07.06.2016
Kolumne Schadenbilanz der Flut

Genauere Daten führen zu einer besseren Versicherbarkeit von Flutrisiken

Nur das Zusammenspiel aus Prävention und fundierter Prämienkalkulation sorgt auch in Zukunft für die Versicherbarkeit von Naturgefahren. Die Kolumne vom Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Seit über zwei Wochen liegen nun Tiefdruckgebiete über weiten Teilen Deutschlands, die einfach nicht mehr weichen wollen. Die Wassermassen „Elviras“ und „Friederikes“ sind auf ein Gebiet von Süddeutschland bis nach Nordrhein-Westfalen niedergegangen – und wer am Wochenende im Berliner Ortsteil Kladow ein Eis gegessen hat, war froh über die Sonnenschirme dort, die dem urplötzlich einsetzenden Platzregen noch halbwegs standhalten konnten.

Wir wollen so schnell wie möglich neue Zahlen vorlegen

Vielerorts sind die Folgen ungleich schlimmer. Wir Versicherer arbeiten mit Hochdruck daran, unseren Kunden jetzt zeitnah und unbürokratisch zu helfen. Dazu gehört es, sich zügig einen Überblick über die entstandenen Schäden zu verschaffen. Allein für die Folgen des Tiefs „Elvira“, das zwischen dem 27. und dem 30. Mai gewütet hat, werden die deutschen Versicherer wohl rund 450 Millionen Euro leisten. Das ist das Ergebnis der vorläufigen Schadenschätzung unseres Verbands. In diesen Zahlen sind die Unwetterschäden der darauffolgenden Tage, etwa in Niederbayern und Nordrhein-Westfalen, noch nicht enthalten. Daran arbeiten wir gerade – und wollen so schnell wie möglich neue Zahlen vorlegen.

Versicherte Schäden müssen zügig erstattet werden – heute und in Zukunft. Die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen haben noch einmal klar gemacht, dass wir alle dafür etwas tun müssen: Starkregen stellt alle Regionen Deutschlands vor außergewöhnliche Herausforderungen. Nur über Prävention lassen sich das Leid der Menschen und künftige Schäden begrenzen.

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Mögliche Wassermassen schon bei der Stadtplanung berücksichtigen

In vielen Gemeinden erleben wir aber das Gegenteil: Da werden Bäche in Rohre gezwängt, etwa um auf ihnen bauen zu können. Rohre die nach und nach verstopfen und plötzlich auftretende Fluten nicht aufnehmen können. Da werden Engpassstellen in kleinen Gewässern nicht regelmäßig kontrolliert und von Treibgut befreit. Da wird die Versiegelung von Flächen ungehindert vorangetrieben. Da wird gerade an den kleinen Bächen viel zu wenig darauf geachtet, dass es ausreichend Regenrückhaltebecken gibt, damit sintflutartige Wassermassen vorübergehend aufgefangen werden und kontrolliert abfließen können. Da wehren sich Landwirte vielerorts gegen die notwenige Rückverlegung von Deichen. Die Liste ließe sich ohne Probleme fortsetzen. In unserem Naturgefahrenreport beschreiben wir diese Aspekte und zeigen, wie etwa Hamburg sie für die Stadtplanung bereits berücksichtigt. Hier ist die Politik gefordert, aber auch viele Eigenheimbesitzer, die ihr Haus ebenfalls vor Starkregen schützen können.

Genauere Daten führen stets zu einer besseren Versicherbarkeit

Ich habe es vergangene Woche an dieser Stelle bereits gesagt und möchte es noch einmal unterstreichen: Heute können sich nahezu alle Besitzer von Gebäuden in Deutschland vor Elementargefahren schützen. Dafür erheben und analysieren Versicherer viele Daten: Um die Überschwemmungen von Flüssen und Gewässern risikogerecht kalkulieren zu können, haben wir das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS) entwickelt. Insgesamt wurden bis 2016 über 21 Millionen Adresskoordinaten eingespeist. Mit Erfolg, denn genauere Daten führen stets zu einer besseren Versicherbarkeit. Galten 2002 noch rund 10 Prozent der Flächen als Hochrisikogebiete (ZÜRS-Zone 4), lag dieser Wert im Jahr 2008 nur noch bei 1,7. Im laufenden Jahr wird die ZÜRS Zone 4 auf unter 1 Prozent schrumpfen. Und selbst in dieser höchsten Risikozone ist in Deutschland jedes vierte Haus gegen Hochwasser versichert – nur jedes vierte Haus, denn mehr wäre möglich.

Nur dieses Zusammenspiel aus Prävention und fundierter Prämienkalkulation sorgt auch in Zukunft für die Versicherbarkeit von Naturgefahren.

Einige Menschen schlagen in Wetterlagen wie diesen reflexartig eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden vor. Der Gedanke liegt nahe, ist aber dennoch grundfalsch: Eine Pflichtversicherung nimmt etwa jeden Anreiz, die geschilderten Probleme in den Gemeinden nachhaltig anzugehen. Zudem zeigt der Blick ins benachbarte Ausland, dass es harter Einschnitte bei der Entschädigung bedarf, um eine Pflichtversicherung auf Dauer bezahlbar zu halten.

Schauen Sie auf die Schweiz. Hier gibt es zwar eine Pflichtversicherung, die schließt aber ausgerechnet die für die Eidgenossen so wichtige Naturgefahr „Erdbeben“ aus. Das wäre so, als würde man in Deutschland eine Pflichtversicherung einführen, aber die Gefahr von Überschwemmung ausschließen. Zudem ist die verpflichtende Elementarschadenversicherung der Schweiz per Gesetz für die private Versicherungswirtschaft auf insgesamt 1 Milliarde Euro pro Schadenereignis gedeckelt. Das hält die Beiträge niedrig. In Deutschland hätte das Schweizer Modell beim schweren Hagelschlag des Jahres 2013 mit einer Schadensumme von rund 3 Milliarden Euro dazu geführt, dass jeder Versicherte nur ein Drittel seines Schaden erstattet bekommen hätte – und auf zwei Dritteln sitzengeblieben wäre.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth