14.04.2016
Politische Positionen 2016

Klimawandel – Anpassungen an veränderte Risiken erforderlich

Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Vom Anstieg der Temperaturen und des Meeresspiegels bis hin zu extremen Wetterphänomenen – immer stärker hat der Klimawandel Auswirkungen auf die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Nach dem Weltklimagipfel in Paris kann es ein „Weiter so“ ohnehin nicht geben.

Zuallererst spüren die Schaden- und Rückversicherer die finanziellen Folgen des Klimawandels. Naturkatastrophen haben im vergangenen Jahr einen weltweiten Schaden von rund 90 Mrd. USD verursacht (Munich Re 2016); hierzulande zahlten die Sachversicherer im vergangenen Jahr rund 2,1 Mrd. Euro für Stürme, Hagel und die Folgen von Naturgewalten. Immer mehr stellt sich die Aufgabe, durch Anpassung und Risikoprävention dem Klimawandel zu begegnen.

Die Beschlüsse der Pariser Weltklimakonferenz haben deshalb besondere Bedeutung – und weitreichende Implikationen: Zum ersten Mal hat die Staatengemeinschaft das Ziel völkerrechtlich verbindlich verankert, den Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert auf 2°C gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Bis 2050 wollen die führenden Industrieländer die „Transformation“ ihrer Energiesektoren erreichen. Die Bundesregierung will noch in diesem Jahr in einem nationalen Klimaschutzplan 2050 den Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter in Deutschland skizzieren.

Die GDV-Positionen
Naturgefahrenportal: Risikoaufklärung bundesweit ausdehnen
Risikobewusstsein entsteht durch Aufklärung. Mit dem Informationsportal „Kompass Naturgefahren“ (www.kompass-naturgefahren.de) setzt die Versicherungswirtschaft diesen Gedanken erfolgreich um: Standortgenau können sich die Bürger in einigen Bundesländern über mögliche Gefährdungen durch Hochwasser, Starkregen, Blitz- und Überspannung sowie Sturm und Hagel informieren.
 
Nun ist die Politik am Zug: Wie in anderen europäischen Ländern auch, muss der Staat die von ihm erhobenen Daten und Informationen zu Naturgefahren zusammenführen und der Öffentlichkeit in einem zentralen Online-System zugänglich machen. Ein entsprechender Vorstoß der Umweltminister von Bund und Ländern wurde bislang nicht umgesetzt. Deutschland verliert damit den Anschluss im Vergleich zu unseren Nachbarstaaten Österreich und der Schweiz. In der Schweiz beispielsweise informiert und warnt das Naturgefahrenportal die Bevölkerung, Medien und Behörden vor drohenden Naturgefahren (www.naturgefahren.ch.
 
Das Portal ist als neutrale Informationsquelle breit akzeptiert – zumal es auch für Alltagssituationen etwa bei Straßenglätte oder Windgefahr nützliche Auskünfte gibt. Die Versicherungswirtschaft bietet an, das mit dem Kompass Naturgefahren gesammelte Know-how in die Entwicklung eines bundesweiten Naturgefahrenportals einzubringen.
Nachhaltiges Bauen: Bei Baukonstruktionen und Baustoffen Prävention beachten
Der Gebäudebestand in Deutschland ist nur unzureichend gegen Extremwetterlagen wie Hagel und Starkregen geschützt. Die Anfälligkeit von Baustoffen und Bauweisen gegenüber Naturgefahren spielt im Neubau sowie in der Sanierung von Immobilien nur eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: Neue Baustoffe haben bislang nicht gekannte, neue Verwundbarkeiten geschaffen.
 
Angesichts einer zu erwartenden Zunahme von Extremwetterlagen ist es notwendig, Planungs- und Baunormen sowie die Vorschriften für Errichter anzupassen. Ferner müssen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Schutzzielen (etwa Klimaschutz- und Klimaanpassungsziele) stärker miteinander verzahnt werden: So zeigen z. B. Baustoffe, die Energie sparen (etwa Styropor), eine größere Verwundbarkeit gegen Wetterextreme wie bspw. Hagelschlag.
 
Gewerbe-, Siedlungs- und Wohnungsbau sollten sich daher am Leitbild der Nachhaltigkeit orientieren. Das bedeutet energetisch sinnvolles Bauen, das Schäden in der Zukunft vorbeugt, indem es stärkere Witterungseinflüsse und Elementarschäden bereits antizipiert und ihnen präventiv begegnet.
 
Einen solchen Schritt unter Hinweis auf höhere Neubaukosten zu unterlassen, wäre fahrlässig. Denn kurze Bauzeiten und niedrige Baukosten führen nicht automatisch zu günstigeren Gesamtbetriebskosten. Insbesondere dann nicht, wenn der Preis in Form höherer Schadenanfälligkeit in der Zukunft gezahlt werden muss.
Elementarschadenpflichtversicherung: Vorsorge nicht konterkarieren
Die beste Vorsorge gegen die Folgen des Klimawandels sind Präventionsmaßnahmen. Sie vermeiden oder begrenzen Schäden nachhaltig. Eine Pflichtversicherung erreicht das Gegenteil: Damit würden individuelle oder staatliche Anstrengungen zur Schadenprävention in den Hintergrund rücken. Öffentliche oder private Vorsorge- und Schutzmaßnahmen in Gefahrenzonen würden vernachlässigt – ob in den eigenen vier Wänden oder in überschwemmungsgefährdeten Gebieten. Denn im Schadenfall würde immer gezahlt. Die Folge aber wäre eine Spirale aus zunehmenden Schäden und höheren Kosten. Die Prämien würden steigen, viele könnten sich die Policen nicht mehr leisten.
 
Auch die deutschen Justizminister haben sich deshalb gegen eine Pflichtversicherung ausgesprochen. Heute sind nahezu alle Gebäude in Deutschland gegen Elementargefahren versicherbar. Die Versicherungswirtschaft und die öffentliche Hand sollten daher gemeinsam nach Lösungen suchen, damit Versicherungsschutz in der Breite der Bevölkerung angenommen wird.


Dennoch müssen schon heute Maßnahmen ergriffen werden, die die Folgen des Klimawandels begrenzen. Denn der Wandel des Klimas findet bereits statt. Deshalb sind Anpassungen von Wirtschaft und Gesellschaft an die sich verändernde Umwelt und die sich ändernden Risiken erforderlich. Kluge Stadt- und Raumplanung nimmt diese Realität zur Kenntnis – das Bewusstsein in Bund, Ländern und Kommunen wächst, mehr zum Schutz vor Überflutung, Hitze und Trockenheit tun zu müssen: Deiche werden erhöht, versiegelte Straßen und Plätze in den Städten zu Grün- und temporären Auffangflächen umgestaltet. Was bei Starkregen hilft, kühlt und erfrischt das Stadtklima auch in Hitzeperioden.
 
Wie der öffentliche Raum müssen sich auch Gebäude dem Klima anpassen. Analog zum Hochwasserpass könnte ein „Resilienz-Pass“ die Fähigkeit und Eigenschaften eines Gebäudes bescheinigen, bestimmten Wetterereignissen zu widerstehen. Beide sind hilfreiche Instrumente, Risiken zu erkennen und daraus individuelle Schutzmaßnahmen abzuleiten und baulich umzusetzen. Solche Präventionsmaßnahmen sind immer auch der Schlüssel zu bezahlbarem Versicherungsschutz.
 
Wie bei der Sicherheit rund ums Auto gilt es, auch für Immobilien ein Bewusstsein für Sicherheit zu schaffen: Welche Sicherungssysteme und Baumaterialien sind geeignet, den Wetter-Folgen und Schadenpotenzialen des Klimawandels zu begegnen? Angepassten Raumordnungs- und Flächennutzungsplänen müssen angepasste Bauordnungen und Bauvorschriften folgen. Hier sind Wissenschaft und Politik in der Pflicht, die Risiken klar zu benennen, neue Regeln zu formulieren und neue Normen zu setzen – damit Ingenieure, Architekten und Bauherren solche Immobilien konstruieren und bauen, die sich an den Risiken des Standortes orientieren und Schutz vor den Folgen des Klimawandels bieten.