22.06.2016
Kolumne Brexit

Briten, bleibt!

Die Briten stimmen über den Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union ab. Eins ist schon heute klar: Wir müssen den Glauben an das europäische Projekt neu beleben. Gerade ein Land wie Großbritannien, das für wettbewerbsfreundliche Rahmenbedingungen steht, kann dabei eine große Rolle spielen. Die Kolumne vom Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Das europäische Fundament war selten derart fragil. Die Flüchtlingskrise, die Verschuldung der Haushalte, die notwendigen wirtschaftlichen Strukturreformen in den Mitgliedstaaten: Wir müssen den Glauben an Europa gerade jetzt stärken. Hierzu brauchen wir auch den Beitrag eines Landes wie Großbritannien, das traditionell für eine flexible Wirtschaft, wenig Bürokratie sowie einen wettbewerbsfreundlichen ordnungspolitischen Rahmen steht. Schon deshalb kann ich nur appellieren: Briten, bleibt in der EU!

Wir brauchen für Europa Freizügigkeit und einheitliche Wettbewerbsbedingungen

Anfang der Woche habe ich deshalb einen offenen Brief unterschrieben, der sich für den Bremain – also den Verbleib der Briten – ausspricht. Insgesamt 21 Vorsitzende der nationalen europäischen Versicherungsverbände haben dies getan. Europa braucht Großbritannien und Großbritannien braucht Europa. Darin sind wir uns alle einig.

Das neue Aufsichtsregime Solvency II ist erst seit wenigen Monaten in Kraft. Bei der Entwicklung und Gestaltung hat sich Großbritannien stark eingebracht. Wir brauchen für Wachstum und Fortschritt in Europa Freizügigkeit und faire Wettbewerbsregeln – gerade wir Versicherer, da unsere Branche stark reguliert ist.

Hinzu kommt: Die Versicherungsbranche ist ein riesiger Kapitalanleger. Wir können wohl davon ausgehen, dass im Falle eines Brexit die Unsicherheit der Investoren zumindest kurzfristig stark steigt. Und nervöse Märkte sind überflüssig wie ein Kropf.

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Europas bedeutendster Finanzplatz und größter Versicherungsmarkt

Im Übrigen würde ein Austritt Großbritanniens natürlich viele Probleme für die britischen Versicherer bedeuten. Die Kollegen des britischen Versicherungsverbandes ABI haben die fünf wichtigsten Gründe für einen Verbleib der Briten in den Union auf ihrer Website zusammengetragen: Auf Platz eins steht schlicht und ergreifend die Tatsache, dass britische Versicherer bislang in jedem EU-Land problemlos Geschäfte betreiben können und dürfen. Machen wir uns klar, dass Großbritannien Europas bedeutendster Finanzplatz und größter Versicherungsmarkt ist. Ein Austritt würde den freien Markt für sie schlagartig verkleinern und verkomplizieren – und damit übrigens auch den Wettbewerb in Europa schwächen.

Den meisten Briten dürfte klar sein, dass längst nicht alle ihrer Probleme nur jenseits des Ärmelkanals verursacht werden. So oder so muss Europa aber seine Institutionen reformieren und den überbordenden Regulierungseifer beenden. Diese Reformen können mit Stimme und Tatkraft des Vereinigten Königreiches viel besser gelingen, als ohne die Briten.

In einer sich globalisierenden Welt, in der Europa Jahr für Jahr an Einfluss und Gewicht verliert, würde ein Austritt der Briten aus der EU ein gefährliches und möglicherweise ansteckendes Signal der Isolation senden. Wir aber brauchen in Europa nicht Abschottung, sondern Zusammenarbeit aller.

Deshalb: Briten, bleibt!

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth