglich umsetzen gleichermaßen – und natürlich auch unsere Kunden. Gerade unseren Kunden möchte ich sagen:

• Die deutschen Versicherer, sieht man von den börsennotierten Unternehmen ab, sind durch die Kursausschläge auf den Märkten nur indirekt von der Brexit-Entscheidung betroffen, und zwar in ihrer Eigenschaft als Kapitalanleger ihrer Kunden.
• Für ihre Geschäfte, besonders mit Produkten für die Altersvorsorge, braucht die Versicherungsbranche Planbarkeit und vermeidet daher ohnehin risikoreiche und volatile Anlageformen.
• Diese Gelder werden von Profis verwaltet, die es gewohnt sind, mit solchen Lagen umzugehen.

Schon mitten drin in einem politischen Umbruchprozess

Nichtsdestotrotz sind die Folgen der Brexit-Debatte auch gesamtwirtschaftlich betrachtet ein Einschnitt. Der Rücktritt des britischen EU-Finanzkommissars macht deutlich, dass wir uns schon längst mitten in einem Umbruchprozess befinden: Wir Versicherer sind – auch auf EU-Ebene – eine streng regulierte Branche und daher stark von politischen Strömungen betroffen. Die europäischen Regeln zur Versicherungsaufsicht Solvency II sind erst seit wenigen Monaten in Kraft. Aus heutiger Perspektive mutet es fast schon kurios an, dass ausgerechnet Großbritannien sich besonders bei der Entwicklung dieser Regeln eingebracht hat.

Der pragmatisch marktorientierte Geist der Briten, der sich stets gegen ausufernde Regulierung gewehrt hat, wird an den Verhandlungstischen in Europa fehlen. Der größte Versicherungsmarkt Europas wird nicht mehr Teil der Europäischen Union sein. Wir bedauern dies ganz außerordentlich. Die Beziehungen zu Großbritannien sind neu zu vereinbaren. Europa braucht Großbritannien, so, wie Großbritannien Europa braucht. Wir alle brauchen jetzt faire Regeln, natürlich kein cherry-picking, aber Besonnenheit bei der Gestaltung der Zukunft.

Viele haben das hervorragende Buch von Christopher Clark „Die Schlafwandler – The Sleepwalkers“ gelesen. Dieser Titel kommt mir in den letzten Tagen immer wieder in den Kopf. Es kommt jetzt darauf an, Europa bewusst zu gestalten, die Sorgen der Menschen aufzunehmen, den Weckruf zu hören!

Was wir dazu tun können, werden wir auf den Weg bringen.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth