23.06.2016
Brexit-Abstimmung

„Mit einem Austritt Großbritanniens wäre das europäische Projekt beschädigt“

Die Briten votieren am 23. Juni über den Verbleib des Königreichs in der EU. GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener über die möglichen Folgen eines Brexit für Europa, den Finanzplatz London – und die Versicherungswirtschaft.

Herr Wiener, was wären die Folgen eines Brexit für die deutschen Versicherer?
Klaus Wiener: Ein Austritt der Briten wäre ein in deutlicher Rückschlag für die europäische Integration. Er würde die enge wirtschaftliche Vernetzung Großbritanniens mit dem Rest der EU gefährden. Der Anteil der Exporte Großbritanniens in die EU beträgt gut 50 Prozent, so dass verminderte Ausfuhren in die EU die britische Wirtschaft schwer treffen würden. Natürlich hätte das auch Folgen für die europäische Exportwirtschaft, aber in einem sehr viel geringeren Ausmaß, denn der Anteil der Ausfuhren der EU nach Großbritannien liegt nur bei etwas mehr als 10 Prozent. Die deutsche Versicherungsbranche wäre indirekt über mögliche Turbulenzen auf den Finanzmärkten betroffen.

Was meinen Sie konkret mit indirekten Folgen eines Brexit?
Wiener: Die Versicherungsbranche ist ein riesiger Kapitalanleger. Wir können davon ausgehen, dass im Falle eines Brexit die Unsicherheit an den Märkten steigt. Damit würden auch die Risikoprämien von festverzinslichen Wertpapieren in Großbritannien steigen. Das britische Pfund dürfte unter Abwertungsdruck geraten, genauso wie Aktien von der Insel. Diese Effekte wären auch hier zu spüren. Die Flucht in „sichere Häfen“ würde die ohnehin schon rekordniedrigen Renditen in Deutschland weiter unter Druck setzen. Darüber hinaus werden Aktienkurse unter den gedämpften Wachstumsperspektiven leiden. Damit wären die nach Solvency II zu berechnenden Solvenzquoten negativ beeinflusst. Allerdings dürfte sich der Effekt als vorübergehend erweisen, denn nach der ersten Phase großer Unsicherheit sollten sich die Finanzmärkte auf dem Kontinent stabilisieren.

Zur Person

Dr. Klaus Wiener

ist Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Der promovierte Ökonom verantwortet als Geschäftsführer Fragen zur Gesamtwirtschaft, Finanzmärkten und Kapitalanlagen.

Wiener kommt von der Assicurazioni Generali, wo er zuletzt die taktische Vermögensverwaltung leitete und ebenfalls die Funktion des Chefvolkswirts im Asset Management der Generali Gruppe ausübte. Er bringt Erfahrungen aus akademischer Lehrtätigkeit mit und schreibt regelmäßig Gastkommentare in führenden deutschen und internationalen Publikationen.

>> GDV-Geschäftsführung

Wie hoch sind denn die Anlagen der deutschen Versicherer in Großbritannien?
Wiener: Es geht um zirka drei Prozent der gesamten Kapitalanlagen der deutschen Erstversicherer. Diese wären von möglichen Verlusten betroffen. Dabei handelt es sich in erster Linie um Rentenpapiere, die etwa 85 Prozent dieses Portfolios ausmachen.

Welche Konsequenzen hätte ein Brexit für Großbritannien und die dortigen Versicherer?
Wiener: Die Ratingagentur Moody’s geht von erheblichen, wenn auch verkraftbaren, Auswirkungen auf die britische Versicherungswirtschaft aus, vor allem auch deswegen, weil die britischen Versicherer den größten Teil ihrer Umsätze auf der Insel generieren. Die britischen Versicherer selbst sprechen von einer bedeutenden Anzahl von Arbeitsplätzen, die bei einem Brexit in Großbritannien auf dem Spiel stehen würden. Letztlich ist es schwer zu sagen, wie groß die Effekte für das Wachstum und Wohlstand der britischen Volkswirtschaft ausfallen werden. Nahezu sicher ist aber: Die Folgen wären gravierend. Eine Studie des Internationalen Währungsfonds kalkuliert mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 0,5 Prozent. Ich persönlich halte das für sehr optimistisch. Denken Sie an die Verunsicherung der Investoren. Allein der Verlust der Freizügigkeit dürfte Investitionen massiv bremsen. Zudem könnte es sein, dass London aus den europäischen Aufsichtssystemen, auch im Finanzwesen, auszuscheren würde.

Könnte das zu Wettbewerbsverzerrungen führen?
Wiener: Natürlich. Wir sind ja eine hochregulierte Branche, das gilt gerade auch für Europa. Das Aufsichtsregime Solvency II ist erst seit wenigen Monaten in Kraft. Wir brauchen ein Europa mit einheitlichen Wettbewerbsbedingungen. Auch wenn Großbritannien in der EU bleibt, was ich hoffe, müssen wir darauf achten, dass diese Vorgabe erfüllt ist – und bleibt. Im Übrigen würde sich ein Austritt Großbritanniens aus der EU nachteilig für die britischen Versicherer auswirken, die weiterhin auf dem Kontinent tätig sein wollen. Für sie gälte dann ein Aufsichtsregime, bei dessen Gestaltung sie keinerlei Einfluss mehr hätten. Bei der Entwicklung und Gestaltung von Solvency II hat sich Großbritannien sehr stark eingebracht. Denken sie etwa an die Eigenmittelunterlegung, die für Immobilien gilt. Hier wurde die Preis- und Volatilitätsentwicklung von Immobilien des Großraums London zu Grunde gelegt. Bei einem Austritt Großbritanniens wird dies zukünftig ganz sicher nicht mehr der Fall sein.

London ist Standort vieler Startup-Unternehmen – Fintechs werden für Versicherer ja immer interessanter. Würde ein Brexit die Rahmenbedingungen für Firmengründer in Großbritannien verschlechtern?
Wiener: London ist das Mekka für Fintechs. Diese Firmen sind natürlich auf gute Kundenbeziehungen in der Europäischen Union angewiesen, ebenfalls auf einen freizügigen Arbeitsmarkt, um junge Talente rekrutieren zu können. Startups brauchen einen guten Zugang zu Risikokapital. All dies würde durch einen Brexit erschwert. Diese Firmen sind ja per Definition agil und flexibel aufgestellt– und könnten damit auch ihren Standort relativ einfach wechseln.

Was würde ein Brexit für die Wirtschaft Europas bedeuten?
Wiener: Mit einem Austritt Großbritanniens wäre das europäische Projekt beschädigt, so dass auch der Euro deutlich an Wert verlieren sollte. Dies mag kurzfristig wegen der besseren preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Exporte und dem Aufwärtsdruck auf die Importpreise, Stichwort: Vermeidung von Deflation, durchaus gewünscht sein. Mittelfristig ist eine schwache Währung aber immer ein Nachteil für eine Volkswirtschaft – und ein Zeichen wirtschaftlicher Schwäche.

Zum Schluss Ihre persönliche Meinung: Sind Sie für oder gegen einen Brexit?
Wiener: Dagegen selbstverständlich. Europa ist derzeit geschwächt: Die Integrationsdebatte angesichts der Flüchtlingsströme, die Staatsschuldenkrise, die immer noch nicht in Gänze überwunden ist. Die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung im einheitlichen Währungsraum, die nur durch Strukturreformen harmonisiert werden kann. Wir müssen den Glauben an das europäische Projekt gerade jetzt neu beleben. Hierzu brauchen wir auch den Input eines Landes wie Großbritannien, das traditionell für eine flexible Wirtschaft, wenig Bürokratie, sowie einen wettbewerbsfreundlichen ordnungspolitischen Rahmen steht.