31.05.2016
Kolumne Unwetterkatastrophe in Süddeutschland

Flutschäden – unsere Kunden zählen gerade jetzt auf uns

Die Bilder aus Süddeutschland sind alarmierend: Stellenweise fiel binnen einer Stunde so viel Regen wie sonst innerhalb eines halben Monats. Heute können sich nahezu alle Besitzer von Gebäuden gegen Elementargefahren versichern. Dabei müssen wir uns klarmachen, dass der Verlust des Eigenheims für viele das existenzielle Risiko schlechthin darstellt. Die Kolumne vom Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth.

Es gab mehrere Tote. Rund 900 Bewohner des Ortes Braunsbach im Norden Baden-Württembergs stehen hilflos vor den Trümmern, die die Naturgewalten zurückgelassen haben. Die Produktion im Audi-Werk Neckarsulm wurde wegen des Wassers zeitweise gestoppt.

Unsere Kunden zählen gerade jetzt auf ihren Versicherer

Es ist einerseits eine Zeit des Innehaltens, um an die vielen Schicksale zu denken und allen Betroffenen Kraft für den Wiederaufbau zu wünschen. Andererseits gilt es, Tempo zu machen. Unsere Kunden zählen gerade jetzt auf ihren Versicherer. Darauf, dass wir sie dabei unterstützen, die Schäden zu beheben und sie schleunigst zu erstatten. Allein im Jahr 2014 haben Versicherer rund 1,2 Milliarden Euro für Schäden durch Unwetter geleistet.

Wetterlagen wie die in Süddeutschland machen erschreckend klar, wie real die Gefahr durch Starkregen und Überschwemmungen ist – und wie viele Menschen sie bis heute unterschätzen. Solche Phänomene, die bedingt durch den Klimawandel zweifellos vermehrt auftreten werden, werfen für unsere Branche grundsätzliche Fragen auf. Die dringlichste: Wie können wir sicherstellen, dass die Folgen des Klimawandels zu akzeptablen Konditionen versicherbar bleiben – und zwar für alle Kunden, die sich versichern wollen.

Die gute Nachricht ist: Es gibt keinen Grund zu befürchten, dass die Folgen von extremen Wetterereignissen nicht mehr versichert werden könnten. Im Gegenteil: Heute können sich nahezu alle Besitzer von Gebäuden in Deutschland vor Elementargefahren schützen. Viele Menschen erkennen das Risiko und handeln. Unsere Statistiken zeigen, dass die Zahl der elementarversicherten Gebäude stetig zunimmt.

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Auch in der höchsten Risikozone ist jedes vierte Haus gegen Hochwasser versichert

Beispiel Sachsen: In dem vom Hochwasser im Juni 2013 am stärksten betroffenen Bundesland waren damals 42 Prozent der Häuser versichert. Nur zwei Jahre danach waren es bereits 46 Prozent. Auch bundesweit ist dieser Trend zu beobachten. Noch 2002 waren lediglich 19 Prozent der Haushalte gegen Hochwasser und Starkregen versichert, im vergangenen Jahr dagegen schon knapp 40 Prozent. Auch in der höchsten Risikozone ist in Deutschland jedes vierte Haus gegen Hochwasser versichert – mehr wäre möglich.

So erfreulich das ist – auf dieser Entwicklung dürfen wir uns keinesfalls ausruhen. Daher informieren wir die Menschen weiter über die latenten Gefahren durch Wetterphänomene wie Überschwemmung, Starkregen oder Stürme – und setzen uns dafür ein, dass Schäden erst gar nicht entstehen. So fordern wir etwa, dass in Deutschland der Schutz von Gebäuden vor Fluten verbessert, die Klimaforschung weiter gefördert oder extrem überschwemmungsgefährdete Regionen nicht mehr als Bauland ausgewiesen werden. Diese und andere Themen diskutieren wir übrigens Mitte September auf der Naturgefahrenkonferenz der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin, zu der wir auch neue Erkenntnisse über Starkregen präsentieren werden.

Oft kostet der Schutz für das Eigenheim weniger als eine Vollkaskoversicherung

In dieser Diskussion müssen wir uns eins vor Augen führen: Der Verlust des Eigenheims stellt für viele Bürger das existenzbedrohende Risiko schlechthin dar. Häufig kostet der Schutz davor deutlich weniger als eine durchschnittliche Vollkaskoversicherung für das Auto. Das konnte man erst jüngst der Zeitschrift „Finanztest“ entnehmen.

Und wenn die Prämie doch einmal höher liegt als die einer Vollkasko-Police? Lassen Sie mich hier die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen: Es geht schließlich nicht um ein paar Beulen im Blechkleid, sondern um das existenzielle Risiko der Eigenheimbesitzer – um Hunderttausende, teilweise sogar Millionen von Euro.

Entsprechend muss man die Höhe möglicher Selbstbeteiligungen in der richtigen Relation betrachten. Wenn Prämien bezahlbar bleiben sollen und es darum geht, die Existenz abzusichern, dann kann es geradezu geboten sein, den Selbstbehalt einer Elementarschadenpolice an diesen Prämissen auszurichten – auch im Interesse der Versichertengemeinschaft. Die Elementarschadenversicherung leistet bis zum Ersatz eines gesamten Hauses. Wer dieses Prinzip Vollkasko stets und für jeglichen Fall mit minimalen Selbstbehalten fordert, macht Prämien erst recht unbezahlbar.

Und: Ist die Risikosituation vor Ort schwierig, dann müssen sich alle Beteiligten – Eigenheimbesitzer, Versicherer und Kommunen – an einen Tisch setzen und gemeinsam individuelle Lösungen erarbeiten: Damit die Gefahr von Schäden langfristig sinkt, damit Existenzen nachhaltig gesichert werden. Hier hat schon so manche Ortsbesichtigung zu guten Lösungen geführt.

Eine Pflichtversicherung ist keine Lösung

Die beste Strategie in Sachen Naturgefahren lautet, Schäden zu vermeiden oder zu begrenzen. Darum ist auch eine Pflichtversicherung keine Lösung. Sie würde präventive Maßnahmen bremsen – denn im Schadenfall wäre man ja versichert, und zwar unabhängig davon, ob in Schutz investiert wurde oder nicht. Außerdem wäre die Pflichtversicherung ein Freibrief, um weiter in gefährdeten Gebieten zu bauen. Da droht eine Spirale aus zunehmenden Schäden und höheren Kosten. Das Ergebnis mangelnder Prävention konnte man übrigens in Großbritannien beobachten. Binnen weniger Jahre hatten sich dort die Prämien vervielfacht. Auch die deutsche Justizministerkonferenz hat sich daher aus guten Gründen gegen eine Pflichtversicherung ausgesprochen.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth